Lichtspuren nach Allerheiligen

Eine Meditation von Josef Arquer über die Heiligen im November

Betrachtungen zum Kirchenjahr

Die Schwelle der „Porta fidei“ – der Tür zum Glauben überschreiten bedeutet, „den Weg des Glaubens wiederzuentdecken, um die Freude und die erneute Begeisterung der Begegnung mit Christus immer deutlicher zutage treten zu lassen“ und uns auf die empfangenen Anregungen einzustimmen, so dass „das Herz sich durch die verwandelnde Gnade formen lässt“ (Porta fidei Nr 1-2).

Papst Benedikt regt an, „im Laufe dieses Jahres die Geschichte unseres Glaubens durchzugehen, die das unergründliche Geheimnis der Verflechtung von Heiligkeit und Sünde sieht“. Dabei hebt er den großen Beitrag hervor, „den Männer und Frauen mit ihrem Lebenszeugnis für das Wachsen und die Entwicklung der Gemeinschaft geleistet haben.“ (13)

Gerade die Heiligen des Monats November veranschaulichen diese Worte des Papstes. Wer auf sie achtet, entdeckt in der Verschiedenartigkeit ihrer spirituellen Züge, dass sie Menschen aus Fleisch und Blut waren, jeder in seiner Art und jeder als Kind seiner Zeit.

Karl Borromäus, dessen Gedenktag am 4. des Monats fällt, war auf den ersten Blick ein Produkt der Vetternwirtschaft des 16. Jahrhunderts. Nach der Unsitte dieser Zeit wurde er schon mit sieben Jahren Kleriker, mit zwölf Abt, bekam reiche Pfründe, brauchte aber keine Amtspflichten zu übernehme. Sein Onkel war 1560 zum Papst unter dem Namen Pius IV. gewählt worden. Er holte Karl aus dem Jurastudium in Pavia nach Rom und machte ihn mit zwanzig Jahren zum Kardinal und bald darauf zum Erzbischof von Mailand. Er wurde zum engsten Mitarbeiter des Papstes und leitete die gesamte auswärtige Staats- und Kirchenpolitik.

Karl lebte wie wir in einer nachkonziliaren Zeit. Das macht ihn uns heute interessant. Das Konzil von Trient war 1563 zu Ende gegangen. Borromäus wollte die Impulse des Konzils realisieren, die Kirche zu erneuern. So bat er den Papst ihn von seinen Aufgaben in Rom zu entbinden, um die Konzilsbeschlüsse in Mailand persönlich durchführen zu können. Zumal das Konzil den Bischöfen ihre Residenzpflicht besonders eingeschärft hatte. Doch zunächst musste er noch wichtige Aufträge des Papstes erledigen: Den geplanten Römischen Katechismus bearbeiten und die Herausgabe des neuen Messbuches und des Breviers vorbereiten. Dann durfte er endlich in seine Diözese einziehen. Für Mailand ein denkwürdiger Tag, denn seit achtzig Jahren hatte hier kein Bischof mehr residiert.

Neuevangelisierung

Der 7. November versetzt uns in eine andere geschichtliche Situation: vom kultivierten 16. in das raue 7. Jahrhundert. Der angelsächsische Mönch Willibrord evangelisiert die Friesen, erntet Misserfolge bei den Dänen und Erfolge bei uns. Wesentlich für seine Aufgabe war das Einvernehmen mit den fränkischen Königen und mit dem Papst. Utrecht und Echternach wurden zum Hauptzentrum seiner Arbeit. Dort ist er begraben. Auch hier ein aktueller Bezug: die „Neuevangelisierung Europas".

