Maria ging durch die Tür...

Zum Rosenkranzmonat im Jahr des Glaubens eine Betrachtung von Josef Arquer

Betrachtungen zum Kirchenjahr
Opus Dei - Maria ging durch die Tür...

und kam ins Freie. Der Engel war nicht mehr da, doch seine Worte hatten alles verändert. Maria spürte, dass sie durch die Tür des Glaubens - durch die Porta fidei- neues Land betreten hatte. Nun folgte sie dem, den sie zugleich in ihrem Schoß trug: Geheimnis Christi! - Eben erst hatte sie ihr Ja zu Gottes Ruf gesagt und war so selbst die Porta Fidei geworden, der Anfang des Weges der Berufung in die Nachfolge Jesu.

Der farbenreiche Oktober trägt für den Christen in diesem Jahr einen besonderen Schimmer, denn am 11. dieses Rosenkranzmonats hat Papst Benedikt XVI das Jahr des Glaubens eröffnet. 

Mit diesem Jahr des Glaubens möchte der Papst „das gesamte kirchliche Gefüge in eine Zeit der besonderen Besinnung und der Wiederentdeckung des Glaubens“ führen. „Wir wollen dieses Jahr in würdiger und schöpferischer Weise feiern. Es soll intensiver über den Glauben nachgedacht werden, um allen, die an Christus glauben, zu helfen, ihre Zustimmung zum Evangelium bewusster und stärker werden zu lassen, vor allem in einem Moment tief greifender Veränderungen, wie ihn die Menschheit gerade erlebt“. (Porta Fidei, 4 und 8)

Als er das Glaubensjahr 2011 ausrief, hatte Benedikt XVI. gesagt, es solle „ein Moment der Gnade und des Einsatzes für eine immer vollständigere Umkehr zu Gott sein, um unseren Glauben an ihn zu stärken und ihn mit Freude dem Menschen unserer Zeit zu verkünden“ (Ansprache 16. 10. 2011). Eine dreifache Bewegung ist hier angedeutet: Nach innen schauen mit dem Willen zu Umkehr und Erneuerung, nach oben schauen mit dem Glauben und der Hoffnung auf Gottes Gnade, nach außen schauen, um Zeuge zu werden für die anderen.

 Maria, Auxilium christianorum 

Der „Gedenktag Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz“ am 7. Oktober geht auf das Jahr 1571 zurück, als eine Allianz christlicher Mächte in der Seeschlacht von Lepanto die osmanische Flotte besiegte. Zuvor hatte Papst Pius V. zum Gebet des Rosenkranzes aufgerufen. Zum Dank für die Befreiung der Christenheit setzte er dann das „Fest Unserer Lieben Frau vom Sieg“ ein, das nun „Gedenktag Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz“ heißt.

Dass Maria Auxilium christianorum ist, die Hilfe der Christen, spüren wir zu allen Zeiten. So war in heilsgeschichtlicher Perspektive ihr Schutz auch 1989 zu ahnen, als in Europa machtpolitische Umwälzungen weitgehend friedlich abliefen. Bereits 1987/88 hatte der selige Papst Johannes Paul II. der Kirche zur Einstimmung auf das Dritte Jahrtausend ein Marianisches Jahr geschenkt. Im Jahre 1994 schrieb er rückblickend, dieses besondere Marienjahr sei „den Ereignissen des Jahres 1989 unmittelbar vorausgegangen. Es sind Geschehnisse, die uns wegen ihres Umfanges und besonders wegen ihres raschen Ablaufes in Erstaunen versetzen müssen. (...) Im Übrigen konnte man feststellen, dass in dem Strom der Ereignisse die unsichtbare Hand der Vorsehung mit mütterlicher Sorge am Werke war: "Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen ...? (Jes 49,15).“ (Apostolisches Schreiben Tertio millenio adveniente, Nr. 27)

Manche Ältere werden sich auch noch an die freudige Verblüffung erinnern, als 1955 die sowjetischen Besatzungstruppen aus Österreich abzogen und das Land mit einem Staatsvertrag friedlich aus der kommunistischen Machtsphäre freikam. Militärpolitisch gesehen wollten die Sowjets damit wohl die Grenze ihres Blocks begradigen. Doch der gläubige Sinn sah die Hand Mariens im Spiel der Mächte. Schließlich waren in der Zeit davor - angeregt durch den Rosenkranz-Sühnekreuzzug von 1947 - regelmäßig Abertausende von Gläubigen unter den Augen der Besatzer über die Wiener Ring-Straße gezogen und hatten dabei den Rosenkranz gebetet.

