Etwas Großes, das Liebe ist (II): Was dein Leben sein könnte

Der Traum jedes Christen ist, dass sein Name im Herzen Gottes eingeschrieben ist. Der zweite Artikel der Serie über die Berufung – „Etwas Großes, das Liebe ist“, betrachtet diese Wirklichkeit.

Opus Dei - Etwas Großes, das Liebe ist (II): Was dein Leben sein könnte

Mesopotamien erlebte das Entstehen und Vergehen mehrerer der ältesten Kulturen der Welt: der sumerischen, akkadischen, babylonischen, chaldäischen … Obwohl wir in der Schule vielleicht etwas darüber gelernt haben, scheinen uns diese Kulturen fern zu sein und nicht viel mit uns zu tun zu haben. Doch stammt aus dieser Gegend eine Persönlichkeit, die Teil unserer Familie ist. Er hieß Abram, solange bis Gott seinen Namen zu Abraham änderte. Die Bibel situiert ihn rund 1850 Jahre vor Jesu Geburt. Viertausend Jahre später erinnern wir uns noch immer an ihn, sooft wir ihn in der Hl. Messe als „unseren Vater“ i anrufen: Er war der Begründer unserer Familie.

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“

Abraham ist einer der ersten Menschen, der in die Geschichte eingegangen ist, weil er einem Ruf Gottes folgte. In seinem Fall ging es um eine ziemlich einzigartige Forderung: „Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde“ ( Gen 12,1). Nach ihm kamen unter anderem Moses, Samuel, Elija und die anderen Propheten ... Alle hörten auf die Stimme Gottes, der sie auf die eine oder andere Weise einlud, „aus ihrem Land wegzuziehen“ und gemeinsam mit ihm ein neues Leben zu beginnen. Wie dem Abraham versprach er jedem, Großes in seinem Leben zu wirken: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein“ ( Gen 12,2). Auch rief er jeden bei seinem Namen. Daher enthält das Alte Testament neben den Taten Gottes die Namen jener, die mit ihm zusammenarbeiteten. Der Hebräerbrief singt ein begeistertes Loblied auf sie (vgl. Hebr 11,1-40).

ES GIBT EINE RIESIGE MENGE UNBEKANNTER HEILIGER, DIE WAHRE „VORREITER DER GESCHICHTE“ SIND.

Als Gott seinen Sohn in die Welt sandte, hörten die Berufenen nicht mehr nur die Stimme Gottes, sie konnten auch ein menschliches Antlitz sehen: Jesus von Nazaret. Auch sie berief Gott, ein neues Leben zu beginnen und eine unauslöschliche Spur in der Geschichte zu hinterlassen. Wir kennen ihre Namen – Maria Magdalena, Petrus, Johannes, Andreas ... – und erinnern uns voll Dankbarkeit an sie.

Und später? Es könnte so scheinen, als ob Gott sich nach der Himmelfahrt Jesu aus der Geschichte zurückgezogen hätte. In Wirklichkeit setzt sich sein Wirken nicht nur fort, sondern wird auch noch mehr. Wenn Gott bei seinem Aufenthalt auf Erden auch nur einige wenige auserwählte, „änderte“ er in den vergangenen zweitausend Jahren „die Pläne“ von Millionen von Männern und Frauen und eröffnete ihnen Horizonte, die sie sich selbst nie hätten vorstellen können. Wir kennen die Namen vieler, da sie im kirchlichen Heiligenverzeichnis niedergeschrieben sind. Und noch dazu gibt es eine riesige Menge von Männern und Frauen „aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen“ ( Offb 7,9), unbekannte Heilige, die wahre „Vorreiter der Geschichte“ ii sind.

Heute, in diesem Moment, sucht Gott weiter und klopft an die Tür jedes einzelnen. Der hl. Josefmaria betrachtete gerne diese Worte des Jesaja: „Ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir“ (Jes 43,1). Wenn er diese Worte betrachtete, sagte er, dass sie die Seele „die Süße des Wabenhonigs“ iii verkosten lassen, denn sie lassen einen entdecken, in welchem Ausmaß man von Gott auf eine urpersönliche, einzigartige Weise geliebt wird.

