Betrachtungstext: 17. Dezember – Advent

Der Herr ist näher – Jesus kommt, um Teil der menschlichen Familie zu werden – Christus bereichert uns.

DER HERR ist nahe.1 Die Intensität der Erwartung nimmt von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde zu. Unser Herz sehnt sich nach dem Kommen des Immanuel. Das heutige Evangelium zeigt uns die lange Kette der Generationen, die den Messias erwartet haben: von Abraham bis David und bis zum heiligen Josef. Wir wurden viel später geboren, sind aber Erben derselben Verheißung. Es ist nicht leicht, sich die Gefühle so vieler Generationen des jüdischen Volkes vorzustellen, die den verheißenen Messias erwarteten. Die Liturgie weist uns einen Weg, indem sie den unbeschreiblichen Freudenausbruch angesichts der unmittelbaren Ankunft Jesu versucht, in Worte zu fassen: Jubelt ihr Himmel, jauchze, o Erde (Jes 49,13).

Abraham ist der Beginn dieser langen Kette, der Erste einer Familie, die für immer bestehen wird. Er vertraute auf den Herrn und sein Verheißung ging in Erfüllung: Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst! (Gen 15,5). Gott hat sich seiner Treue und der so vieler anderer bedient, um uns seinen Sohn zu senden und neuerlich die Vertrautheit Gottes mit den Menschen möglich zu machen. Unsere Würde wurde wieder hergestellt und zu einer unvorstellbaren Höhe erhoben: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben (1 Kor 2,9). Unsere Seele wird mit tiefer Freude erfüllt, weil wir uns gerettet, erlöst und geheilt wissen: Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln, den Thronen und Mächten und mit allen Scharen des himmlischen Heeres den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit2.

Vielleicht klingt unser Gesang nicht immer richtig, aber der Heilige Geist hüllt uns mit seinen „unaussprechlichen Seufzern“ (vgl. Röm 8,26) ein. Wir stellen Tag für Tag fest, wie sehr es uns gefiele, mit demselben Maß Gottes antworten zu können. Weder der göttliche Wunsch, uns zu begegnen, noch seine nachdrückliche Wiederholung lassen es bei Worten bewenden: 14 Generationen von Abraham bis David, 14 bis zur Deportation nach Babylon und weitere 14 bis Christus (vgl. Mt 1,17). Sofort kommt uns der göttliche Ruf zu Hilfe: „Fürchte dich nicht“. Gott selbst wird sich in uns freuen und in uns Dank sagen.


WIR ALLE haben unseren Stammbaum. Jesus Christus wollte den seinen haben. Und in Maria, seiner Mutter, trifft er sich mit dem Weg der Menschen und vereint sich für immer mit uns. Er nimmt die Notwendigkeit der Hoffnung der ganzen Menschheit aller Epochen auf. In der Inkarnation weist Gott nichts Menschliches zurück und nimmt die Geschichte jeder Person auf sich, um allen einen Platz im Ewigen Leben anzubieten. Der Schöpfer des Himmels und der Erde wollte der menschlichen Familie angehören.

Im Stall zu Bethlehem berühren sich Himmel und Erde. Der Himmel gehört nicht der Geographie des Raums, sondern der Geographie des Herzens zu. Und das Herz Gottes hat sich in der Heiligen Nacht in den Stall herabgebeugt: Die Demut Gottes ist der Himmel. Und wenn wir auf diese Demut zugehen, dann berühren wir den Himmel. Dann wird auch die Erde neu3. Wie oft scheint es uns, dass Gott nicht dort sein kann, wo es Schwäche, Gebrechlichkeit oder Mittelmäßigkeit gibt. Wenn wir uns nicht mit der Sünde abfinden, sondern uns dafür begeistern, die wahren Güter des Lebens zu umfangen, dann weist die Demut Gottes den Stall unseres Herzens nicht zurück; er bringt den Himmel in unser gewöhnliches Leben, in unser Zuhause, in jeden Augenblick.

Diese lange Liste von Namen hat über viele Generationen hinweg eine Sehnsucht geweckt, die nur das Neugeborene von Bethlehem erfüllen kann. Einige haben vermutlich nicht gut begriffen, was sie erhofften. Andere suchten in ihrer Verwirrung Götzen, die ihnen näher und zugänglicher schienen. Dieselbe Sehnsucht nach Erlösung ist heute weiter in allen Menschen verborgen, oft ohne dass die Betreffenden sie in Worte fassen können oder es ihnen gelingt, sie klar zu verstehen. Wir haben das Glück, diese Frohe Botschaft von Weihnachten zu kennen, wir erwarten Jesus, und wir wären glücklich, wenn er bis zum bedürftigsten Herzen im letzten Winkel der Erde käme.


WIR PREISEN DICH, Herr, höchster Gott,der du dich um unsertwillen deiner Herrlichkeit entäußert hast. Du bist unermesslich und hast dich klein gemacht; du bist reich und bist arm geworden; du bist allmächtig und hast dich schwach gemacht4. Gelegentlich kommt es vor, dass wir genau das Gegenteil tun: Wir halten uns für groß und mächtig. Der heilige Augustinus wusste das sehr wohl: Du, o Mensch, wolltest Gott sein und starbst. Er, Gott, wollte Mensch werden und rettete dich. So viel vermochte der menschliche Stolz, dass er der göttlichen Demut bedurfte, um sich zu heilen!5

Es ist Christus, der uns auf seinen Schultern bis zum Himmel erhebt. Der Stolz bringt eine sehr flüchtige Ehre; sie dauert wenige Minuten und verlangt sofort ihren Preis. Schnell folgt die Unruhe. Der Hochmut benötigt ständig neue Gründe, um die anderen zu übertreffen. Nie schenkt er Frieden, noch sättigt er. Der heilige Josefmaria war sich dieser unserer Schwäche bewusst: Ich kenne einen so schlechten, kleinen Esel, der, wenn er in Betlehem neben dem Ochsen gewesen wäre, statt den Schöpfer ehrfurchtsvoll anzubeten, das Stroh der Krippe gefressen hätte…6.

Die Liebe Gottes dagegen ist fähig unser Herz zu erfüllen, wie es niemals jemand getan hat. Wenn wir von seiner Liebe sprechen, werden wir nie ihre Größe ermessen. Was wir von seiner unermesslichen Liebe nicht wissen, ist immer viel mehr, als wir von ihr verstehen können. In der heutigen Präfation heißt es: Die jungfräuliche Mutter trug ihn voll Liebe in ihrem Schoß. Die heilige Maria wird uns in der Vertrautheit des Gebets diese Geheimnisse erzählen, die sie aus erster Hand kennt. Eine Mutter versteht es immer – mit einer Geste, mit einer Liebkosung – zu erklären, was mit Worten nicht möglich ist auszudrücken.


1 Stundengebet, Antiphon zum Invitatorium, 17. Dezember.

2 Präfation vom Advent II.

3 Benedikt XVI., Homilie, 24.12.2007.

4 Franziskus, Homilie, 24.12.2014.

5 Hl. Augustinus, Sermo 183.

6 Hl. Josefmaria, Persönliche Aufzeichnungen, Nr. 181 (25.3.1931).

Foto: Jesse Zhou (unsplash)