In den elementaren Worten vieler Volksgebete entfaltet sich der schlichte Blick auf Jesus. Die Volksfrömmigkeit begreift intuitiv die Bitte im Salve Regina: „Zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes." Die Bitte verweist auf das Ziel aller christlichen Berufung, kann aber auch heißen: Lehre uns heute Jesus so zu sehen, wie du ihn damals sahst.

Ähnlich ist es beim Rosenkranz. Es sei nichts anderes als mit Maria das Antlitz Christi zu betrachten, hatte Papst Johannes Paul II. einmal gesagt und ergänzt, in der Schule Mariens lerne man die Schönheit des Antlitzes Christi betrachten. „In der Betrachtung der Rosenkranzgeheimnisse schöpft der Gläubige Gnade in Fülle, die er gleichsam aus den Händen der Mutter des Erlösers selbst erhält“ (Rosarium Virginis Mariae, 1).

Von dieser Sicht inspiriert wagte es derselbe Papst den über Jahrhunderte unveränderten Rosenkranz zu ergänzen. Bei seinem persönlichen Beten wird der selige Johannes Paul wohl manchmal Episoden aus dem öffentlichen Leben Jesu vermisst haben, die ihm besonders zu Herzen gingen. Fünf davon fasste er als „lichtreiche Geheimnisse“ zusammen und fügte sie den freudenreichen, schmerzensreichen und glorreichen Geheimnissen des traditionellen Rosenkranzes hinzu. „Um den christologischen Gehalt dieses Gebetes deutlicher zu machen, halte ich es für angebracht, eine angemessene Ergänzung vorzunehmen, die auch die Geheimnisse des öffentlichen Lebens zwischen der Taufe und dem Leidensweg Christi einbezieht, wobei ich es den einzelnen und den Gemeinschaften überlasse, davon Gebrauch zu machen. Christus ist derjenige, der bei der Taufe im Jordan der geliebte Sohn des Vaters genannt wurde, der das Kommen des Reiches verkündigt, es mit Werken bezeugt und den daraus folgenden Anspruch kundtut. In den Jahren seines öffentlichen Lebens zeigt sich das Geheimnis Christi in besonderer Weise als das Geheimnis des Lichtes:  »Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt (Joh 9, 5).“ (Rosarium Virginis Mariae, 19) 

Die tragenden Pfeiler des Rosenkranzes sind die Urgebete des Glaubens: Das Vaterunser, das mit Worten Jesu den Zugang zum Vater eröffnet; das „Gegrüßet seist du Maria“, das – sehr menschlich – Gruß und Bitte zugleich ist; und das „Ehre sei dem Vater ...“, das auf das Ziel jeden Lebens verweist.

Während die Finger die Perlenschnur entlanggleiten, klingen die Worte immer neu und immer anders. Einmal schafft die Wiederholung ein Echo, das sich weitet und tief ins Innere dringt. Ein andermal hilft sie länger bei einer Szene aus dem Leben Jesu zu verweilen. Wieder ein anderes Mal schafft sie im Beter Raum ein bestimmtes persönliches Anliegen vorzutragen, während er die Gebetsworte spricht: für die Familie, den Freund oder die Freundin, Fürbitte für einen Kranken in der Nachbarschaft oder für die Opfer von Krieg, Hunger und Elend in der Welt, Dank für eine Wohltat ... - Und in diesem Jahr des Glaubens inniger als sonst: die Anliegen des Papstes, besonders die Neuevangelisierung.

Denn „mit seiner Liebe zieht Jesus Christus die Menschen aller Generationen an sich: Zu allen Zeiten ruft er die Kirche zusammen und vertraut ihr die Verkündigung des Evangeliums mit einem Auftrag an, der immer neu ist. Darum ist auch heute ein überzeugterer kirchlicher Einsatz für eine neue Evangelisierung notwendig, um wieder die Freude am Glauben zu entdecken und die Begeisterung in der Weitergabe des Glaubens wieder zu finden.“ (Porta fidei, 7)