Auch uns können diese Worte die Süße des Wabenhonigs verkosten lassen, denn sie zeigen, wie wichtig unser Leben für Gott ist, dass er mit uns rechnet, dass er jeden einzelnen einlädt. Der Traum eines jeden Christen ist es, im Herzen Gottes eingeschrieben zu sein. Und dieser Traum ist für jeden erreichbar.

Zähle die Sterne, wenn du kannst“

Es kann uns übermäßig erscheinen, unser Leben als Fortsetzung des Lebens der großen Heiligen zu sehen. Wir haben die Erfahrung unserer Schwäche. Das war nicht anders bei Mose, Jeremias, Elija, die auch ihre schlechten Momente hatten. iv Jesaja sagt einmal: „Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan ...“ ( Jes 49,4). Tatsächlich stellt sich das Leben manchmal genau so dar, sinnlos oder unbedeutend, wegen der Leichtigkeit, mit der unsere Projekte scheitern. Die Frage „ Wofür will ich leben“ scheint angesichts der Erfahrung des Misserfolgs, des Leidens und des Todes ins Leere zu laufen.

Gott kennt unsere fehlende Festigkeit genau und ebenso die Verwirrung, in die sie uns führt. Und dennoch kommt er, uns zu suchen. Daher belässt es der Prophet auch nicht bei einem Klageschrei, sondern erkennt die Stimme des Herrn wieder: „Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht“ ( Jes 49,6). Wir sind schwach, aber das ist nicht die einzige Wahrheit über unser Leben. Der Hl. Vater schreibt: „Erkennen wir unsere Schwachheit, aber lassen wir zu, dass Jesus sie in seine Hände nimmt und uns in die Mission hinaustreibt. Wir sind schwach, aber Träger eines Schatzes, der uns groß macht und der die besser und glücklicher machen kann, die ihn empfangen. Wagemut und apostolischer Mut sind grundlegend für die Mission.“ v

Der göttliche Ruf ist ein großer Akt der Barmherzigkeit Gottes; ein Zeichen, dass er mich liebt, dass ich ihm etwas bedeute: „Gott rechnet mit dir aufgrund dessen, was du bist, nicht aufgrund dessen, was du hast: In seinen Augen ist es absolut unbedeutend, welches Kleid du trägst oder welches Handy du benutzt; es ist ihm nicht wichtig, ob du mit der Mode gehst, sondern du selbst bist ihm wichtig, so wie du bist. In seinen Augen bist du wertvoll, und dein Wert ist unschätzbar.“ vi Indem er uns ruft, befreit uns Gott, denn er gewährt uns, aus einem nichtssagenden Leben auszubrechen, das kleinen Befriedigungen gewidmet war, die nicht fähig sind, unseren Durst nach Liebe zu stillen. „Wenn wir uns dazu entschließen, dem Herrn zu antworten : Meine Freiheit für dich! dann sind wir von allen Ketten befreit, die uns an bedeutungslose Dinge fesselten.“ vii Gott löst unsere Freiheit aus ihrer Kleinheit und öffnet sie für die Weite der Geschichte seiner Liebe zu den Menschen, in der wir alle – jede einzelne und jeder einzelne – Vorreiter sind.

NICHT WIR SIND ES, DIE GOTT EINEN GEFALLEN TUN – GOTT IST ES, DER UNSER LEBEN MIT LICHT ERFÜLLT.

„Die Berufung zündet ein Licht an, das uns den Sinn unseres Lebens erkennen lässt. Im klaren Licht des Glaubens sehen wir das Warum unseres irdischen Daseins. Unser Leben – das vergangene, das gegenwärtige und das zukünftige – erscheint dann in einer neuen Dimension, mit einer nicht geahnten Tiefe. Alles, was in unserem Leben geschieht, gewinnt so seinen wahren Bezugspunkt: Wir begreifen, wohin der Herr uns führen will, und wir fühlen uns mitgerissen von der uns anvertrauten Aufgabe.“ viii Für den, der den Ruf Gottes empfangen und angenommen hat, gibt es keine nichtssagenden oder geringfügigen Handlungen mehr. Alle werden erhellt durch das Versprechen: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen“ ( Gen 12,2): Mit deinem Leben werde ich große Dinge bewirken; du wirst eine Spur hinterlassen, du wirst freudig Freude verbreiten. Daher, „wenn Gott um etwas bittet, bietet er in Wirklichkeit ein Geschenk an. Nicht wir sind es, die Gott einen Gefallen tun – Gott ist es, der unser Leben mit Licht und Sinn erfüllt.“ ix

