Etwas Großes, das Liebe ist (V): Die Berufung entdecken

Es gibt so viele Geschichten, wie es Menschen gibt. Und es gibt einige Indizien, anhand deren man sich von der eigenen Berufung überzeugen kann.

Opus Dei - Etwas Großes, das Liebe ist (V): Die Berufung entdecken

In Judäa ist die Sonne untergegangen. Ein unruhiger Nikodemus sucht Jesus auf. Er will Antworten auf Fragen finden, die in seinem Inneren rumoren. Das Kerzenlicht lässt die Konturen ihrer Gesichter hervortreten. Das Gespräch wird flüsternd geführt und ist voll von Geheimnissen. Die Antworten des Nazareners verwirren den Pharisäer. Jesus erklärt ihm: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist“ ( Joh 3,8). Die Berufung, jede Berufung, ist ein Geheimnis, eine Entdeckung, eine Gabe des Geistes.

Im Buch der Sprichwörter heißt es: „Drei Dinge sind mir unbegreiflich, vier vermag ich nicht zu fassen: den Weg des Adlers am Himmel, den Weg der Schlange über den Felsen, den Weg des Schiffes auf hoher See, den Weg des Mannes bei der jungen Frau“ ( Spr 30,18-19). Wer könnte, mit mehr Grund noch, ohne Gottes Hilfe der Fährte der Gnade in einer Seele folgen, wer ihren Plan durchschauen und den Sinn und die Bestimmung eines Lebens begreifen? Wer wäre ohne Führung durch die Gaben des Heiligen Geistes fähig zu wissen, „von wo“ der göttliche Wind – Sehnsucht, Unsicherheit, Vorahnungen und Erwartungen – „kommt und wohin er geht“? Das überfordert uns komplett. Um von unserer Berufung auch nur einen Schimmer begreifen zu können, ist daher vor allem Demut nötig: damit wir uns vor dem Unaussprechlichen auf die Knie werfen und unser Herz dem Wirken des Heiligen Geistes öffnen, der für Überraschungen immer gut ist.

Wie viele Wege gibt es zu Gott? „So viele, wie es Menschen gibt.“ (Kardinal Ratzinger)

Um die eigene Berufung zu erkennen oder einem anderen bei ihrer Erkenntnis zu helfen, lassen sich somit keine „vorgefertigten Formeln oder festen Methoden und Regeln“ i anbieten. Es wäre der Versuch, „das immer originelle Wirken des Heiligen Geistes“, der weht, wo er will, „in Bahnen zu zwängen“ ii. Als Kardinal Ratzinger einmal gefragt wurde, wie viele Wege es zu Gott gebe, antwortete er mit verblüffender Einfachheit: „So viele, wie es Menschen gibt.“ iii Es gibt so viele Geschichten, wie es Personen gibt. Im Folgenden werden wir einige der häufigsten Indizien nennen, anhand deren man zur Überzeugung von der eigenen Berufung gelangen kann.

Ein unruhiges Herz

Nikodemus stellt in seinem Herzen eine Unruhe fest. Jesus predigen zu hören, hatte ihn bewegt, einige seiner Lehren haben ihn jedoch verstört. Er war staunend bei seinen Wundern dabei gewesen, die Autorität, mit der Jesus die Händler aus dem Tempel vertrieb, den er als „das Haus meines Vaters“ (vgl. Joh 2,16) bezeichnete, ging ihm aber gegen den Strich. Wer konnte es wagen, so zu reden? Andererseits kann Nikodemus in seinem Inneren die geheime Hoffnung kaum zurückhalten: Könnte dieser der Messias sein? Er ist voll von Unsicherheiten und Zweifel. Und er bringt es nicht fertig, den Schritt zu tun, Jesus offen nachzufolgen, obwohl er Antworten sucht. Daher kommt er nachts zu ihm: „Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist“ ( Joh 3,2). Nikodemus ist unruhig.

