Erneuerung in Christus

Gott ist Mensch geworden, um uns das ewige Leben zu schenken, aber auch, um uns schon auf Erden glücklich zu machen. Dieser Artikel bezieht sich auf die aus der Ankunft Christi für Christen in dieser Welt resultierenden Folgen.

Von der Verkündigung an die Jungfrau Maria bis zur Auferstehung des Herrn durchdringt die Evangelien die Bedeutung der Erneuerung. Das Neue Testament spricht auf tausenderlei Weise von einem Neuanfang für die Menschheit. Das Wort „Evangelium“ selbst bedeutet bekanntlich „Gute Nachricht“. Christus spricht vom Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit an ganz offen davon, dass sich die Zeit erfüllt hat und dass das Reich Gottes kommt: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium 1.

Das bedeutet aber nicht, dass der Herr alles verändern will. Er ist weder Revolutionär noch Schwärmer. So beginnt Er beispielsweise bei einem Gespräch über die Unauflöslichkeit der Ehe mit dem, was Gott am Anfang getan hat, als er den Menschen als Mann und Frau erschuf 2. Dementsprechend erklärte Er: Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen 3. Dazu kommt, dass Er seine Jünger ernstlich ermahnte, die von Moses dem Volk mitgeteilten Gebote Gottes gewissenhaft zu erfüllen.

Aber trotzdem hat die Predigt des Herrn zweifellos einen neuen, befreienden Zug. Die Lehre Jesu entwickelt einerseits die im Alten Testament vorgegebenen Elemente wie rechte Absicht, Vergebung, Notwendigkeit der Liebe zu allen Menschen ohne irgendwelche Vorbehalte, besonders zu den Armen und den Sündern. In Christus erfüllen sich die von Gott den Propheten gegebenen alten Verheißungen. Andererseits aber richtet sich der Aufruf des Herrn in radikaler und dringender Weise nicht an ein Volk, sondern an alle Menschen, von denen Er jeden einzeln ruft.

Die Neuheit an der Gegenwart und am Wirken Jesu Christi erkennt man auch auf andere, zunächst verwirrende Art und Weise: Viele Menschen weisen ihn ab, wie Johannes berichtet: die Seinen nahmen ihn nicht auf 4. Diese Zurückweisung seitens der Menschen macht, wenn das möglich ist, noch deutlicher, wie bedingungslos die Hingabe und die Liebe des Herrn zur Menschheit ist. Diese Abweisung führte Ihn direkt zum Tod am Kreuz, den Er aus freien Stücken als einziges und endgültiges Opfer auf sich nahm, als Quelle des Heils für alle Menschen.

Aber Gott blieb seiner Verheißung treu, die Mächte des Bösen konnten die göttliche Hingabe Jesu nicht aufheben, wie sich das in der Auferstehung zeigt. Die heilswirksame Kraft, die Gott durch die Menschwerdung seines Sohnes und vor allem durch seine Auferstehung in die Welt brachte, ist absolut neu, allgemein und für alle Zeit gültig. Das kann man schon aus den ersten apostolischen Predigten entnehmen, bei denen mit überschäumender Freude in ganz Judäa, im Römischen Weltreich und darüber hinaus verkündet wurde, dass Jesus auferstanden sei; dass sich die Welt und jeder Mensch, ob Mann oder Frau, ändern könne; dass wir nun nicht mehr dem Gesetz der Sünde und des ewigen Todes unterworfen seien. Der zur Rechten Gottes erhöhte Christus sagt: Seht, Ich mache alles neu 5. Gott hat in Christus die Lenkung der Welt und der von der Sünde gezeichneten Menschheitsgeschichte auf neue Weise in die Hand genommen, um sie zur vollen Entfaltung zu bringen. Trotz all der Schwierigkeiten, mit denen die ersten Christen zu kämpfen hatten, blickten sie voll Hoffnung und Optimismus in die Zukunft. Dadurch steckten sie alle Menschen ihrer Umgebung mit ihrem Glauben an.