Andererseits lässt uns das Licht der Berufung verstehen, dass die Bedeutung unseres Lebens sich nicht an der menschlichen Größe von Plänen, die wir umsetzen, bemisst. Nur einige wenige können ihre Namen unter die Großen der Weltgeschichte einreihen. Seine göttliche Größe bemisst sich hingegen an seiner Verbindung mit dem einzig wahrhaft großen Plan: der Erlösung. „Sicherlich werden die entscheidenden Wendungen in der Weltgeschichte wesentlich mitbestimmt durch Seelen, von denen kein Geschichtsbuch etwas meldet. Und welchen Seelen wir die entscheidenden Wendungen in unserem persönlichen Leben verdanken, das werden wir auch erst an dem Tage erfahren, an dem alles Verborgene offenbar wird.“ x

„Die Erlösung vollzieht sich immer noch – jetzt!“ xi Wie dazu beitragen? Auf tausend verschiedene Weisen, im Wissen, dass Gott selbst uns Licht gibt, damit wir die konkrete Weise, mit ihm mitzuwirken, entdecken. „Gott ist daran gelegen, die Freiheit der berufenen Person nicht nur bei der Antwort eine Rolle spielen zu lassen, sondern auch bei der näheren Bestimmung der Berufung selbst.“ xii Und die Antwort wird – ohne dass wir aufhören, frei zu sein – von der aktuellen Gnade Gottes, der uns ruft, angestoßen. Wenn wir von dort, wo wir uns befinden, aufbrechen, wird Gott uns den Traum sehen helfen, den er für unser Leben geträumt hat: einen Traum, der „Gestalt annimmt“ im Maße des Fortschreitens, denn er hängt auch von unserer Initiative und Kreativität ab. Der hl. Josefmaria sagte, dass, wenn wir träumten, Gott unsere kühnsten Träume übertreffen werde, denn wer richtig träumt, träumt von Gott. So, in großem Stil, ließ Gott Abraham träumen: „Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst.“ ( Gen 15,5).

Es gehören immer zwei dazu

Gott tritt in das Leben von Abraham ein, um bei ihm zu bleiben, um sich gewissermaßen seinem Schicksal anzuschließen: „Ich will segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den will ich verfluchen. Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ ( Gen 12,3). Abrahams Geschichte ist die einer „geteilten Vorreiterschaft“. Es ist die Geschichte von Abraham und Gott, von Gott und Abraham. Das geht so weit, dass Gott sich selbst vor anderen Menschen von da an als „der Gott Abrahams“ xiii vorstellt.

DER RUF BESTEHT DARIN, MIT IHM VEREINT ZU LEBEN. MEHR ALS BESONDERE DINGE ZU TUN, GEHT ES DARUM, ALLES VEREINT MIT GOTT ZU TUN.

Der Ruf besteht in erster Linie darin, mit ihm vereint zu leben. Mehr als besondere Dinge zu tun, geht es darum, alles vereint mit Gott zu tun, „alles aus Liebe!“xiv. Den Ersten ging es genauso: Jesus erwählte sie vor allem, um sie „bei sich“ zu haben; erst danach fügt der Evangelist hinzu: um sie auszusenden, „damit sie predigten“ ( Mk 3,14). Daher dürfen auch wir, wenn wir seine Stimme vernehmen, nicht an eine Art „mission impossible“ denken, an etwas irrsinnig Schwieriges, das er uns von der Höhe des Himmels herab auferlegt. Wenn es ein echter Ruf Gottes ist, wird es eine Einladung sein, in sein Leben, in sein Projekt einzusteigen: ein Ruf, um in seiner Liebe zu bleiben (vgl. Joh 15,9). Und so, vom Herzen Gottes aus, von einer echten Freundschaft mit Jesus aus, werden wir seine Liebe in die ganze Welt hinaustragen. Er möchte mit uns rechnen ... und bei uns bleiben. Oder umgekehrt: Er möchte bei uns bleiben und mit uns rechnen.