Ganz ähnlich ergeht es anderen im Evangelium beschriebenen Persönlichkeiten, wie jenem jungen Mann, der sich eines Tages Jesus eilends nähert und ihn fragt: „Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ ( Mt 19,16). Er ist unzufrieden. Sein Herz ist unruhig. Er meint, er sei fähig zu mehr. Und Jesus wird ihn darin bestärken, dass seine Suche begründet ist: „Eines fehlt dir noch …“ ( Mk 10,21). Denken wir auch an die Apostel Andreas und Johannes. Als Jesus sah, dass sie ihm folgten, fragt er sie: „Was sucht ihr?“ (Joh 1,38). Die einen wie die anderen waren „Suchende“: Sie waren in Erwartung eines wunderbaren Ereignisses, das ihr Leben verändern und mit einem Abenteuer erfüllen würde. Sie hatten offene und hungrige Seelen, voller Träume, Sehnsüchte und Wünsche. Sie waren unruhig.

Einmal fragte ein junger Mann den hl. Josefmaria, wie man die Berufung zum Opus Dei fühlen könne. Seine Antwort war: „Das ist keine Gefühlsfrage, mein Sohn, obwohl man schon merkt, wenn der Herr ruft. Man ist unruhig, man spürt ein Unbehagen ... Man ist mit sich selbst nicht zufrieden.“ iv Im Prozess der Suche nach der eigenen Berufung stellt die Unruhe des Herzens oft den Auftakt dar.

Eine liebevolle Gegenwart

Doch worin besteht diese Unruhe? Woher kommt sie? Bei der Beschreibung der Szene des jungen Mannes, der sich dem Herrn nähert, schreibt der hl. Markus, dass Jesus ihn ansah, „weil er ihn liebte“ ( Mk 10,21). So macht er es auch mit uns: Irgendwie merken wir in unserer Seele die Gegenwart einer auserwählenden Liebe, die uns für eine einzigartige Sendung erkoren hat. Gott wird in unserem Herzen gegenwärtig und sucht die Begegnung, die Vereinigung. Doch ist diese erst noch zu erlangen, daher die Unruhe.

Der Ruf zieht uns an und ruft zugleich Ablehnung hervor; er drängt uns, uns der Liebe gänzlich anzuvertrauen, zugleich erschreckt uns das Risiko unserer Freiheit

Die liebevolle Gegenwart Gottes in der Seele kann sich auf verschiedene Weisen äußern: Sehnsucht nach einem innigeren Umgang mit dem Herrn; Freude daran, mit dem eigenen Leben den Durst der Seelen nach Gott zu stillen; der Wunsch, dass die Kirche, die Familie Gottes in der Welt, wachse; Sehnsucht nach einem Leben, in dem die erhaltenen Talente wahrhaft Frucht bringen; der Traum, so viel Leid, das überall vorhanden ist, zu lindern; das Bewusstsein, auserwählt zu sein: „Warum ich und andere nicht?“ Der Ruf Gottes kann sich auch in scheinbar zufälligen Ereignissen, die innerlich bewegen und eine Spur hinterlassen, manifestieren. Auf sein Leben zurückschauend, erklärte der hl. Josefmaria: „Meiner ungeachtet, bereitete mich der Herr durch scheinbar unbedeutende Ereignisse vor, deren er sich bediente, um in meiner Seele diese göttliche Unruhe zu wecken. Daher verstehe ich auch diese zugleich menschliche und göttliche Liebe der heiligen Therese vom Kinde Jesu so gut, die ein Bildchen mit der durchbohrten Hand des Heilands, das sie zwischen den Seiten eines Buches fand, innerlich tief anrührte. Dinge dieser Art sind auch mir widerfahren, haben mich innerlich aufgerüttelt.“ v

Andere Male hinterlassen Menschen oder Arten und Weisen, das Evangelium zu leben, Spuren Gottes in unserer Seele und lassen uns seine liebevolle Gegenwart entdecken. Denn auch wenn ein unerwartetes Ereignis oder eine Begegnung unser Leben verändern kann, ist es doch häufiger so, dass unser Ruf aus unserer Vorgeschichte heraus Form annimmt. Nicht zuletzt können Worte aus der Heiligen Schrift die Seele wie ein Pfeil durchbohren, in ihr verweilen, unwiderstehlich widerhallen und sie vielleicht sogar ein Leben lang begleiten. So geschah es der heiligen Theresa von Kalkutta mit einem Wort Jesu am Kreuz: „Mich dürstet“ ( Joh 19,28) und auch dem hl. Franz Xaver mit der für ihn alles entscheidenden Frage: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“ ( Mt 16,26).