Die Neuigkeit vom ewigen Leben nach dem Tod

In der heidnischen Welt war es gang und gebe, die Zukunft als simple Wiederholung von schon Gewesenem zu betrachten. Der Kosmos hätte seit eh und je bestanden und würde im Rahmen der zyklisch wiederkehrenden Veränderungen ewig bestehen. Nach dem Mythos der ewigen Wiederkehr würde alles, was gestern geschehen ist, in der Zukunft wieder passieren. In diesem religiös-anthropologischen Kontext könne sich der Mensch nur durch eine Loslösung von der Materie befreien, sich durch eine Art spiritueller Ekstase vom Fleisch lösen, oder aber – wie Paulus sagt – in dieser Welt ohne Furcht und ohne Hoffnung 6 leben. In den ersten christlichen Jahrhunderten lebten die Heiden nach einer mehr oder weniger rechten Ethik. Sie glaubten an einen oder mehrere Götter und wandten sich mit einem eifrigen Kult an diese, um Schutz oder Trost zu suchen. Die sichere Hoffnung auf eine glückliche Zukunft kannten sie nicht. Der Tod galt als sinnloser Abbruch des Lebens.

Andererseits ist der Wunsch nach ewigem Leben im Menschen tief verwurzelt, wie das Philosophen, Schriftsteller, Künstler, Poeten und in herausragender Weise Liebende zum Ausdruck bringen. Der Mensch sehnt sich nach Fortdauer und bringt diesen Wunsch auf vielfache Weise zum Ausdruck: in menschlichen Projekten, im Wunsch nach Kindern, im Verlangen nach Einfluss über andere, anerkannt zu werden und dass man seiner gedenkt. Aus all dem kann man die große Sehnsucht des Menschen nach Ewigkeit erahnen. Die einen denken an die Unsterblichkeit der Seele, andere an eine Unsterblichkeit durch Wiedergeburt und schließlich gibt es solche, die sich angesichts des sicheren Todes dafür entscheiden, mit allen Mitteln einen größtmöglichen materiellen Wohlstand oder soziale Anerkennung zu erlangen. Aber von solchen Gütern bekommt man nie genug, da sie nicht sättigen und nicht bloß durch den eigenen Willen zu haben sind. Der Christ ist diesbezüglich ein Realist, denn er weiß, dass alle eitlen Träume des Menschen mit dem Tod enden.

Gott greift mit seiner Schöpfermacht inmitten dieses Dilemmas von Tod und Unsterblichkeit durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi ins Leben ein. Der durch die Taufe und die übrigen Sakramente mit Ihm verbundene gläubige Christ aktualisiert die wichtigsten Schritte des Herrn auf dieser Erde, wie Paulus an die Römer schreibt: Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln. Wenn wir nämlich mit der Gestalt seines Todes verbunden wurden, dann werden wir es auch mit seiner Auferstehung sein 7.

Der Christ hat die Gewissheit, dass ihm Gott das Leben gegeben hat, indem er ihn als sein Bild8 erschaffen hat. Wenn ihn die Todesangst befällt, weiß er, dass Christus in ihm wirkt und seine Leiden und den Tod in miterlösende Kraft verwandelt. Er ist sich sicher, dass ihn Jesus selbst, dem er gedient hat und den er nachgeahmt und geliebt hat, im Himmel empfangen wird, wobei Er ihn nach dem Tod mit Herrlichkeit erfüllt. Die große, erfreuliche Wahrheit des Glaubens an Christus ermöglicht dem Menschen den letzten Feind zu überwinden 9, den Tod, und sich so der ewigen Anschauung Gottes zu öffnen und am Ende der Zeiten, wenn alles in Christus seine Erfüllung findet, der Auferstehung des Leibes.

Das Leben findet hier nicht sein Ende. Wir sind überzeugt, dass verborgenes Opfer und großzügige Hingabe sinnvoll sind und vom großmütigen Erbarmen Gottes in einer Weise belohnt werden, die weit über das hinausgeht, was der Mensch durch eigenes Bemühen zu erreichen erhoffen könnte. Wenn dich einmal der Gedanke an unseren Bruder Tod ängstigt – weil du siehst, wie erbärmlich du bist! -, dann fasse Mut und denk an den Himmel, der uns erwartet: Wie wird es sein, wenn die ganze Herrlichkeit und Pracht, wenn Gottes unendliche Seligkeit und Liebe sich in das elende, brüchige Gefäß, das jedes menschliche Geschöpf ist, ergießt, um es auf ewig zu sättigen mit immer neuem Glück? 10

Die letzten Dinge beginnen in gewisser Weise schon auf Erden

Obwohl sich das Neue am Christentum sicher vor allem auf das jenseitige Leben bezieht, lehrt die Kirche, dass die Neuigkeit von der Auferstehung Christi schon in irgendeiner Form hier auf Erden gegenwärtig ist. Auch wenn das Universum, so wie wir es heute kennen, noch lange bestehen sollte, befinden wir uns „in den letzten Tagen“ und sind wir uns sicher, dass die Welt bereits erlöst ist, denn Christus hat Sünde, Tod und Teufel besiegt.

