Eine Persönlichkeit, die mit Christus gleichförmig wird

Einführung: Was heißt Persönlichkeit? Was versteht man unter einer reifen Persönlichkeit in jeder Lebensphase? Temperament und Charakter. Merkmale menschlicher Reife. Das Christentum zeigt ein Vorbild: Ziel ist es, ein anderer Christus zu werden, dieselben Gefühle zu haben wie Christus, in Christus leben.

Persönlichkeitsbildung
Opus Dei - Eine Persönlichkeit, die mit Christus gleichförmig wird

Warum reagiere ich so? Warum bin ich so? Kann ich mich ändern? Solche und ähnliche Fragen können uns gelegentlich kommen. Manchmal stellen wir sie auch bezüglich der anderen: Warum ist sie oder er so? … Wir wollen diese Fragen vertiefen, im Hinblick auf unser Ziel, nämlich Jesus Christus immer ähnlicher zu werden und ihn in unserem Leben wirken zu lassen. Dieser Prozess umfasst alle Dimensionen der Person. In ihrer Vergöttlichung bewahrt sie alle wahrhaft menschlichen Werte und hebt sie durch die christliche Berufung auf eine höhere Ebene. Jesus Christus nämlich ist wahrer Gott und wahrer Mensch: perfectus Deus, perfectus homo. In Ihm betrachten wir die vollendete Gestalt des Menschlichen, denn „Christus der Erlöser“ macht „dem Menschen den Menschen selbst voll kund“. Dieses ist – wenn man sich so ausdrücken darf - die menschliche Dimension im Geheimnis der Erlösung. In dieser Dimension findet der Mensch die Größe, die Würde und den Wert, die mit seinem Menschsein gegeben sind“1.

Das neue Leben, das wir mit der Taufe empfangen haben, ist dazu bestimmt, zu wachsen, bis wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen2. Obschon das Göttliche, das Übernatürliche, das entscheidende Element in der persönlichen Heiligkeit ist, das alle Facetten des Menschen vereint und in Harmonie bringt, dürfen wir nicht vergessen, dass es das Menschliche innerlich und notwendig mit einbezieht: Wenn wir unsere Verantwortung als Kinder Gottes ernst nehmen, begreifen wir, dass Gott uns echt menschlich haben will. Unser Kopf soll den Himmel berühren, aber beide Füße müssen fest auf der Erde stehen. Der Preis eines Lebens als Christ besteht nicht in der Verleugnung unseres Menschseins oder in der Vernachlässigung von Tugenden, die andere Menschen besitzen, ohne Christus zu kennen. Nein, der Preis für jeden Christen ist das erlösende Blut Jesu Christi, und ich wiederhole es, unser Herr will uns menschlich und sehr vergöttlicht, jeden Tag von neuem bemüht, Ihn nachzuahmen, der perfectus Deus, perfectus homo, ganz Gott, ganz Mensch ist.3

Die Aufgabe, den Charakter zu bilden

Die Wirkung der Gnade in den Seelen geht mit einer menschlichen Reifung einher, mit einer charakterlichen Vervollkommnung. Deswegen wird sich ein Christ, der die Heiligkeit sucht, nicht nur in den übernatürlichen Tugenden üben, sondern sich zugleich auch darum bemühen, jene Gewohnheiten, Handlungsweisen und Formen zu denken zu erlangen, die einen Menschen reif und ausgeglichen machen. Es wird ihn nicht der bloße Wunsch nach Vollkommenheit bewegen, sondern der Wille, das Leben Christi widerzuspiegeln. Der hl. Josefmaria ermutigt uns zu einer entsprechenden Gewissenserforschung: Mein Kind: wo ist das Abbild Christi, das die Menschen in dir suchen? Finden sie es etwa in deinem Hochmut, in deiner Herrschsucht? Oder in deinen „Eigenarten“, die abzulegen du nicht gewillt bist? Oder in deiner Rechthaberei? … Soll darin etwa Christus zu finden sein? – Nein! Die Antwort gibt uns einen Schlüssel, um diese Aufgabe anzupacken: Gewiss, du musst eine eigenständige Persönlichkeit sein; aber deine Persönlichkeit soll Christus immer mehr gleichförmig werden.4