So versteht sich, dass jene, die den Ruf Gottes erhalten haben und ihm gefolgt sind, jene ermutigen, die ihn zu hören beginnen. Denn in einem ersten Moment bekommen sie häufig Angst. Es ist eine logische Furcht, die das Unerwartete erzeugt, das Unbekannte, das den Horizont Sprengende, die Wirklichkeit Gottes, der uns in jeder Hinsicht übersteigt. Es ist eine sehr normale menschliche Reaktion, die uns nicht überraschen darf. Es wäre ein Irrtum, wenn wir uns durch die Angst lähmen ließen: Vielmehr sollten wir uns mit ihr auseinandersetzen, es wagen, sie in Ruhe zu analysieren. Den großen Entscheidungen des Lebens, den Projekten, die eine Spur hinterlassen haben, ging fast immer eine Phase der Angst voraus, die nach gelassenem Nachdenken überwunden wurde; ja, und auch mit einem Schuss Wagemut.

Der hl. Johannes Paul II. begann sein Pontifikat mit einer Einladung, die bis heute widerhallt: „Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! ... Habt keine Angst!“ xv Benedikt XVI. übernahm sie, kaum dass er gewählt war: Er merkte an, wie der Papst mit diesen Worten „zu den Menschen, besonders zu den jungen Menschen“ sprach. Und er fragte sich: „Haben wir nicht alle irgendwie Angst, wenn wir Christus ganz herein lassen, uns ihm ganz öffnen, könnte uns etwas genommen werden von unserem Leben? Müssen wir dann nicht auf so vieles verzichten, was das Leben erst so richtig schön macht? Würden wir nicht eingeengt und unfrei?“ xvi

Benedikt XVI. fuhr fort: „Und wiederum wollte der Papst sagen: Nein. Wer Christus einlässt, dem geht nichts, nichts – gar nichts verloren von dem, was das Leben frei, schön und groß macht. Nein, erst in dieser Freundschaft öffnen sich die Türen des Lebens. Erst in dieser Freundschaft gehen überhaupt die großen Möglichkeiten des Menschseins auf. Erst in dieser Freundschaft erfahren wir, was schön und was befreiend ist.“ xvii Und sich an die Empfehlung des hl. Johannes Paul II. anschließend, schloss er: „So möchte ich heute mit großem Nachdruck und großer Überzeugung aus der Erfahrung eines eigenen langen Lebens sagen: Habt keine Angst vor Christus! Er nimmt nichts, und er gibt alles. Wer sich ihm gibt, der erhält alles hundertfach zurück. Ja, aprite, spalancate le porte per Cristo – dann findet ihr das wirkliche Leben.“ xviii Papst Franziskus hat uns auch oft daran erinnert: „Er verlangt von dir, das loszulassen, was dein Herz belastet, dich von Gütern zu befreien, um Platz zu schaffen für ihn.“ xix So werden wir wie alle Heiligen die Erfahrung machen: Gott nimmt nichts, sondern er erfüllt unser Herz mit einem Frieden und einer Freude, die die Welt nicht geben kann.

Auf diesem Weg weicht die Angst sofort einer tiefen Dankbarkeit: „Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten (…), obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte. Aber ich habe Erbarmen gefunden“ (1 Tim 1,12-13). Dass wir alle eine Berufung haben, beweist, dass die Barmherzigkeit Gottes sich von unseren Schwächen und Sünden nicht bremsen lässt. Er stellt sich vor uns hin „ Miserando atque eligendo “ (Aus Barmherzigkeit erwählt), wie es im Wappen von Papst Franziskus heißt. Denn für Gott ist Uns-Erwählen und Barmherzigkeit-Walten-Lassen – über unsere Kleinheit hinwegzusehen – ein und dasselbe.

Wie Abraham, wie Paulus, wie alle Freunde Jesu wissen auch wir uns nicht nur gerufen und begleitet von Gott, sondern sind uns auch seiner Hilfe sicher: überzeugt, dass jener, „der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu“ ( Phil 1,6). Wir wissen, dass unsere Schwierigkeiten, auch wenn sie manchmal groß sind, nicht das letzte Wort haben. Der hl. Josefmaria sagte den ersten Gläubigen des Opus Dei immer wieder: „Wenn Gott unser Herr zum Wohl der Menschen ein Vorhaben plant, denkt er zuerst an die Menschen, deren er sich als Werkzeuge bedienen muss ... und verleiht ihnen die notwendigen Gnaden .“xx

NUR DAS VERTRAUEN ERLAUBT UNS ZU LEBEN, OHNE SKLAVEN DER BERECHNUNG DER EIGENEN KRÄFTE ZU SEIN.

