DIE LETZTE WOCHE des Kirchenjahres erinnert uns daran, wie kurz das irdische Leben im Vergleich zur Ewigkeit ist. Diese Erkenntnis sollte uns anspornen, uns an jeder Begegnung mit dem Herrn bewusst zu erfreuen. Der heilige Augustinus empfand Angst bei dem Gedanken, dass Jesus an ihm vorübergehen könnte, ohne dass er es bemerkte. Er spürte die Ungewissheit, die dem Menschen anhaftet: Ob er imstande sei, die Gegenwart Gottes, das Licht unseres Weges, in jeder Lage rechtzeitig zu erkennen.
Papst Franziskus schrieb in seiner Enzyklika Lumen Fidei: „Das christliche Bekenntnis von Jesus als dem einzigen Retter besagt, dass das ganze Licht Gottes sich in ihm, in seinem ,gelichteten Leben‘ gesammelt hat, in dem sich Anfang und Ende der Geschichte offenbaren. Es gibt keine menschliche Erfahrung, keinen Weg des Menschen zu Gott, der von diesem Licht nicht erfasst, erleuchtet und geläutert werden könnte.“1 Das Licht des Glaubens verleiht der christlichen Seele Frieden und Zuversicht. Christus, Licht vom Licht und wahrer Gott, gibt allem, was wir tun, seinen vollen Sinn. Deshalb wollen wir unablässig sein Antlitz suchen, das in unserem Tun, in unserer Liebe und in unseren Projekten gegenwärtig ist.
Wir wollen mit festem Blick auf Jesus in diese letzte Woche des liturgischen Jahres eintreten – so wie er uns nach der Auferstehung einlud: Seht meine Hände und meine Füße an (Lk 24,39). „Ansehen, anschauen, anblicken ist mehr als ,sehen‘“, erklärte Papst Franziskus, „es schließt die Absicht, den Willen ein. Deshalb gehört dieses Wort auch zu den Verben der Liebe. Die Mutter und der Vater schauen ihr Kind an, die Verliebten blicken einander an, der gute Arzt schaut aufmerksam seinen Patienten an … Das Anschauen ist ein erster Schritt gegen die Gleichgültigkeit, gegen die Versuchung, den Blick von den Schwierigkeiten und Leiden der anderen abzuwenden. Anschauen. Sehe ich Jesus oder schaue ich ihn an?“2
JESUS war unterwegs in den Tempel, als sich mitten im geschäftigen Treiben eine stille Szene abspielte: Eine einfache Frau opferte dem Allerhöchsten alles, was sie hatte. Niemand bemerkte es, nur Jesus. Sie hat mehr hineingeworfen als alle anderen (Lk 21,3), stellte er bewegt fest. Christus deutet die Haltung der Witwe als Sinnbild der wahren Beziehung zwischen Mensch und Gott. Ein Kirchenvater erläutert dazu: „Der Herr achtet nicht auf die Größe der Gabe, sondern auf den guten Willen. Was immer wir tun, es soll aus Liebe zu Gott geschehen. Auch wenn wir nur Weniges geben können, weil wir wenig besitzen, wird Gott unser Opfer dennoch annehmen, als wäre es etwas Großes und Wunderbares.“3
Die christliche Berufung gründet auf einer freundschaftlichen Beziehung zu Gott – einer Beziehung, die unser ganzes Leben umfasst. Auf die Begegnung mit Christus und die Erfahrung seiner Liebe hin können wir nicht gleichgültig bleiben, sondern wollen ihm antworten. Der heilige Josefmaria hilft uns weiter: „Der Herr weiß, dass Verliebte einander immer beschenken wollen. Und so offenbart er uns, was er sich wünscht. Ihn interessieren weder Reichtümer noch irdische Gaben, denn alles gehört ihm ja schon. Er verlangt etwas Tieferes, etwas, das wir ihm aus freien Stücken geben sollen: Gib mir dein Herz, mein Kind (Spr 23, 26). Seht ihr? Es genügt ihm nicht zu teilen, er will alles. Nicht unsere Güter sucht er, sondern uns selbst. Hier und nur hier ist der Ausgangspunkt für alle weiteren Geschenke, die wir ihm machen können.“4
Jesus lädt uns ein, alle unsere Münzen in den Opferstock zu werfen und dabei ungesehen zu bleiben. Doch werden uns diese Entschlüsse in der Tiefe unseres Herzens und diese Offenheit für das Licht des Glaubens zu einer unvergleichlichen Freude führen. Die arme Witwe brachte alles dar, was sie hatte, und obwohl sie den Tempel materiell gesehen verarmt verließ, war sie unendlich bereichert, denn Gott hatte seinen Blick auf sie geworfen. Sie war überglücklich – und ahnte nicht, dass sie mit ihrer Tat zum Vorbild für die Christenheit werden würde.
DIE WITWE, die im heutigen Evangelium im Mittelpunkt steht, hätte – nach Worten von Papst Franziskus – „aufgrund ihrer äußersten Armut nur ein Geldstück als Opfergabe für den Tempel geben und das andere für sich behalten können. Doch sie will mit Gott nicht ,halbe-halbe machen‘: Sie löst sich von allem. In ihrer Armut erkennt sie, dass sie alles hat, wenn sie Gott hat. Sie fühlt sich vollkommen von ihm geliebt und liebt ihn ebenso. Jesus erinnert uns heute daran, dass nicht die Menge entscheidend ist, sondern die Fülle. (…) Es geht nicht um den Geldbeutel, sondern um das Herz.“5
Diese Fülle, mit der wir uns Gott hingeben, ohne Abstriche und Kalkül, führt uns zur Hingabe an unsere Mitmenschen. Die zwei Münzen, die die Witwe am Eingang des Tempels spendet, sind die kleinen, alltäglichen Gesten, mit denen wir unser Leben für die anderen einsetzen können. Wer Gott gegenüber großzügig ist, wird diese Großherzigkeit auch im Umgang mit den anderen leben.
„Wenn wir den Bedürfnissen unseres Nächsten begegnen“, so sagte der Heilige Vater weiter, „sind wir aufgerufen, nicht nur das Überflüssige mit ihm zu teilen, sondern sogar auf scheinbar Unverzichtbares zu verzichten. Es geht darum, dem anderen die nötige Zeit zu schenken, nicht nur die übrige. Ebenso sollen wir unsere Talente sofort und selbstlos einsetzen, nicht erst nachdem wir sie für unsere eigenen Pläne oder Interessen genutzt haben. Bitten wir den Herrn, dass er uns in die Schule dieser armen Witwe aufnimmt, die er selbst den Jüngern als Lehrerin des lebendigen Evangeliums vorstellt. Und durch die Fürsprache Marias – jener armen Frau, die sich Gott und uns ganz hingegeben hat – erbitten wir ein Herz, das arm ist an Eigenliebe, jedoch reich an freudiger und selbstloser Großzügigkeit.“6
1 Franziskus, Enz. Lumen Fidei, Nr. 35.
2 Franziskus, Regina Coeli, 18.4.2021.
3 Hl. Johannes Chrysostomus, Homilien über den Brief an die Hebräer, I, 3.
4 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 35.
5 Franziskus, Angelus-Gebet, 8.11.2015.
6 Ebd.