In die Persönlichkeit fließt sowohl das Vererbte ein, das sich schon ab Geburt zeigt und „Temperament“ genannt wird, als auch all das, was wir durch Erziehung, persönliche Entscheidungen, die Beziehung zu Gott und den anderen sowie durch viele andere, oft unbewusste Faktoren erworben haben. Daraus ergeben sich unterschiedliche Persönlichkeits- oder Charaktertypen: extravertiert oder schüchtern, ungestüm oder zurückhaltend, sorglos oder ängstlich usw. Sie äußern sich in der Arbeitsweise, im Verhalten anderen gegenüber, in den Reaktionen auf die alltäglichen Vorkommnisse. Sie beeinflussen das sittliche Leben und erleichtern die Entfaltung bestimmter Tugenden oder – wenn deren Formung vernachlässigt wird – das Auftreten von Schwächen. Ein unternehmungslustiger Charakter etwa kann die Arbeitsamkeit fördern, wenn der Betreffende zugleich beharrlich ist und nicht in Aktivismus verfällt.

Gott rechnet mit unserer Persönlichkeit, um uns auf Wege der Heiligkeit zu führen. Die Wesensart eines jeden ist wie fruchtbarer Boden: Es genügt, geduldig und gelassen die Steine und das Unkraut zu entfernen, die die Wirkung der Gnade behindern; dann wird er Frucht bringen, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach5. Jeder kann die Talente Frucht bringen lassen, die er aus den Händen Gottes erhalten hat, wenn er sich vom Wirken des Heiligen Geistes verwandeln lässt. So entwickelt sich eine Persönlichkeit, die das Antlitz Christi widerspiegelt, ohne dass deswegen die persönliche Eigenart auch nur im Geringsten verloren geht; denn ihr müsst so verschieden sein, wie die Heiligen im Himmel verschieden sind, denn jeder von ihnen hat seine besondere persönliche Note6.

Auch wenn wir unsere Persönlichkeit stärken und läutern sollen, damit sie christlich geprägt wird, so sollen wir doch nicht denken, wir müssten zu einer Art Supermensch werden. Das Modell ist immer Jesus Christus, und er besitzt eine menschliche Natur wie wir, die aber in ihrer Normalität vollkommen und durch die Gnade erhöht ist. Natürlich finden wir auch in der Jungfrau Maria ein erhabenes Beispiel: In ihr wohnt die Fülle des Menschlichen – und der Normalität. Ihre Demut und Einfachheit sind sprichwörtlich und werden in der ganzen christlichen Tradition wohl am meisten geschätzt. Ihre Nähe, Zuneigung und Zärtlichkeit gegenüber allen ihren Kindern sind die Qualitäten einer guten Familienmutter. All dies bestätigt die Vollkommenheit eines Geschöpfes – größer als du ist nur Gott. 7 Sie ist so ganz menschlich, so liebenswert als Frau – die Frau schlechthin!

Menschliche und übernatürliche Reife

„Reif“ ist im eigentlichen Sinn etwas, das „so weit ist“, fertig ausgebildet, bereit für etwas. Im übertragenen Sinn bezeichnet das Wort eine Seinsfülle. Auf den Menschen bezogen, beinhaltet die Qualität der Reife auch die Erfüllung der Aufgaben, die ihm gestellt sind. Das beste Modell, das wir dafür finden können, ist Jesus selbst. Wenn wir bei der Betrachtung der Evangelien sehen, wie der Herr die Menschen behandelt, wie stark er im Leiden ist, wie entschlossen er die vom Vater empfangene Aufgabe in Angriff nimmt, dann verstehen wir, was Reife bedeutet.

Unser Glaube nimmt alle noblen Werte der verschiedenen Kulturen auf. Auch deswegen ist es gut, die klassischen Kriterien für menschliche Reife wieder aufzugreifen und zu läutern. So hat man es in der Geschichte der christlichen Spiritualität schon immer getan, in größerem oder kleinerem Ausmaß und mehr oder weniger ausdrücklich. Die griechisch-römische Klassik zum Beispiel, die von den Kirchenvätern so weise christianisiert wurde, stellte – mit unterschiedlichen Nuancen – besonders Weisheit und Klugheit ins Zentrum des Ideals der menschlichen Reife. Die christlichen Philosophen und Theologen jener Zeit bereicherten diesen Begriff durch die Vorrangstellung der theologischen Tugenden, besonders der Liebe als Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht8 (so der hl. Paulus), und allen Tugenden ihre Form gibt.

