Betrachtungstext: 34. Freitag im Jahreskreis

Die Worte Jesu verändern uns. - Die Heilige Schrift: Nähe Gottes, die uns den anderen näher bringt. - Das Evangelium ist immer neu.

AN DIESEM Freitag, dem letzten Freitag im Jahreskreis, hören wir Jesus im Evangelium sagen: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen (Lk 21,33). Auch wenn er in jenem Moment konkret von der Prophezeiung über den Untergang Jerusalems sprach, wirkt das Wort Gottes jedes Mal, egal, ob wir es im Gebet, in der Liturgie, in der Lesung der Heiligen Schrift hören ... Wenn wir keinen Widerstand leisten, verwandeln uns die Worte nach und nach von innen heraus, sie verklingen nicht, ohne etwas zu verändern. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht (Gen 1,3), heißt es in den ersten Versikeln der Genesis.

Der heilige Josefmaria, der das Leben Christi aufmerksam betrachtete, bekräftigte, dass Christus für alle ein Wort übrig hat, für alle öffnet Er seine liebenswerten Lippen; und Er belehrt sie, Er unterweist sie, Er bringt ihnen eine Botschaft der Freude und der Hoffnung – aufgrund dieser wunderbaren und einzigartigen Tatsache, dass da ein Gott zusammenlebt mit den Menschen.

Einmal spricht Er zu ihnen vom Boot aus, während sie am Ufer sitzen; ein andermal auf dem Berg, damit Ihn die Menge gut hören kann; andere Male wieder mitten im Trubel eines Gastmahls, in der Stille eines Hauses, auf dem Weg durch die Saatfelder oder unter den Ölbäumen. Er wendet sich an jeden Einzelnen, wie dieser Ihn eben verstehen kann. Und Er bringt Beispiele von Netzen und Fischen für die Leute vom See; von der Saat und Weingärten für die Landarbeiter; zur Hausfrau redet Er von der verlorenen Drachme; zur Samariterin, indem Er vom Wasser ausgeht, das die Frau aus dem Jakobsbrunnen schöpfen will1.

Die Worte des Herrn werden nicht vergehen, denn sie finden immer einen konkreten Weg, um in die Tiefe eines jeden von uns vorzudringen. Was Gott Sohn gesprochen, nehm ich glaubend an; er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann, wiederholen wir im Hymnus ‘Adoro te devote’, denn Christus selbst ist die Wahrheit.


GOTT WOLLTE uns auf viele Arten nahe sein, und eine davon ist die Heilige Schrift. Das Wort Gottes erlaubt uns, diese Nähe mit Händen zu greifen, weil es – wie das Buch Deuteronomium sagt – nicht fern von uns ist, sondern unserem Herzen nahe ist (vgl. Dtn 30,14). Es ist das Heilmittel gegen die Angst, im Leben allein zu bleiben. (…) Das Wort Gottes schenkt diesen Frieden, aber es lässt nicht in Frieden. Es ist ein Wort des Trostes, aber auch der Umkehr. »Kehrt um« (Mk 1,15), sagt Jesus unmittelbar nach der Verkündigung der Nähe Gottes. Denn durch seine Nähe ist die Zeit zu Ende, zu Gott und zu den Mitmenschen auf Abstand zu gehen, die Zeit, in der jeder nur an sich selbst denkt und für sich allein weitermacht. Das ist nicht christlich, denn wer die Nähe Gottes erfahren hat, kann nicht den Nächsten auf Abstand halten, ihn in Gleichgültigkeit abschieben. Deshalb erlebt, wer das Wort Gottes häufig liest, heilsame existentielle Kehrtwendungen: Er entdeckt, dass es im Leben nicht darum geht, sich vor den anderen in Acht zu nehmen und sich selbst zu schützen, sondern dass das Leben die Gelegenheit ist, im Namen des nahen Gottes auf die anderen zuzugehen2.

Die Lektüre der Heiligen Schrift ist zugleich Nähe zu Gott und Nähe zu den anderen; es ist eine Lektüre, die uns verwandelt und uns den Menschen um uns herum näher bringt. Wenn du das Evangelium aufschlägst, mach dir klar, dass du die Berichte über die Taten und Worte Christi nicht nur kennen, sondern auch wirklich selbst »erleben« sollst. Jede Szene enthält sehr viele Einzelheiten, die du auf die konkreten Umstände deines Lebens übertragen kannst. Der Herr hat uns Katholiken dazu berufen, Ihm aus der Nähe zu folgen. Im heiligen Text des Evangeliums findest du das Leben Jesu – aber auch dein eigenes Leben sollst du dort finden. Lerne auch du, gleich den Aposteln, die Frage der Liebe an Ihn zu richten: »Herr, was willst Du, dass ich tun soll?... « ‒ Du vernimmst dann in deinem Innern die unzweideutige Antwort: den Willen Gottes! Greife also jeden Tag zum Evangelium, lies es, nimm es zum konkreten Kompass deines Daseins ‒ so haben es die Heiligen getan3.


MIT DEN WORTEN des heiligen Irenäus: »[Christus] hat jede Neuheit gebracht, indem er sich selber brachte.« Er kann mit seiner Neuheit immer unser Leben und unsere Gemeinschaft erneuern, und selbst dann, wenn die christliche Botschaft dunkle Zeiten und kirchliche Schwachheiten durchläuft, altert sie nie. Jesus Christus kann auch die langweiligen Schablonen durchbrechen, in denen wir uns anmaßen, ihn gefangen zu halten, und überrascht uns mit seiner beständigen göttlichen Kreativität. Jedes Mal, wenn wir versuchen, zur Quelle zurückzukehren und die ursprüngliche Frische des Evangeliums wiederzugewinnen, tauchen neue Wege, kreative Methoden, andere Ausdrucksformen, aussagekräftigere Zeichen und Worte reich an neuer Bedeutung für die Welt von heute auf. In der Tat, jedes echte missionarische Handeln ist immer „neu“4.

In der Heiligen Schrift spricht der Heilige Geist, derselbe Tröster, den Jesus versprochen hat, uns bis zum Ende der Zeit zu senden (vgl. Joh 15,26). Deshalb werden uns dort die gleichen Wahrheiten offenbart, die Gott in uns weckt. Das Wort Gottes stellt sich nämlich nicht gegen den Menschen, es unterdrückt nicht seine echten Wünsche, sondern erleuchtet sie sogar, indem es sie reinigt und zur Vollendung führt. Wie wichtig ist es doch für unsere Zeit zu entdecken, daß nur Gott auf das Verlangen antwortet, das im Herzen eines jeden Menschen wohnt!5.

Die Lesung des Evangeliums führt uns auf neue Wege und lässt uns gemeinsam mit Jesus erkennen, wer wir wirklich sind: Kinder desselben Vaters. Maria begleitet uns auf dieser Reise. Obwohl wir uns, wie der heilige Johannes Paul II. sagt, viel zahlreichere Hinweise gewünscht hätten, um die Mutter Jesu besser kennen zu lernen6, gibt es einige Berichte über die Kindheit Jesu und Passagen, die uns zeigen, welchen Platz Maria in der christlichen Gemeinschaft einnahm. Lassen wir uns beim Lesen der Heiligen Schrift von ihr begleiten.


1 Hl. Josefmaria, Brief 4, Nr. 2.

2 Papst Franziskus, Homilie, 24.1.2021.

3 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 754.

4 Papst Franziskus, Evangelii gaudium, Nr. 11.

5 Benedikt XVI., Verbum Domini, Nr. 23.

6 Hl. Johannes Paul II., Generalaudienz, 8.11.1995.