Etwas Großes, das Liebe ist (IX): Wir sind Apostel!

Für den Christen ist seine Berufung zum Apostel mehr als ein Auftrag, der zu bestimmten Zeiten zu erfüllen ist, mehr auch als eine wichtige Aufgabe. Sie ist ein Bedürfnis, das einem Herzen entspringt, das mit dem Herrn „ein Leib und ein Geist“ ist.

Opus Dei - Etwas Großes, das Liebe ist (IX): Wir sind Apostel!

Kapharnaum ist der Ort, an dem das apostolische Abenteuer beginnt, das der Herr in die Welt brachte. Wir wissen, dass wenigstens vier der zwölf Apostel Fischer aus diesem Ort waren. „Die ersten Apostel standen neben dem alten Boot und flickten die zerrissenen Netze. Da rief sie der Herr. Er sagte ihnen, sie sollten Ihm folgen. Und sie folgten Ihm, statim - sofort, und relictis omnibus - indem sie alles verließen… Alles!“[1]

Jesus ruft jene Ersten mit Worten, in denen er einen Plan skizziert, der die Geschichte für immer verändern wird: „Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen“ (Mk 1, 6-17). Mehr erklärt er ihnen nicht. Sie werden weiterhin Fischer sein, aber von nun an werden sie andere ‚Fische‘ fangen. Sie werden andere ‚Meere‘ kennenlernen, aber sie dürfen nicht vergessen, was sie bei ihrer Arbeit gelernt haben. Es wird Tage mit günstigem Wind und reichem Fischfang geben, aber auch Tage mit schlechter Sicht, ohne jeglichen Erfolg oder mit einem so geringen Fang, dass sie den Eindruck haben werden, mit leeren Händen ans Ufer zurückzukehren. Entscheidend aber wird nicht die Größe des Fangs sein oder das, was menschlich als Erfolg oder Misserfolg gilt. Entscheidend ist das, was sie sein werden. Von Anfang an will Jesus, dass sie ihre eigene, neue Identität begreifen; denn er ruft sie nicht nur, etwas zu tun – eine schöne Aufgabe zu verwirklichen, etwas Außergewöhnliches -, sondern jemand zu sein, der eine Sendung erfüllt: ‚Menschenfischer‘ zu sein.

„Alles tue ich für das Evangelium“

Einem Ruf Gottes folgen bedeutet, die eigene Identität neu zu begreifen: „Es ist eine neue Sicht des Lebens“, sagte der hl. Josefmaria. Das Bewusstsein, dass Jesus Christus selbst uns einlädt, an seiner Sendung teilzunehmen, entfacht in der Seele den Wunsch, „die besten Kräfte einer Tätigkeit zu widmen, die mit der Zeit etwas ganz Festes, Eigenes wird“. So bringt uns „die Berufung – ohne dass wir uns dessen bewusst wären – nach und nach dazu, einen Standort im Leben einzunehmen, an dem wir mit Begeisterung und Freude bis zum Augenblick des Todes festhalten werden. Es ist ein Phänomen, das der Arbeit den Sinn einer Sendung verleiht“[2]. Und diese Aufgabe, die uns mit Glück erfüllt, bestimmt unsere Art zu sein, zu handeln, die Welt zu betrachten.

Einem Ruf Gottes folgen bedeutet, die eigene Identität neu zu begreifen.

Msgr. Ocariz hat mit einer ausdrucksstarken Formulierung daran erinnert: „Wir machen kein Apostolat, wir sind Apostel!“[3] Unsere apostolische Sendung ist nicht beschränkt auf eine Zeit oder auf bestimmte Aspekte unseres persönlichen Lebens, sondern sie umfasst alles mit einem Umfang von 360 Grad. Der hl. Josefmaria erinnerte die Leute vom Werk von Beginn an daran: „Vergesst nicht, meine Kinder, dass wir keine Leute sind, die sich mit anderen zusammenschließen, um Gutes zu tun. Das wäre schon viel…, aber es ist doch zu wenig. Wir sind Apostel, die einem gebieterischen Befehl Christi folgen“.[4]

„Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ schreibt der hl. Paulus (s. 1 Kor 9,16-23). Es kommt ihm aus tiefster Seele. Für ihn ist dieser Impuls der Liebe Einladung und Pflicht. „Wäre es mein freier Entschluss, so erhielte ich Lohn. Wenn es mir aber nicht freisteht, so ist es ein Dienst.“ Deswegen besteht der einzige Lohn darin, „dass ich unentgeltlich verkünde“, denn er fühlt sich als „Diener aller, um möglichst viele zu gewinnen.“ Er öffnet sein Herz ganz: Er ist der Geringste unter den Aposteln, unwürdig und ohne Verdienste, aber er ist Apostel. Daher gibt es für ihn keinen Umstand, der nicht apostolisch wäre, sodass er sagen kann: „Alles tue ich für das Evangelium“. Das ist seine Identität, und so möchte er gesehen werden: „Paulus, Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert, das Evangelium zu verkünden“ (Röm 1,1).

Dementsprechend ist für einen Christen das Apostolat nicht bloß ‚ein Auftrag‘ oder eine Beschäftigung, die sich zu einer bestimmten Zeit am Tag abspielt, es ist auch nicht ‚eine wichtige Angelegenheit‘, sondern es ist eine Notwendigkeit, die einem Herzen entspringt, das „ein Geist und ein Leib“[5] geworden ist mit Jesus, mit seiner ganzen Kirche. „Apostel“ kann und darf nämlich kein Ehrentitel sein. Er verpflichtet auf konkrete und auch dramatische Weise das ganze Dasein des Betroffenen.“[6] Manches Mal brauchen wir eine Ermutigung, andere Male holen wir uns Rat, um richtigzuliegen in unserer Bemühung, das Evangelium weiterzugeben. In jedem Fall aber wissen wir, dass unsere Berufung ein Geschenk Gottes ist. Deshalb bitten wir Ihn, dass das Apostolat unserem Herzen entspringt wie Wasser aus einer Quelle (s. Joh 4,14).

Salz, Licht und Sauerteig der Welt

Um Seinen Jüngern die Rolle zu erklären, die sie in der Welt spielen sollten, bediente sich der Herr oftmals bestimmter Bilder. „Ihr seid das Salz der Erde…, ihr seid das Licht der Welt“, sagt er ihnen bei einer Gelegenheit (s. Mt 5, 13-14). Ein anderes Mal spricht er vom Sauerteig, der in kleiner Menge den ganzen Teig durchwirken kann (s. Mt 5,33). So sollen die Apostel Jesu sein: Salz, das würzt, Licht, das erhellt, Hefe, die den Teig aufgehen lässt. Und so sah der hl. Josefmaría das Apostolat seiner Töchter und Söhne: „Du hast den Ruf Gottes zu einem konkreten Weg, dem, überall auf Erden hinzugehen und dabei selbst in Gott geborgen zu sein – Hefe, Salz und Licht der Welt zu sein, um Licht zu schenken, Würze und Volumen zu geben, um wachsen zu lassen“.[7]

Die Gläubigen des Opus Dei üben ihr Apostolat wie viele andere Christen inmitten der Welt aus, natürlich und diskret. Auch wenn das manchmal zu Unverständnis geführt hat, versuchen sie wirklich diese Bilder des Herrn in ihrem Leben umzusetzen. Salz bleibt unsichtbar, es vermischt sich gut mit den Speisen, ohne aufzufallen, es verleiht ihnen Geschmack. Ohne Salz könnten sie schwer verträglich sein, selbst bei guter Qualität. Ähnlich ist es mit der Hefe, sie lässt den Teig aufgehen, ohne selbst sichtbar zu sein. Das Licht hingegen stellt man „auf den Leuchter, dann leuchtet es allen im Haus“ (Mt 5,15-16), aber es zieht die Aufmerksamkeit nicht auf sich selbst, sondern auf das, was es beleuchtet. Ein Christ ist gerne mit anderen zusammen, macht mit ihnen Pläne und Projekte. Mehr noch: „Wir müssen uns unbehaglich fühlen, wenn wir nicht – als Salz und Licht Christi – mitten unter den Leuten sind“[8]. Diese Offenheit verlangt auch, mit Menschen verbunden zu sein, die nicht wie wir denken, und bereit zu sein, in den Herzen den Angelhaken Gottes[9] zu hinterlassen, so wie Er selbst es uns eingibt. Manchmal werden wir einfach nur für sie beten oder ein passendes Wort sagen mit einer herzlichen Geste…