Das Bild von der menschlichen Reife ist in neuerer Zeit durch die modernen Wissenschaften vervollständigt worden. Ihre neuen Perspektiven und Ergebnisse sind nützlich in dem Maße, als sie von einer für die christliche Botschaft offenen Sicht des Menschen ausgehen. Manche Forscher unterscheiden drei Hauptarten von Reife: die intellektuelle, die emotionale und die soziale. Die intellektuelle Reife äußert sich z. B. in Eigenschaften wie diesen: eine angemessene Selbsteinschätzung (eine grundsätzliche Übereinstimmung zwischen dem, was man zu sein denkt, und dem, was man tatsächlich ist; sie hängt entscheidend von der Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber ab); eine philosophisch richtige Sicht des Lebens; die Fähigkeit, sich klare Ziele zu setzen, aber mit offenen, unbegrenzten Horizonten in Weite, Tiefe und Intensität; ein harmonisches Wertgefüge; ein klares ethisch-moralisches Bewusstsein; ein gesunder Realismus in Bezug auf sich selbst und die anderen; die Fähigkeit zur Reflexion und zu einer ausgewogenen Problemanalyse; Kreativität und Initiative usw.

Unter den Anzeichen für emotionale Reife könnte man, ohne Vollständigkeit zu beanspruchen, nennen: die Fähigkeit, auf die Ereignisse des Lebens angemessen zu reagieren, ohne im Misserfolg den Mut oder im Erfolg den Realismus zu verlieren; eine flexible und konstruktive Selbstkontrolle; die Fähigkeit zu lieben, großzügig zu sein und sich den anderen zu schenken; Sicherheit und Festigkeit in den Entschlüssen und Verpflichtungen; Ruhe und Überwindungskraft bei Herausforderungen und Schwierigkeiten; Zuversicht, Freude, Sympathie und gute Laune.

An Äußerungen der sozialen Reife schließlich finden wir: die aufrichtige Zuneigung zu den anderen, die Achtung ihrer Rechte und der Wunsch, ihre Bedürfnisse zu kennen und darauf einzugehen; die vorurteilslose Offenheit für verschiedene Meinungen, Werte und kulturelle Besonderheiten; Kritikfähigkeit und Unabhängigkeit gegenüber der vorherrschenden Kultur, dem eigenen Umfeld, den Meinungsmachern oder Modeströmungen; eine natürliche Art, unabhängig von vorgegebenen Konventionen zu handeln; die Fähigkeit zuzuhören und zu verstehen und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit anderen.

Ein Weg zur Reife

Alle diese Eigenschaften zusammenfassend könnte man sagen: Die reife Person ist fähig, ein hochstehendes, klares und harmonisches Lebensprojekt zu entwerfen und es auch mit einer gewissen Leichtigkeit in die Tat umzusetzen. Auf jeden Fall erlangt man die Reife in einem Prozess, der Zeit braucht und verschiedene Momente und Etappen durchläuft. Sie wächst in der Regel nach und nach, doch können Ereignisse im persönlichen Lebenslauf auch zu großen Sprüngen verhelfen. Die Geburt des ersten Kindes etwa kann ein solcher Meilenstein sein, da man sich mit einem Mal einer ganz neuen Verantwortung bewusst wird. Oder es kann einem nach schweren finanziellen Problemen wieder neu aufgehen, welche die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind.

Auf diesem Weg zur Reife macht sich die verwandelnde Kraft der Gnade bemerkbar. Wenn wir auf die bekanntesten heiligen Frauen und Männer blicken, entdecken wir in ihnen sofort hohe Ideale, feste Überzeugungen, Demut – die richtige Selbsteinschätzung –, überbordende Kreativität und Initiative, Realität gewordene Hingabe- und Liebesfähigkeit, ansteckenden Optimismus, wirksame, weltumspannende Offenheit (und das heißt letztlich apostolischen Eifer). Ein klares Beispiel bietet uns der hl. Josefmaria, der seit seiner Jugend fühlte, dass die Gnade in ihm eine reife Persönlichkeit gefestigt hatte. Auch inmitten von Schwierigkeiten spürte er in sich selber einen ungewöhnlichen Gleichmut: Ich glaube, dass Gott noch ein Wesensmerkmal in meine Seele gelegt hat: den Frieden, wie ich an Menschen sehe, die ich spreche oder leite: Frieden haben und Frieden geben9.

