Betrachtungstext: 26. Woche im Jahreskreis (2) - Mittwoch

Nicht Bequemlichkeit, sondern ein Leben in Liebe. - Jesus ruft jeden. - Die Überraschungen Gottes.

JESUS GEHT NACH Jerusalem, wo der Kalvarienberg auf ihn wartet. Um ihn herum stehen etwas verängstigt seine Jünger. Auf dem Weg dorthin wollen ihm mehrere Leute folgen. "Ein Mann sagte zu Jesus: Ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst" (Lk 9,57), sagt der erste. Jesus, der weiß, was für jeden Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt das Beste ist, beruhigt den Antrieb dieses Menschen: "Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann" (Lk 9,58).

Jesus lebte auf diese Weise, leicht beladen, mit nicht mehr als dem, was für seine Arbeit unbedingt notwendig war, dem Willen seines Vaters und Gottes ergeben. Und jeder, der sein Jünger sein wollte, wurde zu diesem Lebensstil eingeladen. Ihm zu folgen war begeisternd, es erfüllte die Seele mit Freude, aber es war nicht bequem. Der heilige Josefmaria hat die menschliche Weisheit vieler Jahrhunderte aufgegriffen und wiederholt, dass "um das Glück zu finden, es nicht eines bequemen Lebens bedarf, sondern eines verliebten Herzens!”1 Die tiefste Sehnsucht des Menschen ist es, zu lieben und geliebt zu werden. Deshalb erfüllen die materiellen Güter das Herz nicht.

Ein maßvolles Leben zu führen, die geschaffenen Güter frei zu genießen, ohne von ihnen abhängig zu sein, hilft uns, alle diese Realitäten in den Dienst dessen zu stellen, den wir lieben. Es ist keine einfache Willensübung, etwas abzulehnen, das uns anzieht, sondern es geht darum, die Liebe, die unser Leben bewegt, zu erneuern, uns durch nichts von ihr abbringen zu lassen und alles, was uns zur Verfügung steht, in den Dienst unserer christlichen Sendung zu stellen. Auf diese Weise wird uns jede freiwillig unternommene Anstrengung daran erinnern, dass es kein größeres Glück gibt als das, das wir in Gott finden.

SPÄTER IST ES Jesus, der die Initiative ergreift und zu einem Menschen, dem er begegnet, sagt: "Folge mir nach!" (Lk 9,59). Viel mehr Informationen über diesen Mann haben wir nicht. Wir wissen auch nicht, warum der Herr auf ihn aufmerksam wurde. Aber wir wissen mit Sicherheit, dass Gott "will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen" (1 Tim 2,4). Es gibt keinen Menschen, der sich der Zuneigung Gottes entzieht: Wir alle sind dazu berufen, ihn eines Tages von Angesicht zu Angesicht im Himmel zu sehen, dafür wurden wir geschaffen. Das Zweite Vatikanische Konzil erinnert daran: "Alle Christgläubigen sind in allen Verhältnissen und in jedem Stand je auf ihrem Wege vom Herrn berufen zu der Vollkommenheit in Heiligkeit, in der der Vater selbst vollkommen ist".2

Heiligkeit ist nicht nur denjenigen vorbehalten, die über besondere Eigenschaften verfügen. "Wir sind alle berufen, heilig zu sein, indem wir in der Liebe leben und im täglichen Tun unser persönliches Zeugnis ablegen, jeder an dem Platz, an dem er sich befindet".3 Der heilige Josefmaria sagte, dass gerade in den "kleinen Aufgaben" die "große"4Heiligkeit zu finden ist, d.h. in der Ausführung dieser Tätigkeiten zusammen mit Jesus, indem man ihm immer ähnlicher wird. "Wie oft habe ich das Beispiel von König Midas gebraucht, der alles, was er berührte, in Gold verwandelte! Auch wir können das, trotz unserer persönlichen Unzulänglichkeiten: wir können alles, was wir berühren, in das Gold übernatürlicher Verdienste verwandeln".5 Es ist wahr, dass wir auf diesem Weg auf die Erfahrung unserer Schwäche stoßen können; aber dann werden wir immer wieder lernen, dass die Heiligkeit Demut und Hoffnung erfordert: denn es ist Jesus, der in uns wohnt und uns wie an der Hand führt.

JESUS ÜBERTRIFFT immer unsere Erwartungen. Als die Apostel beschlossen, ihm nachzufolgen, waren sie sich wahrscheinlich nicht im Klaren darüber, was auf sie zukommen würde. Vielleicht hofften sie, seine Lehren in sich aufzunehmen, um sie später an andere weitergeben zu können; aber es ist unwahrscheinlich, dass sie sich vorstellten, Wunder zu vollbringen oder die Freude des Christentums in alle Ecken der Welt zu tragen. "Gott hält immer das Beste für uns bereit. Aber er verlangt, dass wir uns von seiner Liebe überraschen lassen, dass wir seine Überraschungen annehmen".6

Im Gegensatz zur Freude der Apostel finden wir im Evangelium auch Menschen, die, nachdem sie Jesus begegnet sind, enttäuscht weggehen. So erging es zum Beispiel denen, die nicht akzeptierten, dass sie das Fleisch essen und das Blut des Gottessohnes trinken mussten, um gerettet zu werden: "Daraufhin zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm umher" (Joh 6,66), sagt der heilige Johannes. Etwas Ähnliches geschah auch mit denen, die glaubten, dass der Messias sie von der römischen Herrschaft befreien würde. Was diese Menschen gemeinsam zu haben scheinen, ist, dass sie die Macht Christi auf ihre eigenen Pläne reduzieren wollten. Und das ist eine allgegenwärtige Gefahr: Wenn wir, anstatt uns von den Horizonten, die Gott uns vor Augen stellt, überraschen zu lassen, lieber an unseren Erwartungen festhalten oder an dem, was wir bereits gut zu kennen glauben. Dann laufen wir Gefahr, uns den − kleineren oder größeren − Überraschungen, die Gott für uns bereithält, zu verschließen.

Die Jungfrau Maria ahnte sicher nicht, was nach der Ankündigung des Engels alles auf sie zukommen würde. Dennoch verstand sie es, sich im Glauben den Plänen Gottes für sie zu öffnen. Wir können sie bitten, dass wir uns immer wieder von der Liebe ihres Sohnes überraschen lassen.


1 Hl. Josefmaria, Spur, Nr. 795.

2 II. Vatikanisches Konzil, Lumen gentium, Nr. 11.

3 Papst Franziskus, Gaudete et exsultate, Nr. 14.

4 Vgl. hl. Josefmaria, Weg, Nr. 817.

5 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 308.

6 Papst Franziskus, Homilie, 24-VII-2013.

Foto: MI PHAM (unsplash)