Die apostolische Wirksamkeit eines Lebens lässt sich nicht berechnen. Viele Früchte bleiben im Dunkeln, wir werden sie in diesem Leben nicht entdecken. Aber wir können immer wieder den Wunsch in uns erneuern, eng vereint mit dem Herrn zu leben. „Als Apostel durch das Leben gehen, mit dem Licht und dem Salz Gottes. Ohne Angst und ganz natürlich, aber durch unser inneres Leben so stark mit Gott verbunden, dass wir Licht verbreiten, vor Verderbnis bewahren und Schatten vertreiben können“[10]. Der Herr selbst wird unser Bemühen segnen, und wir werden uns nicht in Gedanken an unsere Schwäche oder an äußere Schwierigkeiten verlieren, etwa, ob der See zu groß ist, ob die Leute uns verstehen oder uns kritisieren, ob der Weg zu schwierig ist oder ob ich fähig bin, gegen den Strom zu rudern…

Im eigenen Boot

Wenn man die Liste der Apostel durchgeht, fällt auf, wie unterschiedlich sie sind. Es sind zum Teil sehr ausgeprägte Persönlichkeiten. Das ist auch bei den von der Kirche kanonisierten Heiligen so und ebenfalls, wenn wir auf viele Leute schauen, die dem Herrn in ihrem schlichten Leben mit diskreter, ausdauernder Hingabe folgen. Sie sind alle verschieden und zugleich doch alle treue, in den Herrn verliebte Apostel.

Wer sich Gott hingibt, verliert nicht den Reichtum der eigenen Persönlichkeit - im Gegenteil. Denn „wenn der Herr daran denkt, was Er dem Einzelnen schenken will, dann denkt Er an ihn als an seinen persönlichen Freund. Und wenn Er dir ein Geschenk macht, dann das Beste. Und dies ist nicht notwendigerweise die teuerste oder am schwierigsten zu beschaffende Sache, sondern jene, von der Er weiß, dass sie dir Freude bereiten wird. So wird dies sicher etwas sein, das dich in deinem Innersten glücklich machen und mehr als alles andere auf dieser Welt begeistern wird. Nicht weil das, was er dir geben will, ein außerordentliches oder seltenes Charisma ist, sondern weil es genau auf deine Bedürfnisse zugeschnitten sein wird, zugeschnitten auf dein ganzes Leben“[11]. So stellt derjenige, der sich entscheidet, dem Herrn nachzufolgen, nach Jahren fest, wie die Gnade zusammen mit seinem persönlichen Bemühen sogar seinen Charakter verändert hat, sodass es ihm leichter fällt, alle zu lieben und ihnen zu dienen. Das ist keineswegs Ergebnis einer voluntaristischen Nachahmung eines Vollkommenheitsideals, sondern es ist der Einfluss Christi und die leidenschaftliche Liebe zu Ihm im Leben des Apostels.

Wer sich Gott hingibt, verliert nicht den Reichtum der eigenen Persönlichkeit - im Gegenteil.

Kurz nach seiner Wahl zum Prälaten wurde Don Javier Echevarría gefragt, ob er ein eigenes Leben geführt habe: „Konnten Sie Sie selbst sein?“ Seine Antwort ist bewegend. Es sind die Worte dessen, der auf das eigene Leben zurückblickt und sieht, was Gott darin gewirkt hat. „Ja, ich habe mein eigenes Leben gelebt. Niemals hätte ich gedacht, dass ich so ein hohes Ziel verfolgen würde. Wenn ich nach meinem eigenen Rhythmus gelebt hätte, wäre mein Horizont viel enger gewesen, ich wäre nicht so weit gekommen (…). Als Mensch unserer Zeit, als Christ und als Priester habe ich meine Persönlichkeit stark vervollkommnen können. Ich habe ein weltoffenes Herz, weil ich an der Seite von zwei Menschen (dem hl. Josefmaria und dem sel. Álvaro) gelebt habe, die von beeindruckendem christlichem Geist geprägt waren“[12].

