Betrachtungstext: 6. Osterwoche - Samstag

Die Gabe der Frömmigkeit. - Bittgebet ist Gottvertrauen. - Die Frömmigkeit macht uns von Herzen sanftmütig.

IN EINEM Gespräch bekundet Jesus den Aposteln sein volles Vertrauen: «Der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt und weil ihr geglaubt habt, dass ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater» (Joh 16,27-28). Voll Zuneigung zu ihnen wiederholt Jesus ein und das andere Mal, dass Gott sie mit einer der seinen ähnlichen Liebe liebt. Das ganze Gespräch ist sehr emotional, während er ihnen die verborgenen Schätze des göttlichen Herzens enthüllt. Die Zuneigung Christi ist so tief – ja, «er (liebte) sie bis zur Vollendung» (Joh 13,1), sagt der heilige Johannes – ja, es schmerzt ihn, sie allein – ohne die Wärme seiner Gegenwart zu lassen.

«Der Vater selbst liebt euch». Mit der Gabe der Frömmigkeit wächst im Christen das Vertrauen zur Liebe des göttlichen Vaters, die der Heilige Geist schenkt, wenn er in der Seele Wohnung nimmt. Diese Gabe perfektioniert die Tugend der Frömmigkeit, «diese sich einsenkende Tugend hat ihre Quelle und Grundlage in der Gotteskindschaft, weil sie aus dieser hervorgeht, aus dem Bewusstsein dessen, der seinen Stand als Sohn Gottes lebt und genießt» [7-1]. «Daher ruft die Gabe der Frömmigkeit in uns vor allem Lob und Dank hervor. Denn das ist der Grund und der wahrhaftigste Sinn unseres Gottesdienstes und unserer Anbetung. Wenn der Heilige Geist uns die Gegenwart des Herrn und seine ganze Liebe zu uns wahrnehmen lässt, dann erwärmt sich unser Herz und bringt uns gleichsam auf natürliche Weise zum Gebet und zur Feier»[7-2].

Wir ‘schmecken’ dann gleichsam unsere Identität als geliebte Söhne. Die Frömmigkeit sät die kindliche Zärtlichkeit ins Herz, die dazu führt, das Gespräch mit Gott als notwendig zu empfinden und zu suchen. Der heilige Josefmaria sagt, dass die Frömmigkeit «schließlich das ganze Dasein des Menschen erfasst; sie ist gegenwärtig in jedem Gedanken, in jedem Wunsch, in jeder Gemütsregung» [7-3] und sie führt zu dem frohen Vertrauen, dass uns die Liebe des Vaters niemals fehlen wird. Mittels dieser Gabe, «heilt der Geist unser Herz von jeder Art Härte und öffnet es für die das Zartgefühl zu Gott und zu unseren Brüdern» [7-4].

«WAS IHR DEN VATER in meinem Namen bitten werdet, das wird er euch geben. Bis jetzt habt ihr noch um nichts in meinem Namen gebeten. Bittet und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen ist» (Joh 16,23-24). Jesus ermutigt uns zu solchem Gottvertrauen, das uns ein Bitten in der Sicherheit, erhört zu werden, ermöglicht. Ein rechthartnäckiger Bitter zu sein, ist ein Zeichen von Frömmigkeit. Auch wenn das zunächst als egoistisch erscheinen mag, so ist es doch gerade das Gegenteil, denn das Bittgebet bedeutet eine völlige Hingabe an seinen mächtigen Willen. Wenn wir uns als Kinder mit nicht viel eigenen Möglichkeiten fühlen, ist es doch selbstverständlich auf Gott zu schauen und ihn um Gnade, Hilfe und Verzeihung zu bitten!

«Bitten, flehen. Das ist sehr menschlich (...), erklärt Papst Franziskus. Das Bittgebet geht einher mit der Annahme unserer Begrenztheit und unserer Kreatürlichkeit. Man mag vielleicht nicht dahin gelangen, an Gott zu glauben, aber es ist schwierig, nicht an das Gebet zu glauben: Es ist ganz einfach da; es kommt in uns auf wie ein Schrei; und wir alle haben zu tun mit dieser inneren Stimme, die vielleicht für lange Zeit schweigen mag, die aber eines Tages erwacht und schreit. Wir wissen, dass Gott antworten wird. Es gibt keinen Beter im Buch der Psalmen, der seine Klage erhebt und nicht erhört wird. Gott antwortet immer: Heute, morgen, aber er antwortet immer, auf die eine oder die andere Weise. Immer antwortet er. Die Bibel sagt das immer wieder: Gott hört den Schrei dessen, der zu ihm fleht. Auch unsere gestammelten Bitten; jene, die tief in unserem Herzen geblieben sind; die zum Ausdruck zu bringen, wie wir uns manchmal schämen: Der Vater hört sie und will uns den Heiligen Geist schenken, der jedes Gebet beseelt und alles verwandelt»[7-5].