Mit vollem Recht könnte man folgendes Psalmwort auf ihn anwenden: super senes intellexi quia mandata tua quaesivi10: Mehr Einsicht habe ich als die Alten, denn ich beachte deine Befehle. Das schließt jedoch nicht aus, dass die Reife oft erst im Lauf der der Zeit erreicht wird, durch Erfolge und Misserfolge, die von der göttlichen Vorsehung eingeplant sind.

Mit der Gnade und der Zeit rechnen

Auch wenn ein Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens zweifellos eine bestimmte Reife erlangt hat, so ist die Arbeit an seiner Art zu sein eine Lebensaufgabe. Die Selbsterkenntnis und die Annahme des eigenen Charakters verleihen den Frieden, um in diesem Bemühen den Mut nicht zu verlieren. Dies ist kein Zugeständnis an den Konformismus, vielmehr ist damit gemeint, dass heroische Heiligkeit nicht eine von vornherein vollkommene Persönlichkeit voraussetzt. Die Heiligkeit verlangt einen täglichen, geduldigen Kampf, bei dem man seine Irrtümer anerkennt und um Verzeihung bittet.

Die wahren Lebensgeschichten der christlichen Heiligen gleichen den unsrigen aufs Haar: Sie kämpften und siegten, sie kämpften und unterlagen, um von neuem, reuevoll, den Kampf wieder aufzunehmen11. Der Herr rechnet mit unserer lang andauernden Bemühung, dem eigenen Charakter einen immer feineren Schliff zu verleihen. Vielsagend ist, was jemand zur Dienerin Gottes Dora del Hoyo gegen Ende ihres Lebens sagte: „Dora, wer dich früher gesehen hat und dich heute sieht, der kann nur sagen: Du bist ein anderer Mensch! Sie lachte. Sie wusste genau, wovon ich sprach“12. Diese Bemerkung brachte zum Ausdruck, wie Doras Wesen mit den Jahren einen Gleichmut erlangt hatte, mit dem sie ihre Temperamentsausbrüche zu mäßigen verstand. – In diesen Bemühungen rechnen wir immer mit Gottes Hilfe und Marias mütterlicher Fürsorge: „Gerade dies tut die Muttergottes in uns, sie hilft uns, menschlich und im Glauben zu wachsen, stark zu sein und nicht der Versuchung nachzugeben, oberflächliche Menschen und Christen zu sein, sondern mit Verantwortung zu leben und immer nach dem Höheren zu streben.“13

In den nächsten Leitartikeln werden wir einzelne Elemente der Charakterbildung und bestimmte Wesenszüge der christlichen Reife näher ausführen. Wir werden das Gebäude betrachten, das der Heilige Geist unter aktiver Mitarbeit eines jeden im Inneren der Seele zu errichten sucht. Wir werden zu verstehen versuchen, wie das Fundament dieses Gebäudes beschaffen sein muss, wie man die Konstruktion festigt und wie auftretende Risse zu reparieren sind. Was für eine begeisternde Herausforderung ist es, eine Persönlichkeit zu werden, die das Bild Christi getreu widerspiegelt!

1 Hl. Johannes Paul II., Enzyklika Redemptor hominis, 4-III-1979, Nr.10.

2 Eph 4, 13.

3 Freunde Gottes, Nr. 75.

4 Im Feuer der Schmiede, Nr. 468.

5 Mt 13, 8.

6 Der Weg, Nr. 947.

7 Der Weg, Nr. 496.

8 Kol 3,14.

9 Aufzeichnungen, Nr. 1095, zit. in Andrés Vázquez de Prada, Der Gründer des Opus Dei, I. Band, Adamas Verlag, Köln 2001, S. 532.

10 Ps 118(119),100.

11 Christus begegnen, Nr.76.

12 Aus den Erinnerungen von Rosalía López Martínez, zit. in Javier Medina, Una luz encendida. Dora del Hoyo, Palabra, Madrid 2012, S. 115.

13 Papst Franziskus, Worte vor dem Bild „Sancta Maria Salus PopuliRomani“, 4. Mai 2013.