Wer von Christus gesandt ist und Ihm das Steuer seines Lebens überlässt, darf nicht vergessen, dass Er eine zutiefst freie Antwort erwartet. In erster Linie frei von Egoismen, von Hochmut und dem Wunsch zu glänzen. Frei aber auch, um sein Talent, seine Initiative und Kreativität in Seinen Dienst zu stellen. Daher sagte der hl. Josefmaria: „Ein ganz deutliches Merkmal des Geistes des Opus Dei ist die Liebe zur Freiheit und zum Verständnis“[13].

Diese Freiheit des Geistes besteht jedoch nicht darin, „auf Kosten jedweder Norm den eigenen Willen durchzusetzen“[14], so als wäre alles, was nicht von uns selbst stammt, eine Verpflichtung, die uns von außen auferlegt wird und von der wir uns befreien wollen. Vielmehr wollen wir in dem Geist handeln, der Jesus bewegt hat: „Ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“ (Joh 6,38). Wenn das Apostolat als eine zusätzliche Tätigkeit verstanden würde, liefe man Gefahr, sich von den Hinweisen derer eingeengt zu fühlen, die die apostolischen Initiativen koordinieren. Wer sich von Christus gesendet weiß, ist dankbar für die Hilfe und die Anregungen, die Gott ihm auf vielfältige Weise gibt. Mit Freiheit des Geistes leben bedeutet, uns vom Heiligen Geist führen und leiten zu lassen, der sich auch der Menschen bedient, die Er an unsere Seite gestellt hat.

Freiheit des Geistes lässt uns „mit dem eigenen Boot“ auf apostolische Notwendigkeiten reagieren, das heißt, nicht passiv, sondern mit der Überzeugung, dass es das ist, worum der Herr uns in diesem Augenblick bittet; denn genau das kommt dem Apostel zu, der wir sind. So sind wir in der Lage, ständig, in allen Alltagssituationen, die frische Brise des Geistes zu spüren, der uns „auf die hohe See“ (Lk 5,4) führt und die wunderbare Liebesgeschichte mit Gott erleben lässt.

Bestünde unsere Aufgabe darin, ‚Apostolat zu machen‘, dann könnten wir sie wegen einer schwierigen Arbeit oder während einer Krankheit beiseitelassen. Wir könnten uns auch eine ‚apostolatsfreie Zeit‘ nehmen. Aber „wir sind Apostel!“ Das ist unser Leben! Daher wäre es widersinnig, auf die Straße zu gehen und unser apostolisches Herz im Haus zu lassen. Natürlich verlangt unsere Sendung eine ständige Bemühung und die Überwindung unserer Ängste. Aber innere Widerstände sollen uns nicht beunruhigen; denn der Heilige Geist lässt im Herzen dessen, der auf Ihn hört, echte apostolische Spontaneität und Kreativität entstehen. Wer eins wird mit seiner Sendung, für den wird alles Gelegenheit zum Apostolat.

Es wächst „das Bewusstsein, an vorderster Front zu stehen“[15], das uns „aus Liebe wachsam sein und arbeiten lässt, ohne schläfrig zu werden“[16], eine Wache aus Liebe, die weder Angst noch Nervosität mit sich bringt. Wir haben eine Arbeit in Händen, die uns begeistert, uns glücklich macht und die auch Freude dahin bringt, wo wir sind. Wir arbeiten ja im Weinberg des Herrn, in der Sicherheit, dass alles Ihm gehört. Wenn einmal Unruhe in uns aufkommen sollte, extreme Anspannung, dann ist es Zeit, Ihm zu sagen: Ich tue es für Dich, hilf mir, mit Ruhe zu arbeiten, mit der Sicherheit, dass Du alles machst.

Das göttliche Licht strahlt Wärme aus

Als der Hausherr im Gleichnis vom Gastmahl erfährt, dass einige der geladenen Gäste sich entschuldigt haben, befiehlt er seinem Knecht, „die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen“ (Lk 14,21) zu holen. Der Saal ist schon ziemlich voll, aber es gibt noch einige freie Plätze. Da sagt er zu seinem Diener: „Geh zu den Wegen und Zäunen und nötige die Leute hereinzukommen, damit mein Haus voll wird (Lk 14,23). „Nötige sie zu kommen“, compelle intrare. So weit geht sein sehnlicher Wunsch.