So gibt die Gabe der Frömmigkeit dem Gebet Frische und Natürlichkeit, das nicht nur eine einfache Konversation sein wird, sondern einen vertrauensvollen Klang gewinnt, durch «Zartgefühl des Herzens»7-6]. Der Heilige Geist erweckt in uns ein Gebet in einer Vielfältigkeit, wie sie sich im Leben selbst findet. Gelegentlich beklagen wir uns beim Vater: «Warum verbirgst du dein Angesicht? » (Ps 44,25). Andere Male werden wir zu ihm über unsere Wünsche nach Heiligkeit sprechen: «Gott, mein Gott bist du, dich suche ich, es dürstet nach dir meine Seele» (Ps 63,2); oder das Verlangen nach einer engeren Verbundenheit mit ihm: «Neben dir erfreut mich nichts auf Erden» (Ps 73,25). Und immer ruht unsere Hoffnung in seiner Barmherzigkeit: «denn du bist der Gott meines Heils. Auf dich hoffe ich den ganzen Tag» (Ps 25,5).

DIE ECHTE FRÖMMIGKEIT beeinflusst unsere Beziehungen zu den anderen. Die Menschen aus unserer Umgebung sind Söhne und Töchter desselben Vaters, sie sind unsere Geschwister. Die Zärtlichkeit zu Gott Vater mündet auch ihnen gegenüber in liebevollem Umgang. Im täglichen Leben, in dem wir mit so vielen Leuten in Beziehung treten, «manifestiert sich das Zartgefühl in Sanftmut und Milde, als wahrhaft brüderliche Öffnung zum Nächsten» [7-7]. Der Heilige Geist macht unser Herz weit und befähigt es, die anderen frei und ohne Hintergedanken zu lieben. In gewisser Weise empfängt unser Herz das unverdiente Geschenk der Sanftmut des Herzens Christi.

Die Frömmigkeit drängt uns, die Menschen unseres Umfelds liebenswürdig und hilfsbereit zu behandeln. Darüber hinaus «erstickt sie, bemerkt der heilige Johannes Paul II., im Herzen jene Spannung und Uneinigkeit erzeugenden Neigungen wie Bitterkeit, Zorn und Ungeduld, und fördert Gefühle wie Verständnis, Toleranz und Vergebungsbereitschaft» [7-8]. Die Frömmigkeit macht uns mild, liebenswürdig und geduldig. Wer mit Gott in Frieden lebt, der wird diesen Frieden in alle seine Beziehungen einbringen. In schwierigen Situationen, wenn wir in Bedrängnis sind, lernen wir mithilfe der Frömmigkeit ohne Gewaltanwendung zu reagieren, wie wir das an Christus sehen. «Die Sanftmut ist charakteristisch für Jesus, der von sich selbst sagt: »Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig« (Mt 11,29). Sanftmütig sind diejenigen, die es verstehen, sich selbst zu beherrschen, die dem anderen Raum lassen, die ihm zuhören und ihn in seiner Art zu leben, seinen Bedürfnissen und Forderungen respektieren. Sie wollen ihn nicht unterkriegen oder herabsetzen, sie wollen nicht alles beherrschen und dominieren, noch ihre eigenen Ideen und Interessen zum Nachteil anderer durchsetzen (...). Wir brauchen Sanftmut, um auf dem Weg der Heiligkeit voranzukommen. Zuhören, respektieren, nicht aggressiv sein»[7-9].

«Bitten wir den Herrn, dass die Gabe seines Geistes unsere Furcht, unsere Unsicherheiten, auch unseren unruhigen, ungeduldigen Geist überwinden und uns zu frohen Zeugen Gottes und seiner Liebe machen möge, indem wir den Herrn anbeten in der Wahrheit und auch im Dienst am Nächsten, mit Sanftmut und mit jenem Lächeln, das der Heilige Geist uns stets in der Freude schenkt»[7-10]. Vertrauen wir diese Bitte mit den Worten des Salve der Fürsprache Mariens an Sie ist ja das Vorzügliche Gefäß der Andacht: «O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria!».


[7-1] Diccionario de san Josemaría (Wörterbuch des heiligen Josefmaria),Stichwort “Piedad” (Frömmigkeit).

[7-2] Papst Franziskus, Generalaudienz, 4-VI-2014.

[7-3] Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 146.

[7-4] Hl. Johannes Paul II, Angelus, 28-V-1989.

[7-5] Papst Franziskus, Generalaudienz, 9-XII-2020.

[7-6] Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 167.

[7-7] Hl. Johannes Paul II, Angelus, 28-V-1989.

[7-8]Ebd.

[7-9] Papst Franziskus, Angelus, 1-XI-2020.

[7-10] Papst Franziskus, Generalaudienz, 4-VI-2014.

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