Der Ruf Gottes ist also eine Einladung zum Vertrauen. Nur das Vertrauen erlaubt uns zu leben, ohne Sklaven der Berechnung der eigenen Kräfte und Talente zu sein, und uns für das Wunder zu öffnen, auch mit den Kräften und Talenten des Anderen zu leben. Wie bei der Klettertour auf hohen Bergspitzen müssen wir auf den vertrauen, der uns vorausgeht und mit dem wir sogar das Seil teilen. Er, der vorausgeht, sagt uns, wo wir unseren Fuß aufsetzen sollen, und hilft uns in den Momenten, wenn uns, wären wir allein, Panik oder Höhenangst überkommen würde. Wir kommen also voran wie beim Klettern, allerdings mit dem Unterschied, dass wir jetzt unser Vertrauen nicht auf jemanden wie uns selbst setzen, ja nicht einmal auf jemanden wie unseren besten Freund. Wir setzen unser Vertrauen jetzt auf Gott selbst, der immer treu bleibt, „denn er kann sich selbst nicht verleugnen“ (2 Tim 2, 13).

Ihr werdet die Wege bahnen

„Da zog Abram weg, wie der Herr ihm gesagt hatte“ ( Gen 12,4). So begann die Etappe seines Lebens, die sein Dasein für immer bestimmen würde. Von da an war sein Leben von den ständigen Rufen Gottes geführt: von einem Ort zum anderen zu gehen, sich von niederträchtigen Menschen fernzuhalten, daran zu glauben, dass er einen Sohn bekommen würde, ihn tatsächlich zu bekommen ... und bereit zu sein, ihn zu opfern. Für Abraham gab es keinen Moment, in dem er nicht seine Freiheit benötigt hätte, um dem Herrn weiter Ja zu sagen. So ist das Leben derer, die Gott folgen, nicht nur durch die Nähe und die Vereinigung mit Gott gekennzeichnet, sondern auch durch eine reale, volle und fortgesetzte Freiheit.

Den Ruf Gottes mit einem Ja zu beantworten, gibt unserer Freiheit nicht nur einen neuen Horizont, einen vollen Sinn – „etwas Großes, das Liebe ist“ xxi, sagte der hl. Josefmaria –, sondern verlangt von uns, dass wir sie ständig ins Spiel bringen. Die Hingabe an Gott ist nicht, wie wenn ich eine Art „Förderband“ besteige, das von anderen gesteuert und gelenkt wird und das mich – ohne dass ich es will – bis ans Ende unserer Tage befördern würde; oder wie eine vollständig vorgegebene Eisenbahnstrecke, über die man sich vorab informieren kann und die für den Reisenden später keinerlei Überraschung bereithält.

Tatsächlich werden wir im Laufe unseres Lebens erleben, dass die Treue auf den ersten Ruf von uns neue und manchmal schmerzliche Entscheidungen verlangt. Und wir werden begreifen, dass der Ruf Gottes uns drängt, in unserer eigenen Freiheit täglich mehr zu wachsen. Denn um hoch hinauf zu fliegen – wie es jedem Weg der Liebe eigen ist –, ist es nötig, vom Schlamm befreite Flügel und eine große Fähigkeit zu haben, über das eigene Leben zu verfügen, das sich so oft in Kleinigkeiten verfängt. Kurz gesagt, der Größe des Rufes Gottes muss eine ebenso große Freiheit gegenüberstehen, die durch die Gnade und das Wachstum in den Tugenden, die uns immer mehr wir selbst sein lassen, Weite gewinnt.

In den ersten Jahren des Opus Dei pflegte der hl. Josefmaria den jungen Leuten, die zu ihm kamen, immer wieder zu sagen, dass alles noch zu tun war, auch der Weg, den sie beschreiten sollten. Und diesen Weg, den der Herr ihnen wies und der die ganze Welt durchqueren sollte, würden sie selbst errichten. „Es gibt für euch keine gebahnten Wege ... Ihr werdet sie wohl quer durchs Gebirge mit euren eigenen Füßen bahnen müssen.“ xxii So machte er den offenen Charakter deutlich, der jeder Berufung eigen ist und der entdeckt und unterstützt werden muss.

