Betrachtungstext: 24. Woche im Jahreskreis (2) - Samstag

Jesus lehrt in Gleichnissen. - Das Wort Gottes empfangen. - Die Rolle der äußeren Umstände.

DER HERR zieht mit seinen Jüngern durch die Gegend von Galiläa und verkündet denen, die ihn hören wollen, das Reich Gottes. Jesus verwendet in seinen Predigten Gleichnisse: kurze Erzählungen, die auf einfache Weise eine tiefe Wahrheit des geistlichen Lebens offenbaren. Er nimmt alltägliche Beispiele aus der Arbeitswelt, wie die Aussaat, den Fischfang oder die Hausarbeit. Zu anderen Zeiten nimmt er sie aus dem gesellschaftlichen und familiären Leben, wie zum Beispiel von einer Hochzeitsfeier, der Beziehung eines Vaters zu seinen Kindern oder dem Lohnunternehmer, der Tagelöhner sucht. Er erzählt sogar von Ereignissen, die für viele Zuhörer ungewöhnlich sein mögen, wie z. B. ein Schatzfund oder ein Raubüberfall auf der Straße. All diese Bilder sind leicht zu verstehen, sie sind viel mehr als eine theoretische Lehre. "Ein anziehendes Bild lässt die Botschaft als etwas empfinden, das vertraut, nahe, möglich ist und mit dem eigenen Leben in Verbindung gebracht wird. Ein gelungenes Bild kann dazu führen, dass die Botschaft, die man vermitteln will, ausgekostet wird; es weckt einen Wunsch und motiviert den Willen im Sinne des Evangeliums".1

Jesus verwendet diese Gleichnisse gerne, weil er die menschliche Art zu sein kennt. Er kennt die Macht eines Beispiels aus dem Alltag der Menschen. Diese Haltung ist Ausdruck von Einfachheit, Nähe und dem Wunsch, sich in den anderen hineinzuversetzen. Was Christus vermittelt, sind keine Ideen, die der Welt, in der wir leben, fremd sind, sondern sie sind eng mit der Alltagsrealität verbunden. Deshalb schrieb der heilige Josefmaria: "Bitte den Herrn, Er möge uns, seinen Kindern, die "Sprachengabe" gewähren, das heißt die Gabe, uns bei allen verständlich zu machen. Aus den Berichten des Evangeliums kannst du entnehmen, weshalb ich diese "Sprachengabe" für alle wünsche. Dort begegnen uns zahlreiche Gleichnisse und Beispiele, die die Lehre greifbar und die spirituellen Inhalte anschaulich machen, ohne das Wort Gottes herabzuwürdigen oder zu verzerren. Allen ‒ Gelehrten wie Ungelehrten ‒ fällt das Bedenken und Erfassen der göttlichen Botschaft leichter, wenn sie durch verständliche Bilder zu uns gelangt".2 Bei all dem geht es nicht nur darum, eine gute Verpackung für das zu finden, was wir sagen wollen, sondern darum, die Menschen so zu lieben, wie Christus es getan hat.

IN DER GLEICHNISGESCHICHTE vom Sämann erzählt Jesus, wie die Samen, die nicht auf günstigen Boden fielen, von den Vögeln gefressen wurden oder, wenn sie aufsprossen, schnell verdorrten, weil es ihnen an Feuchtigkeit mangelte oder sie von den Dornen erstickt wurden. Diejenigen hingegen, die auf gutem Boden gelandet sind, haben Frucht getragen, und zwar hundertfach (vgl. Lk 8,5-8). Der Herr zeigt, dass der Sämann über das ganze Feld streut, ohne darauf zu achten, wie die Saat aufgenommen wird: Er streut sie in weitem Bogen aus, in der Hoffnung, dass sie aufgeht. Der Same ist im tiefsten Sinne Christus selbst, den Gott uns gegeben hat: "Die es im Glauben hören und der kleinen Herde Christi (Lk 12,32) beigezählt werden, haben das Reich selbst angenommen; aus eigener Kraft sproßt dann der Same und wächst bis zur Zeit der Ernte (vgl. Mk 4,26-29)".3

"Dieses Gleichnis vom Sämann ist ein wenig die »Mutter« aller Gleichnisse, denn es spricht vom Hören des Wortes. Es erinnert uns daran, dass es ein fruchtbares und wirksames Samenkorn ist; und Gott streut es überall großzügig aus, ungeachtet der Verschwendung. So ist das Herz Gottes! Jeder von uns ist ein Boden, auf den der Same des Wortes fällt, niemand wird ausgeschlossen!”4 Wir empfangen Gott selbst. Der Weg, sich von diesem Samen erreichen zu lassen, ist also nicht in erster Linie die moralische Anpassung an eine Lebensweise oder die intellektuelle Annahme einer Lehre, sondern eine Antwort der Liebe auf Gott, der uns liebevoll entgegengekommen ist.