Das Reich Gottes ist mitten unter euch 11. Dieses mitten bedeutet nicht bloß ein äußerliches Präsentsein, sondern eine reale, aktuelle und wirksame Gegenwart in der Seele jedes im Stand der Gnade befindlichen Gläubigen, auch wenn das noch unvollkommen und äußerlich nicht sichtbar ist. „Das Ende der Zeiten ist also bereits zu uns gekommen (vgl. 1 Kor 10,11), und die Erneuerung der Welt ist unwiderruflich schon begründet und wird in dieser Weltzeit in gewisser Weise wirklich vorausgenommen. Denn die Kirche ist schon auf Erden durch eine wahre, wenn auch unvollkommene Heiligkeit ausgezeichnet. (...), heißen wir wahrhaft Kinder Gottes und sind es (vgl. 1 Joh 3,1). Wir sind aber noch nicht mit Christus in der Herrlichkeit erschienen (vgl. Kol 3,4), in der wir Gott ähnlich sein werden, da wir ihn schauen werden, wie er ist (vgl. 1 Joh 3,2)“12.

Die Kirche ist auf Erden Träger dieser vorab gewährten Präsenz des Reiches Gottes. Sie pilgert auf dieser Erde, aber die ganze heiligende Kraft Gottes ist in der gegenwärtigen Welt schon durch das geoffenbarte Wort und die Sakramente – besonders durch die Eucharistie - irgendwie präsent. Diese Heilswirksamkeit zeigt sich auch im heiligmäßigen Leben der Christen, die in der Welt sind, ohne von der Welt zu sein 13. Der Christ ist vor und in der Welt ein alter Christus, ipse Christus , ein anderer Christus, Christus selbst: Im Leben der Kirche und eines jeden Gläubigen begründet sich so eine gewisse Polarität zwischen dem Schon und dem Noch nicht , zwischen dem gegenwärtigen Zeitpunkt – der Chance zur Annahme der Gnade – und der endgültigen Fülle. Diese Spannung wirkt sich im Leben des Christen und für das Verständnis der Welt auf vielfache Weise aus.

Diese Tatsache bestätigt den Unterschied zwischen natürlicher und übernatürlicher Ordnung. Das auf Glauben und Gnade Gottes gegründete übernatürliche Leben dringt in die Seele des Menschen ein, auch wenn es nicht alle Aspekte seiner Existenz ganz durchdringt. Der Christ lebt in und für Gott und bemüht sich, die göttlichen Güter den anderen zu vermitteln. Im künftigen Leben werden sich Gnade und übernatürliches Leben in Herrlichkeit wandeln und der Mensch wird bei der Auferstehung der Toten die volle Unsterblichkeit erlangen. Im gegenwärtigen Leben hingegen unterliegt die Existenz des Menschen trotz der Vervollkommnung durch die Gnade eigenen Gesetzen, die für bestimmte persönliche, familiäre, soziale und politische Bereiche gelten. Das übernatürliche Leben nimmt das natürliche auf, vervollkommnet es und führt es zur Fülle, ohne es aufzuheben oder zu ersetzen.

Eine weitere Folge der Spannung zwischen dem Schon und dem Noch nicht zeigt sich in der christlichen Auffassung von Zeit und Geschichte. Für das fast immer fatalistische heidnische Denken waren die geschichtlichen Ereignisse durch das fatum, das Schicksal vorgesehen und vorherbestimmt. Man war Randfigur und stummer, passiver Betrachter des Laufs der Geschichte, des unbeeinflussbaren Ablaufs der Zeit. Für den Christen aber ist die Zeit nicht nur etwas Vorüberziehendes, sondern der von Gott für Wachstum und Fortschritt, für Geschichte und Erlösung geschaffene Zeitraum. Gott wirkt in der Zeit durch seine Vorsehung, um die Welt und die Geschichte zu ihrer Fülle zu führen.