Vielleicht ist das Charakteristischste für diese Unruhe des Herzens aber, dass sie anziehend und unerwünscht zugleich ist. Mit Worten des hl. Paul VI. äußert sich der Ruf wie „eine Stimme, die zugleich beunruhigend und beruhigend ist, befehlend und gewinnend, unangenehm und einnehmend“ vi. Der Ruf zieht uns an und ruft zugleich Ablehnung hervor; er drängt uns, uns der Liebe gänzlich anzuvertrauen, zugleich erschreckt uns das Risiko unserer Freiheit: „Wir zögern, dem Herrn Ja zu sagen, ob wir wollen oder nicht.“ vii

Die Wegmarkierungen im Gebet zusammenhängend betrachten

Von Unruhe getrieben sucht Nikodemus Jesus auf. Die liebenswerte Gestalt des Herrn ist in seinem Herzen bereits gegenwärtig: Er hat schon begonnen, ihn zu lieben, braucht aber die persönliche Begegnung. Im Dialog, der folgt, eröffnet ihm der Meister neue Horizonte: „Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Und er lädt ihn zu einem neuen Leben ein, zu einem Neuanfang, zu einem Geborenwerden „aus Wasser und Geist“ ( Joh 3,5). Nikodemus begreift nicht und fragt mit aller Einfachheit: Und wie kann das sein? (vgl. Joh 3,9). Im persönlichen Umgang mit Jesus wird nach und nach eine Antwort darauf entstehen, wer er für Jesus ist und wer Jesus für ihn sein soll.

Damit die Unruhe des Herzens für die Wahrnehmung der eigenen Berufung Relevanz hat, ist es nötig, sie im Gebet, im Dialog mit Gott, zu lesen, zu bewerten und zu deuten: „Weshalb passiert das jetzt, Herr? Was willst du mir damit sagen? Was bedeuten diese Sehnsüchte und Neigungen in meinem Herzen? Warum beschäftigt mich das und die anderen um mich herum lässt es kalt? Warum liebst du mich so sehr? Wie kann ich diese Gaben, die du mir gegeben hast, optimal nutzen?“ Nur mit dieser generellen Bereitschaft zum Gebet können wir die liebevolle Fürsorge Gottes – seine Vorsehung – durch alles hindurchschimmern sehen: durch die Ereignisse in unserem Lebens, durch die Menschen, denen wir begegnet sind, und durch die Art und Weise, wie unser Charakter mit seinen Vorlieben und Eignungen geformt ist. Es ist, als ob Gott im Laufe unseres Weges einige Punkte markiert hätte, die erst jetzt, da wir sie im Gebet zusammenhängend betrachten, eine erkennbare Form annehmen.

das Erste und Grundlegende ist, sich Jesus im Gebet zu nähern und zu lernen, das eigene Leben mit seinen Augen anzuschauen

Benedikt XVI. erklärte: „Das Geheimnis der Berufung liegt in der Beziehung zu Gott, im Gebet, das gerade der inneren Stille erwächst, der Fähigkeit wahrzunehmen, dass Gott nahe ist. Und das gilt sowohl vor der Entscheidung, also im Moment des Entschlusses und des Aufbruchs, als auch danach, wenn man treu auf dem Weg bleiben will.“ viii Deshalb ist für jenen, der nach seiner Berufung fragt, das Erste und Grundlegende, sich Jesus im Gebet zu nähern und zu lernen, das eigene Leben mit seinen Augen anzuschauen. Vielleicht wird es ihm wie dem blinden Mann ergehen, dem Jesus die Augen mit Speichel bestreicht: Zuerst sieht er verschwommen, Menschen scheinen ihm wie wandelnde Bäume. Aber er lässt den Herrn gewähren – und sieht am Ende alles klar und deutlich (vgl. Mk 8,22-25).