Es liegt zum Teil an uns, ob diese Saat aufgeht und hundertfache Frucht trägt. Der Herr bietet allen das Glück an, aber er verlangt es nicht; es ist die freie Entscheidung eines jeden, es anzunehmen. Gott hat uns frei gemacht, und dieses Gleichnis ist ein Ausdruck dieser Wirklichkeit. "Der leidenschaftliche Kampf um Freiheit, die Sehnsucht nach ihr beim Einzelnen und in den Völkern sind positive Merkmale unserer Zeit. Der Respekt vor der Freiheit jeder Frau und jedes Mannes bedeutet, sie ernstzunehmen als Personen, die verantwortlich sind für ihre eigenen Handlungen und die über ihr Leben selbst bestimmen können. Auch wenn die Freiheit nicht immer dazu führt, das Beste aus sich herauszuholen, kann man ihren Wert doch nie hoch genug einschätzen; denn ohne Freiheit kann man nicht lieben".5

TROTZ DER EINFACHHEIT der Sprache bitten die Jünger Jesus um eine Erklärung des Gleichnisses. Der Meister nennt dann die Gründe, warum der Same in der Erde nicht aufgeht, die Gründe, warum das Wort Gottes im Leben der Menschen keine Wurzeln schlagen kann: das Wirken des Teufels, das Fehlen von Wurzeln im Moment der Prüfung, Reichtum und weltliche Interessen... Gleichzeitig weist er darauf hin, dass “auf guten Boden der Samen bei denen gefallen ist, die das Wort mit gutem und aufrichtigem Herzen hören, daran festhalten und Frucht bringen in Geduld" (Lk 8,15).

Manchmal geben wir den äußeren Umständen die Schuld, wenn etwas nicht so läuft wie geplant: Ein unvorhergesehenes Ereignis kann ein Arbeitsprojekt, eine Familienaktivität oder eine Veranstaltung mit Freunden erschweren. Der heilige Josefmaria lädt uns jedoch ein, auch diese Besonderheiten, auch die Schwierigkeiten, die das Samenkorn durchlaufen kann, auf heilige Weise zu leben; das heißt, er ermutigt uns, nicht in das zu verfallen, was er Blechmystik6 nennt: "Wenn ich doch ledig geblieben wäre, wenn ich doch einen anderen Beruf gewählt hätte, wenn ich doch eine bessere Gesundheit besäße, wenn ich noch jung wäre, wenn ich doch schon alt wäre...!".7 Gott kommt uns in der Gegenwart, hier und jetzt, entgegen, auch dort, wo wir es nicht erwarten.

Das Gleichnis weist darauf hin, dass die Umstände nicht das letzte Wort haben: Es sind die freien Entscheidungen der Menschen, die für die Annahme des göttlichen Geschenks ausschlaggebend sind. Durch das Wirken der Gnade und unser persönliches Bemühen sind wir in der Lage, nach und nach all das zu beschneiden, was den Samen erstickt. Die Gottesmutter, der fruchtbare Acker, in dem Gott selbst Fleisch geworden ist, wird uns helfen, den Boden zu bereiten, damit Jesus auch in unseren Herzen sprießen kann.


1 Papst Franziskus, Evangelii Gaudium, Nr. 157.

2 Hl. Josefmaria, Feuer, Nr. 895.

3 II. Vatikanisches Konzil, Lumen Gentium, Nr. 5.

4 Papst Franziskus, Angelus, 12-VII-2020.

5 Msgr. Fernando Ocáriz, Pastoralbrief, 9-I-2018, Nr. 1.

6 Original Spanisch: Mística ojalatera. Der Ausdruck enthält ein unübersetzbares Wortspiel. Hojalata heißt “Blech”, und ojalá ist ein Seufzer, der mit “o wenn doch ..” oder “hätte ich doch …” übersetzt werden könnte. Dieser Seufzer Mystik ist also zugleich eine Blechmystik.

7 Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 116.

Foto: Fredrik Öhlander (unsplash)