Am 11. November ist Sankt Martin. Am Stadttor von Amiens hat er seinen Mantel mit einem frierenden Bettler geteilt. Die naheliegende und vielleicht auch ironische Frage, warum er nicht den ganzen Mantel abgegeben hat, beantworten Fachleute für römische Militärgeschichte so: Die Mäntel gehörten zur Hälfte der Armee und zur Hälfte ihrem Träger. Statt an dem armen Mann vorbeizureiten hat Martin Augen für die Not des Fremden gehabt. Seine Tat geht uns bis heute unter die Haut: Nicht achselzuckend vorbeigehen, sondern teilen. Augen haben für die Not der anderen, auch für geistige Not.

Der Heilige des 15. November war ein Bettelmönch. Albert wanderte zu Fuß kreuz und quer durch Deutschland. Wir nennen ihn "den Großen". Er starb 1280 mit fast neunzig Jahren. Als junger, lebenslustiger Student hatte er die Predigt eines Dominikaners gehört, der junge Leute für einen neuen Weg der Nachfolge Christi gewinnen wollte. Dieser neue Weg der Dominikaner und Franziskaner hatte weder in der klerikalen noch in der weltlichen Öffentlichkeit einen guten Ruf – zu radikal. Deswegen gingen dem Prediger überall Warnungen voraus: Vorsicht, Verführer! Auch Albert war gewarnt. Er ging hin –und ließ sich angeln... Was an ihm auffällt: Albert der Große ging ganz unbefangen mit der Natur um. Das war derart neu, dass man ihn sogar als Magier oder Schwarzkünstler verdächtigte. Er beschrieb Tiere, untersuchte Metalle, baute Apparate, führte als erster Experimente durch. Die Ergebnisse hat die Forschung natürlich längst überholt. Aber Alberts Gabe, das forschende Auge mit dem staunenden Blick zu verbinden, bleibt vorbildlich. Ist die Natur heute in den Augen – in den Händen – vieler nicht bloßes Rohmaterial für allerhand Begehrlichkeiten? Der heilige Albert lehrt, in einer technisch bestimmten Kultur offen zu bleiben für Fragen jenseits reiner Technik: Nach dem Sinn, nach der Wahrheit, nach der Schönheit – nach dem Menschen überhaupt...

Vier Tage nach Albert begegnet uns die heilige Elisabeth. Sie war eine Königstochter. Sie "wurde vermählt", heißt es kühl in den Berichten. Fürstenhöfe und Politik des 13. Jahrhunderts erlaubten keine Emanzipation. Mit zwanzig Jahren wurde sie Witwe und begann eigene Wege zu gehen. Ihre Sorge um die Armen schien vielen übertrieben, ihr Lebenswandel erregte Anstoß. Sie fand ihre Selbstverwirklichung, indem sie ihr Selbst vergaß und sich den Bettlern und den Verlassenen widmete. In ihnen erkannte sie Christus. Eine ausführlichere Lebensbeschreibung dieser Heiligen würde manch andere Seite hinzufügen. Doch Sternschnuppen erlauben keine lange Beobachtung, und eine kurze Lichtspur kann anregender sein als eine gründliche Analyse.

Die Heiligen des November sind sehr verschieden: Der Protegé eines einflussreichen Onkels, der ungetaufte Provinzsoldat, der wagemutige Student, die hohe Herrin im Dienst an den Armen...

 Am 30. schließt der Apostel Andreas die Reihe der Heiligenfeste dieses grauen Monats und führt uns zurück in die strahlenden Tage am See Genezareth, als Jesus erstmals Menschen in den Dienst des Mensch gewordenen Gottessohnes rief: Kommt und seht! (Joh 1,39). Andreas war der erste im Umkreis Jesu, der zum Zeugen wurde. Er gab einfach an seinen Bruder Simon, was er erlebt hatte.

 Auch hier öffnet sich uns die Tür des Glaubens: „Das, was die Welt von heute besonders braucht, ist das glaubhafte Zeugnis derer, die, vom Wort des Herrn im Geist und im Herzen erleuchtet, fähig sind, den Geist und das Herz vieler zu öffnen für die Sehnsucht nach Gott und nach dem ewigen Leben, das kein Ende kennt.“ (Porta fidei, 15)