Der Zündstoff

Zwei Jahre nach der nächtlichen Begegnung mit Jesus wird es zu einem Ereignis kommen, das Nikodemus zwingen wird, Position zu beziehen und sich offen als Jünger des Herrn zu bekennen. Auf Betreiben der Hohepriester und Mitglieder des Hohen Rats kreuzigt Pilatus Jesus von Nazareth. Joseph von Arimathäa erhält die Erlaubnis, seinen Leichnam abzunehmen und zu bestatten. Und der hl. Johannes schreibt: „Es kam auch Nikodemus, der früher einmal Jesus bei Nacht aufgesucht hatte“ (Joh 19,39). Das Kreuz des Herrn, der Ausstieg seiner Jünger und vielleicht auch das Beispiel der Treue Josephs von Arimathäa stellen eine persönliche Anfrage an Nikodemus dar und drängen ihn zu einer Entscheidung: „Andere handeln so; was werde ich mit Jesus machen?“

Ein Zündstoff ist eine kleine Menge eines leicht entflammbaren, aber schwachen Sprengstoffs. Über einen Docht oder einen elektrischen Funken ausgelöst bringt er die Hauptmasse des schwer entflammbaren, aber starken Sprengstoffs zur Explosion. Bei der Suche nach der eigenen Berufung gibt es oft ein Ereignis, das wie ein Zündstoff alle Anliegen des Herzens erfasst, sie einem exakten Sinn zuführt, damit zugleich einen Weg aufzeigt und das Herz dazu antreibt, ihm zu folgen. Dieses Ereignis kann unterschiedlicher Art und mehr oder weniger stark emotional aufgeladen sein. Entscheidend ist, es wie die Unruhe des Herzens im Gebet zu lesen und zu deuten.

Der Zündstoff kann eine göttliche Regung in der Seele oder die unerwartete Begegnung mit dem Übernatürlichen sein, wie es bei Papst Franziskus im Alter von 17 Jahren der Fall war. Es war ein Septembertag, und er hatte sich aufgemacht, mit seinen Kameraden den Studententag zu feiern. Aber er beschloss, vorher seiner Pfarrkirche noch einen Besuch abzustatten. Als er eintrat, traf er auf einen ihm unbekannten Priester, der ihm tief gesammelt erschien, sodass er beschloss, bei ihm beichten zu gehen. „In dieser Beichte ist mir etwas Seltsames passiert. Ich weiß nicht, was es war, aber es hat mein Leben verändert. Ich würde sagen: Es hat mich getroffen, als ich offen und ungeschützt war“, erinnert er sich ein halbes Jahrhundert später. Und er deutete es so: „Es war die Überraschung, das maßlose Erstaunen über eine wirkliche Begegnung. Ich merkte, dass ich erwartet wurde. (...) Von diesem Zeitpunkt an ist es Gott, der einen mit einer Ausschließlichkeit umwirbt ... Man sucht ihn, aber er sucht dich zuerst.“ ix

In anderen Fällen kann der Zündstoff das Beispiel der Hingabe eines guten Freundes sein: „Mein Freund hat sich Gott hingegeben, und was ist mit mir?“ oder auch seine liebevolle Aufforderung, auf einem konkreten Weg mit ihm zu kommen: jenes „Komm und sieh“ ( Joh 1,46) von Philippus an Nathanael. Es kann aber auch ein scheinbar triviales, für einen, der die Unruhe bereits in seinem Herzen hat, aber bedeutungsträchtiges Ereignis sein. Gott weiß, wie man auch sehr kleine Dinge nutzen kann, um unsere Seelen zu bewegen. Das ist es, was dem hl. Josefmaria geschah, als ihm im Schnee die Liebe Gottes entgegenkam.