Der Befehl ist drängend; denn der Ruf der Erlösung ist universal. Der hl. Josefmaria verstand ihn so: „Damit ist nicht physischer oder moralischer Zwang gemeint, sondern die Fülle an Licht, an Lehre, die Menge an Opfern, die ihr bringt, das Lächeln in eurem Gesicht, weil ihr Kinder Gottes seid. Die anderen bemerken das Glück der Gotteskindschaft, die euch froh macht – auch wenn es in eurem Leben nicht an Widrigkeiten fehlt – und beneiden euch darum. Fügt zu alledem noch euren Schwung und eure menschliche Sympathie hinzu. Das macht den Inhalt des compelle intrare aus“[17]. Es geht nicht darum, jemanden zu bedrängen. Es handelt sich vielmehr, jedes Mal neu, um Gebet und Freundschaft, um Zeugnis und großzügiges Opfer…, geteilte Freude, Sympathie, die in aller Freiheit einlädt.

Gott wirkt ‚durch Anziehung‘[18], Er spornt die Seelen durch die Freude und den Zauber des christlichen Lebens an. Das Apostolat ist also Liebe, die überspringt. Ein liebendes Herz zieht an. „Wir ziehen alle mit dem Herzen an“, sagte der hl. Josefmaria. „Deshalb erbitte ich für alle ein großes Herz. Wenn wir die Menschen lieben, ziehen wir sie an.“[19] In der Tat wirkt nichts so attraktiv wie echte Liebe, besonders in einer Zeit, in der viele Menschen die Wärme der göttlichen Liebe nicht kennengelernt haben. Wahre Freundschaft zeigt sich in „der Art, apostolisch zu sein, wie der hl. Josefmaria sie in den Evangelien fand“[20]: Philippus brachte Bartholomäus mit, Andreas den Petrus. Gute Freunde müssen auch die gewesen sein, die den Gelähmten, der nicht aus dem Bett aufstehen konnte, zu Jesus brachten.

„In einem Christen, einem Kind Gottes, bilden Freundschaft und Gottesliebe eine einzige Realität: Sie sind Licht Gottes, das Wärme spendet“[21]. Freundschaft verlangt Beständigkeit, persönlichen Kontakt, Beispiel und aufrichtige Treue, Bereitschaft zu helfen, einander zu unterstützen, Zuhören können und Empathie, die Fähigkeit zu merken, was der andere braucht. Freundschaft ist kein Vehikel für das Apostolat, sondern das Apostolat selbst ist im Innersten Freundschaft, der ungeschuldete Wunsch, das Leben mit den anderen zu teilen. Natürlich wünschen wir uns, dass unsere Freunde sich Gott nähern, aber wir sind bereit, dass es geschieht, wann und wie Gott will. Auch wenn es verständlich ist, dass ein Apostel in seiner Arbeit Erfolge erzielen möchte und überprüft, in welchem Verhältnis seine Bemühungen zu dem Einfluss stehen, den er auf andere hat, so darf er doch niemals vergessen, dass die Apostel Jesus auch gefolgt sind, als fast alle anderen Ihn verließen (s. Joh 6,66-69). Die Früchte werden zu ihrer Zeit schon kommen (s. Apg 2,37-41).

Ein junger Mann fragte den hl. Josefmaria: „Vater, was müssen wir tun, damit viele Leute pfeifen[22]“? Der hl. Josefmaria antwortete sofort: „Viel beten, echte Freundschaft pflegen und die Freiheit der anderen respektieren“. Den jungen Mann überzeugte die Antwort nicht richtig und er fügte hinzu: „Sind wir auf diese Weise nicht zu langsam, Vater?“ „Nein, denn die Berufung ist übernatürlich“, antwortete der hl. Josefmaria, indem er jede Silbe betonte. „Eine Sekunde genügte, den Saulus zum Paulus zu machen. Dann drei Tage Gebet, und er wurde zu einem leidenschaftlichen Apostel Jesu Christi“[23].

