Durchlässig für Christus

Bischof Javier Echevarría, der Prälat des Opus Dei, zur Seligsprechung von Johannes Paul II.

vom Prälaten

Johannes Paul II. zog die Menschen mit seinem Wort, seinem Vorbild und mit seiner menschlichen Nähe zu Christus hin. Junge und weniger junge Leute bezeugen das seit Jahren immer wieder neu. So manche haben sich mit Gottes Hilfe auf den Weg gemacht, in ihrem bisherigen Lebensrahmen nach der Heiligkeit zu streben, sei es in der Ehe, sei es im Zölibat. Andere im Priestertum oder im Ordensleben. Es sind Tausende; bisweilen nennt man sie die „Generation Johannes Paul“.

Wie konnte dieser außergewöhnliche Papst das Evangelium derart wirkmächtig ausbreiten? Karol Wojtyla war offenkundig ein unermüdlicher Verteidiger der Menschenwürde, ein fürsorglicher Hirte, ein glaubwürdiger Künder der Wahrheit, ein Vater für Gläubige wie für Nichtgläubige. Aber vor allem war der Papst, der uns über die Schwelle vom zweiten zum dritten Jahrtausend geführt hat, ein Mensch, der Jesus Christus liebte und nachahmte.

„Um zu wissen, wer Johannes Paul II. ist, muss man ihn beten sehen, besonders ganz allein in seiner Privatkapelle“, schrieb einer der Biografen dieses heiligmäßigen Papstes. Das ist völlig richtig. Eins der letzten Fotos zu seinen Lebzeiten zeigt ihn in dieser Kapelle, wie er im Fernsehen dem Kreuzweg folgt, der gleichzeitig am Kolosseum gebetet wurde. An jenem Karfreitag 2005 war Johannes Paul II. körperlich nicht mehr in der Lage, dieses Gebet persönlich zu leiten, wie er es in den Jahren zuvor getan hatte. Er konnte bereits nicht mehr sprechen und nicht mehr gehen. Doch macht die Aufnahme deutlich, wie intensiv er alles durchlebte. Johannes Paul II. hält ein großes hölzernes Kruzifix, umarmt den Jesus am Kreuz mit ganzem Herzen und küsst ihn. Das Bild des greisen und schwerkranken Papstes ganz nah am Kreuz spricht uns ebenso beredt an wie seine kraftvollen Worte und seine ausgedehnten Reisen.

Der neue Selige hat das Gebot Christi: „Geht hinaus in alle Welt und verkündigt das Evangelium allen Geschöpfen“ (Mk 16,15), großherzig und heroisch befolgt. Johannes Paul II. hatte nicht sich selbst im Sinn, wenn er bis in die letzten Winkel von Afrika, Amerika, Asien, Europa und Ozeanien reiste. Was ihn trieb, war vielmehr der Wunsch, sich für die anderen zu verausgaben, ihnen die Würde des Menschen aufzuzeigen, den Gott nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen und den Christus erlöst hat, und ihnen die Botschaft des Evangeliums weiterzugeben.

"Vor allem war der Papst, der uns über die Schwelle vom zweiten zum dritten Jahrtausend geführt hat, ein Mensch, der Jesus Christus liebte und nachahmte."

Eines Abends begleitete ich Bischof Álvaro del Portillo, den damaligen Prälaten des Opus Dei, zu den päpstlichen Gemächern im Vatikan. Wir warteten auf den Papst und hörten, wie jemand mit müde schleppendem Schritt einen Flur entlang kam. Er war Johannes Paul II. Er war völlig erschöpft. Bischof del Portillo entfuhr es: „Heiliger Vater, Sie sind ja völlig fertig!“ Der Papst schaute ihn freundlich an und erwiderte: „Wenn ich um diese Uhrzeit nicht müde wäre, hätte ich offensichtlich meine Pflicht nicht getan.“

Sein Einsatz für die Seelen führte ihn als Botschafter Christi in alle Welt. Hat je ein Erdenbewohner mehr Hände geschüttelt oder mehr Menschen in die Augen geblickt? Auch diese Kraftanstrengung war ein Weise, in der er den Gekreuzigten umarmte und sich ihm verband.