Oft findet jedoch keine Explosion, sondern eine Klärung statt, die durch die allmähliche Reifung von Glauben und Liebe einfach durch das Gebet erfolgt. Nach und nach, fast ohne es zu bemerken, gewinnt man mit dem Licht Gottes eine moralische Gewissheit über die eigene Berufung und trifft unter dem Anstoß der Gnade die Entscheidung. Der selige John Henry Newman beschrieb diesen Prozess in Erinnerung an seine Konversion meisterhaft: „Die Gewissheit ist selbstverständlich ein Punkt, der Zweifel dagegen ein Prozess. Gewissheit hatte ich aber noch nicht erlangt. Gewissheit ist eine reflexive Geistestätigkeit, sich bewusst zu sein, etwas zu wissen. Ich glaube, ich hatte diese erst kurz vor meiner Aufnahme in die katholische Kirche. (...) Wer aber kann den Punkt bei sich selber feststellen? Wer kann genau bestimmen, wann sich der Zeiger der Meinungswaage zu neigen beginnt und die bis dahin höhere Wahrscheinlichkeit zugunsten eines Glaubens zu einem positiven Zweifel gegen ihn wird?“ x Dieser Prozess der Klärung, bei dem die Entscheidung zur Hingabe allmählich und ohne Erschütterung reift, ist in Wirklichkeit meist viel sicherer als der Prozess, der durch den Blitzschlag eines externen Signals ausgelöst wird, das uns leicht blenden und verwirren kann

In jedem Fall klärt dieser Wendepunkt nicht nur unseren Blick, auch unser Wille sieht sich geneigt, diesen Weg zu beschreiten. Deshalb konnte der hl. Josefmaria schreiben: „Wenn ihr mich fragt, wie der göttliche Ruf zu erkennen ist, wie man ihn merkt, würde ich sagen, dass es eine neue Sicht des Lebens ist; es ist, als ob ein Licht in unserem Inneren eingeschaltet würde. Es ist ein geheimnisvoller Drang.“ xi Der Ruf ist Licht und Drang. Licht in unserem vom Glauben erleuchteten Verstand, um unser Leben zu lesen; Drang in unserem von der Liebe Gottes entzündeten Herzen, um der Einladung des Herrn folgen zu wollen, trotz jener unerwünschten Anziehungskraft , die den Dingen Gottes eigen ist. Aus diesem Grund ist es ratsam, dass jeder „nicht nur um Licht“ bittet, „um den Weg erkennen zu können, sondern auch um die Kraft der Liebe, um den Willen Gottes annehmen zu können“. xii

Die Hilfe der geistlichen Leitung

Wir wissen nicht, ob Nikodemus sich vor oder nach seinem Besuch bei Jesus von anderen Jüngern einen Rat geholt hat. Vielleicht war es Joseph von Arimathäa selbst, der ihn ermutigte, Jesus offen und ohne Angst vor den anderen Pharisäern nachzufolgen. So hätte er ihn seiner endgültigen Begegnung mit Jesus zugeführt. Genau darin besteht die geistliche Begleitung oder Führung: auf den Rat von jemandem zählen zu können, der mit uns geht, der versucht, mit Gott in Einklang zu leben, der uns kennt und uns gerne hat.

Es ist wahr, dass der Ruf immer eine Sache zwischen Gott und mir ist. Niemand kann die Berufung für mich sehen. Niemand kann sich für mich entscheiden. Gott spricht mich an, lädt mich ein und gibt die Freiheit zu antworten und die Gnade dies zu tun ... mir. In diesem Prozess der Unterscheidung und Entscheidung ist es sehr hilfreich, einen sachkundigen Führer zu haben; unter anderem, damit er bestätigt, dass ich die notwendigen objektiven Fähigkeiten besitze, um diesen Weg zu gehen, und gewährleistet, dass ich die Entscheidung über die Hingabe an Gott mit reiner Absicht fälle. Andererseits kann, wie der Katechismus sagt, ein guter geistlicher Begleiter ein Lehrmeister des Gebetes werden: Jemand, der uns hilft, die Unruhe des Herzens, die Neigungen und Ereignisse in unserem Gebet zu lesen, reifen zu lassen und zu deuten. Auch in diesem Sinne wird sein Bemühen dazu beitragen, dass wir über den Ruf Klarheit gewinnen. Schließlich ist er jemand, der uns eines Tages vielleicht sagen kann, was der hl. Johannes dem hl. Petrus sagte, als er in der Ferne jenen Mann entdeckte, der vom Ufer aus zu ihnen sprach: „Es ist der Herr!“ ( Joh 21,7).