Es ist Gott, der ruft, der Heilige Geist bewegt das Herz. Der Apostel begleitet seine Freunde mit Gebet und Opfer, ohne die Geduld zu verlieren, wenn seine Vorschläge abgelehnt werden oder wenn sich jemand nicht helfen lässt. Ein echter Freund schaut auf die Stärken des anderen, die ihn wachsen lassen und vermeidet Vorwürfe für seine Entscheidungen. Er weiß, wann es besser ist zu schweigen und wann er ein Thema nochmal anders aufgreifen kann, ohne lästig zu werden. Er vertraut auf das Gute im anderen. So macht es Gott und so sollen es auch seine Kinder tun.

Ohne lästig zu werden, mit einem Lächeln im Gesicht, können wir ihm ein paar Worte ins Ohr flüstern, wie der Herr es tat. Und wir werden den Wunsch in uns lebendig halten, dass viele Leute Ihn kennenlernen. „Du und ich, wir müssen als Kinder Gottes an die Seelen der Menschen denken, die wir sehen. Da ist jemand, dem man helfen muss, den man verstehen muss, ein Mensch, mit dem man zusammen leben kann, eine Seele, die man retten muss“[24].

José Manuel Antuña


[1] Hl. Josefmaría, Im Feuer der Schmiede, Nr. 356.

[2] Hl. Josefmaría, Brief 09.01.1932, Nr. 9.

[3] F. Ocáriz, Brief, 14.02.2017, Nr. 9.

[4] Instruktion 19.03.1934, Nr. 27 (Das kursiv Gedruckte stammt aus dem Original), zit. im Weg, krit.-histor. Ausg Anm. zu Nr. 942.

[5] Römisches Messbuch, Eucharist. Hochgebet III.

[6] Benedikt XVI, Audienz, 10.09.2008.

[7] Hl. Josefmaría, Notizen zu einer Betrachtung im April 1955, in: Obras 1956, XI, S. 9 (AGP, Bibliothek, P03).

[8] Hl. Josefmaría, Allein mit Gott, Nr. 273 (AGP, Biliothek, P10).

[9] S. Don Javier, Homilie, 05.11.2010 (Romana, Nr. 51, Juli – Dezember 2010, S. 339).

[10] Feuer der Schmiede, Nr. 969.

[11] Franziskus, Nachsynodales Apost. Schreiben Christus vivit (25.03.2019), Nr. 287.

[12] Interwiev von P. Urbano mit Don Javier, Época, 20.04.1994, zit. in A. Sánchez León, En la tierra como en el cielo, Madrid, Rialp 2019, S. 349-350.

[13] Hl. Josefmaría, Brief 31.05.1954, Nr. 22.

[14] F. Ocáriz, Brief 09.01.2018, Nr. 5.

[15] Hl. Josefmaría, Brief 31.05.1954, Nr. 16.

[16] a.a.O.

[17] Hl. Josefmaría, Brief 24.10.1942, Nr 9; s. Freunde Gottes, Nr. 37.

[18] Benedikt XVI, Homilie, 13.05.2007; Franziskus, Homilie 03.05.2018.

[19] Hl. Josefmaría, Notizen von einem Beisammensein, 10.05.1967 in: Crónica 1967, S. 605 (AGP, Bibliothek, P01).

[20] F. Ocariz, Brief 14.02.2017, Nr. 9.

[21]Feuer der Schmiede, Nr. 565.

[22] In Madrid bedeutete in den 1950er Jahren „pfeifen“ in der dortigen Umgangssprache soviel wie: gut klappen. Der hl. Josefmaría benutzte diesen Ausdruck, wenn er sich darauf bezog, dass jemand um die Aufnahme ins Werk gebeten hatte. Seitdem blieb dieses Wort im Werk als familiärer Ausdruck erhalten.

[23] Hl. Josefmaría, Notizen von einem Beisammensein, 24.04.1967, in: Crónica 1967, S. 506 (AGP, Bibliothek, P01).

[24] Hl. Josefmaría, Betrachtung vom 25.02.1963, in: Crónica 1964, IX, S. 69 (AGP, Bibliothek, P01).