Heute wie damals bedeutet Dem-Ruf-Gottes-Entsprechen gewissermaßen Den-Weg-Bahnen mit dem Tritt der eigenen Schritte. Gott präsentiert uns nie einen fertig beschriebenen Weg. Das machte er nicht mit Abraham, noch mit Mose. Er machte es auch nicht mit den Aposteln. Als er in den Himmel auffuhr, sagte er nur: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“ ( Mk 16,15). Wie? Wo? Mit welchen Mitteln? Alles das erwies sich nach und nach. Wie in unserem Fall: Der Weg nimmt im Laufe des Lebens Form an, und er wird dank dieser herrlichen Allianz zwischen Gnade Gottes und unserer Freiheit begangen werden. Ein Leben lang ist die Berufung „die Geschichte eines unvergleichlichen Dialogs zwischen Gott und dem Menschen , zwischen der Liebe Gottes, der den Menschen ruft, und der Freiheit des Menschen, der in der Liebe Gott antwortet“ xxiii. Unsere Geschichte wird ein Flechtwerk sein aus unserem aufmerksamen Hören auf die göttlichen Eingebungen und unserer Kreativität, diese auf bestmögliche Weise umzusetzen.

Die Muttergottes, für uns alle ein Vorbild durch ihr „Ja“ in Nazaret, ist es auch aufgrund ihres ständigen Hörens und ihres Gehorsams gegenüber dem Willen Gottes während ihres ganzen Lebens, das ebenso vom Helldunkel des Glaubens gekennzeichnet war. „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ ( Lk 2,19). An der Seite ihres Sohnes entdeckte unsere Mutter Schritt für Schritt, was Gott von ihr wollte. Daher nennen wir sie auch die vollkommene Jüngerin des Herrn. Ihr empfehlen wir uns, damit sie der Stern sei, der immer unsere Schritte leite.

Nicolás Álvarez de las Asturias


i Römisches Messbuch, Hochgebet 1.

ii Papst Franziskus, Gebetswache mit den Jugendlichen, Krakau, 30.7.2016.

iii Freunde Gottes, Nr. 312.

iv Vergleiche zum Beispiel Num 11,14f: „Ich kann dieses ganze Volk nicht allein tragen, es ist mir zu schwer. Wenn du mich so behandelst, dann bring mich lieber gleich um, wenn ich überhaupt deine Gnade gefunden habe. Ich will mein Elend nicht mehr ansehen.“; Jer 20,18: „Warum denn kam ich hervor aus dem Mutterschoß, / um nur Mühsal und Kummer zu erleben und meine Tage in Schande zu beenden?“; 1 Kön 19,4: „Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter.“

v Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Gaudete et Exsultate (19.3.2018), Nr. 131.

vi Papst Franziskus, Predigt beim Weltjugendtag, Krakau, 31.7.2016.

vii Freunde Gottes, Nr. 38.

viii Christus begegnen, Nr. 45.

ix Fernando Ocáriz, «Luz para ver, fuerza para querer», ABC, 18.9.2018.

x Hl. Theresia Benedikta vom Kreuz (Edith Stein), Verborgenes Leben und Epiphanias .

xi Der Kreuzweg, 5. Station, Nr. 2.

xii Fernando Ocáriz, Die Berufung zum Opus Dei als Berufung in der Kirche, in: Das Opus Dei in der Kirche, Bonifatius, 1997, S. 121.

xiii Vgl. Ex 3,6; Mt 22,32.

xiv Hl. Josefmaria, Persönliche Aufzeichnungen IV, Nr. 296, 22.9.1931 (zitiert in Der Weg, Historisch-Kritische Ausgabe, Kommentar zu Nr. 813).

xv Hl. Johannes Paul II., Predigt am Beginn des Pontifikats, 22.10.1978.

xvi Benedikt XVI., Predigt zu Beginn seines Pontifikats, 24.5.2005.

xvii Ibidem.

xviii Ibidem.

xix Papst Franziskus, Predigt bei der Heiligsprechung. 14.10.2018. Vgl. auch Gaudete et Exsultate, Nr. 32.

xx Instruktion, 19.3.1934, Nr. 48.

xxi Vazquez de Prada, Andrés: Der Gründer des Opus Dei, Band 1, erschienen 2001, S. 94.

xxii Der Weg, Nr. 928.

xxiii Hl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Pastores dabo vobis (25.3.1992), Nr. 36.