Papst Johannes Pauls Herz für die ganze Welt bewegte ihn nicht nur zum Wirken nach außen. Auch innerlich wollte er sich die Sehnsüchte aller zu eigen machen. Mit diesem Drang durchmaß er tagtäglich von seiner Privatkapelle aus den Erdball. Dazu passt, was er einem Journalisten auf die Frage nach seiner Gebetsweise antwortete: Das Beten des Papstes sei „eine Pilgerschaft des Verstandes und des Herzens durch die ganze Welt. Wenn der Papst betet, „taucht die gesamte Geografie der Gemeinschaften, der Kirchen, der Gesellschaften wie auch der Probleme auf, die die heutige Welt ängstigen“. Auf diese Weise „trägt der Papst die Freuden und die Hoffnungen und zugleich die Trauer und die Sorgen vor Gott, die die Kirche mit der Menschheit von heute teilt“.

"Die Biografie des Karol Wojtyla liest sich wie ein ununterbrochenes Hineintragen des Evangeliums in sämtliche Bereiche der Gesellschaft."

Sein für alle offenes Herz und sein missionarischer Elan führten dazu, dass er Gespräch mit ganz verschiedenen Menschen suchte, wie sich etwa im Jubiläumsjahr 2000 zeigte: Da traf er Kindern und Jugendlichen, Erwachsenen und alten Menschen, Sportlern und Künstlern, Regierenden und Politikern, Polizisten und Militärs, Landarbeitern und Studenten, Gefangenen und Kranken, Familien, Theaterleuten, Auswanderern und Nichtsesshaften…

Die Biografie des Karol Wojtyla liest sich wie ein ununterbrochenes Hineintragen des Evangeliums in sämtliche Bereiche der Gesellschaft: in die Familie, in die Schule und die Fabrik, ins Theater und in den Literaturbetrieb, in die Wolkenkratzer und die Elendshütten. Sein Weg lässt deutlich werden, dass man Christus in allen Lebenslagen präsent machen kann, selbst während der tragischen Epoche des Zweiten Weltkrieges und unter totalitären Systemen, wie sie sein Heimatland beherrscht hatten. Johannes Paul II. brachte das Licht Jesu Christi auf die unterschiedlichsten Bühnen der Moderne. Sein Leben lehrt uns, dass wir Gott jederzeit und überall entdecken können, egal wann und wo wir leben.

In einer seiner Schriften betrachtet der heilige Josefmaria Escrivá unseren Herrn am Kreuz als den Ewigen Hohen Priester, „der seine Arme für die ganze Menschheit weit geöffnet hat“. Mir erscheint der Lebensweg von Johannes Paul II. wie ein getreues Abbild Jesu Christi, dessen Herz Platz hat für alle Männer und Frauen, dessen Erbarmen und Liebe jedem einzelnen Menschen in Fülle zufließt, besonders den Kranken und Schwachen.

Christlich leben heißt, Christus gleichförmig werden. Papst Johannes Paul II. ist in reichem Maße christusförmig geworden. Weil er stets in der Gnade und in der Freude eines Gotteskindes lebte, konnten Menschen aller Rassen und Schichten den Glanz des Auferstandenen an ihm entdecken.

Das Foto, von dem ich eingangs schrieb, fasst das Leben Johannes Pauls II. anschaulich zusammen: Ein Papst, den die langen Jahre seines Dienstes an den Seelen ausgelaugt haben, lenkt die Blicke der Menschen auf Jesus am Kreuz. Dort kann nun jede und jeder Einzelne Antwort auf die tiefsten Fragen des Daseins finden. So macht der neue Selige durch das Vorbild seines Lebens auch unser Leben durchlässig für Christus: Wir können das Antlitz und das Erbarmen Jesu sichtbar werden lassen. Ich denke, das ist der Grund dafür, dass er das Evangelium so wirkmächtig ausbreiten konnte. Ich bin zuversichtlich – und ich bitte Gott darum, dass seine Erhebung zur Ehre der Altäre eine Welle des Glaubens und der Liebe in der Welt und in der Kirche auslösen wird, eine Welle der Dienstbereitschaft für die anderen und der Dankbarkeit gegenüber unserem Herrn.

Am 1. Mai können wir uns auf dem Petersplatz unter dem liebevollen Blick der Mutter der Kirche Papst Benedikt XVI. anschließen und mit seinen Worten neu sagen: „Wir wollen bei dieser Gelegenheit dem Herrn für das Geschenk dieses Papstes danken und wir wollen dem Papst selbst für alles danken, was er getan und gelitten hat“ (Generalaudienz vom 12. Mai 2005). Uns, die wir ihn persönlich gekannt haben, kommt nun die freudige Pflicht zu, ihn den kommenden Generationen bekannt zu machen.

  • aus ABC, Madrid, 24.04.2011 (eigene Übersetzung)