"Wie ist der göttliche Ruf zu erkennen? Es ist, als ob ein Licht in unserem Inneren eingeschaltet würde. Es ist ein geheimnisvoller Drang." (Hl. Josefmaria)

Auf jeden Fall ist die Unterscheidung und ebenso die endgültige Entscheidung in hohem Maße eine persönliche Reise. Gott selbst lässt uns frei. Selbst nach Auslösung des Zündstoffs. Deshalb können nach dem ersten Moment leicht wieder Zweifel aufkommen. Gott hört nicht auf, uns zu begleiten, bleibt aber in gewisser Entfernung. Es ist richtig, dass er alles getan hat und weiterhin tut, er will aber jetzt, dass wir den letzten Schritt in völliger Freiheit, in der Freiheit der Liebe tun. Er möchte keine Sklaven, er möchte Kinder. Und deshalb nimmt er einen diskreten Platz ein, ohne sich dem Gewissen aufzudrängen, man könnte fast sagen als „Beobachter“. Er schaut auf uns und wartet geduldig und demütig auf unsere Entscheidung.

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„Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären“ ( Lk 1,31-32). Nach der Ankündigung des Erzengels Gabriel schien die ganze Welt einen Moment lang den Atem anzuhalten. Die göttliche Botschaft war überbracht worden. Die Stimme Gottes war im Herzen der Jungfrau Maria seit Jahren zu hören gewesen, jetzt aber schwieg Gott. Und wartete. Alles hing von der freien Antwort dieser Jungfrau von Nazareth ab. „Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel“ ( Lk 1,38). Jahre später, am Fuß des Kreuzes, nahm die heilige Maria den toten Leichnam ihres Sohnes aus den Händen des Nikodemus entgegen. Welchen Eindruck würde in diesem zuletzt dazugekommenen Jünger hinterlassen, zu sehen, wie die Mutter Jesu inmitten dieses ungeheuren Schmerzes die Wege Gottes einmal mehr annahm und liebte: „Es geschehe nach deinem Wort.“ Wie könnte man für eine so große Liebe nicht alles geben?

José Brage

i Hl. Josefmaria, Brief 6.5.1945, Nr. 42, zitiert in Lázaro Linares: Antes, más y mejor: un relato de mi vida en el Opus Dei , Rialp Madrid, 2001. S. 69.

ii Ebenda.

iii J. Ratzinger, Salz der Erde , DVA, Stuttgart 1996, S. 35.

iv Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen aus einem familiären Treffen, Crónica, 1974, Band I, S. 529.

v A. Vázquez de Prada, Der Gründer des Opus Dei , Band I, Adamas, Köln 2001, S. 89.

vi Hl. Paul VI., Predigt, 14.10.1968

vii Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen aus einem familiären Treffen, Crónica, 1972, p. 460.

viii Benedikt XVI., Begegnung mit den Jugendlichen in Sulmona, 4.7.2010.

ix Papst Franziskus, Mein Leben, mein Weg, El Jesuita. Die Gespräche mit Jorge Mario Bergoglio von Sergio Rubin und Francesca Ambrogetti, Herder 2013, S. 49.

x Sel. J. H. Newman, Apología pro vita sua, Media Maria, Illertissen 2010, vgl. S. 320. Original: Certitude of course is a point, but doubt is a progress; I was not near certitude yet. Certitude is a reflex action; it is to know that one knows. I believe I had not that, till close upon my reception into the Catholic Church. Again, a practical, effective doubt is a point too, but who can easily ascertain it for himself? Who can determine when it is, that the scales in the balance of opinion begin to turn, and what was a greater probability in behalf of a belief becomes a positive doubt against it?

xi Brief 9.1.1932, zitiert in: El Opus Dei en la Iglesia, Rialp, Madrid 1993, S. 148.

xii vgl. aus einem Beitrag von Msgr. Ocariz anlässlich der Bischofssynode über die Jugend, 24.9.2018 in ABC. https://opusdei.org/de-at/article/beitrag-von-msgr...