Der Herr wollte mit der bedachten und freien Antwort der Menschen rechnen, mit den Gebeten der Heiligen und den guten Handlungen von vielen, um den Lauf der Ereignisse zu beeinflussen. Die nach seinem Bild geschaffenen Menschen können den Lauf der Geschichte verändern: in einigen Fällen hin zum Schlechten, wie das durch die Sünde von Adam und Eva geschehen ist, aber vor allem auf positive Weise durch aktives Mitwirken an der Verwirklichung der göttlichen Vorsehung, und zwar genau deshalb, weil das wichtigste und wirksamste Ereignis der Fleischwerdung des Sohnes Gottes in der Weltgeschichte die entscheidendste Richtungsänderung bewirkt hat. Die tiefste und nachhaltigste menschliche Mitwirkung an den göttlichen Plänen zur Veränderung des Laufs der Geschichte geschah durch die heiligste Jungfrau, als sie mit ihrem entschiedenen fiat! den Sohn Gottes in ihrem Schoß empfing.

Die Christen leben im Bewusstsein ihrer Sünden und Fehler in der Welt, sind aber überzeugt, dass die beste Ausnützung der Zeit darin besteht, Gott zu dienen, um die uns anvertraute Welt zu verbessern. Die Zeit wird durch den Menschen gewissermaßen gestaltet und humanisiert. Die im Leben der Kirche und eines jeden Christen immer vorhandene göttliche Vorsehung zeigt sich in der eschatologischen Spannung. „Die Schöpfung hat ihre eigene Güte und Vollkommenheit. Sie ging jedoch aus den Händen des Schöpfers nicht ganz fertig hervor. Sie ist so geschaffen, dass sie noch ‚auf dem Weg’ zu einer erst zu erreichenden letzten Vollkommenheit ist, die Gott ihr zugedacht hat. Wir nennen die Fügungen, durch die Gott seine Schöpfung dieser Vollendung entgegenführt, die ‚Göttliche Vorsehung’“ 14. Der Herr hat von Anfang an nicht alles bis ins letzte Detail gemacht. Er führt alle Geschöpfe und jeden Einzelnen nach und nach zu ihrem Ziel und rechnet dabei mit ihrer intelligenten und ausdauernden Mitarbeit . Die heilbringende Kraft Gottes zeigt sich – wie wir gesehen haben - im Leben des Menschen normalerweise auf verborgene und innerliche Weise. Auf ähnliche Art wirkt die göttliche Vorsehung sanft und üblicherweise nicht nur in großen Vorkommnissen, sondern auch in den scheinbar ganz unbedeutenden. Deshalb ruft der Herr zu vollem Vertrauen auf: Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn nach all dem streben die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben 15.

Der heilige Josefmaria sagt uns: Gott, der die Schönheit ist, die Größe und die Weisheit, sagt uns, dass wir sein sind, dass Er uns auserwählt hat, um uns seine unendliche Liebe entgegenzubringen. Ein aufrechtes Glaubensleben ist erforderlich, um dieses herrliche Geschenk nicht zu vergeuden, das die Vorsehung uns anvertraut hat. Ein Glaube wie der jener Könige, die davon überzeugt waren, dass weder die Wüste noch Unwetter, noch die Ruhe der Oasen uns daran hindern können, das ewige Bethlehem zu erreichen, das endgültige Leben mit Gott 16.

Der Herr hat die, welche die Mutter seines Sohnes sein sollte, vom Beginn ihres irdischen Daseins an mit einer außerordentlichen Fülle von menschlichen und übernatürlichen Gaben ausgestattet. Sie wurde ohne Erbsünde empfangen, sie war die Begnadete17. Sie hat ihr ganzes Leben hindurch, inmitten zahlloser Prüfungen und Dunkelheiten, den Glauben heroisch gelebt und durch ihr Beispiel die ersten Jünger gestärkt. Am Ende ihres Lebens, frei von jedweder Sünde, wurde sie mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen und hat für immer als Königin der Engel und der ganzen Schöpfung Anteil an der Herrlichkeit des Herrn. An ihr hat sich die göttliche Zusage, die Menschen zur Herrlichkeit zu führen, ganz und gar erfüllt. Darum ist die Jungfrau für jeden Menschen spes nostra , Leuchtturm und Ursache unserer Hoffnung.

Autor: P. O’Callaghan


1 Mk 1,15.

2 Vgl. Mt 19,3-9; Gen 2,24.

3 Mt 5,17.

4Joh 1,11.

5Offb 21,5.

6 Vgl. 1 Thess 4,13; Eph 2,12.

7 Röm 6,4-5.

8 Vgl. Gen 1,27.

9 Vgl. 1 Kor 15,26.

10 Die Spur des Sämanns, Nr. 891.

11 Lk 17,21.

12 II Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium , Nr. 48.

13 Vgl. Joh 17,14.

14 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 302.

15 Mt 6,31-33.

16 Christus begegnen, Nr. 32.

17 Lk 1,28.