Betrachtungstext: 34. Montag im Jahreskreis

Auf Jesus schauen, der das Licht für unser Leben ist. - Gott möchte alles von uns, um uns ganz glücklich zu machen. - Die Hingabe an Gott wird zur Hingabe an andere.

DIE LETZTE WOCHE im Jahreskreis erinnert uns daran, dass das irdische Leben kurz ist im Vergleich zu dem, was wir später leben werden, und ermutigt uns daher, jede Gelegenheit zu nutzen, um dem Herrn zu begegnen. Der heilige Augustinus sagte, dass er Angst davor hatte, zu denken, dass Jesus an seinem Leben vorbeigeht und er es nicht bemerkt. Es geht um die auf dieser Erde übliche Ungewissheit, nicht zu wissen, ob wir in der Lage sein werden, die Gegenwart Gottes, das Licht für unseren Weg, gewohnheitsmäßig zu empfangen.

Das christliche Bekenntnis von Jesus als einzigem Retter besagt, dass das ganze Licht Gottes sich in ihm, in seinem "gelichteten Leben" konzentriert hat, in welchem sich der Anfang und das Ende der Geschichte enthüllen. Es gibt keine menschliche Erfahrung, keinen Weg des Menschen zu Gott, der von diesem Licht nicht aufgenommen, erleuchtet und geläutert werden könnte1. Das Licht des Glaubens gibt der Seele des Christen Frieden und Zuversicht. Christus, das Licht vom Licht, der wahre Gott, ist derjenige, der allem, was wir tun, seinen vollen Sinn gibt. Deshalb liegt es in unserem Interesse, sein Gesicht zu suchen, unermüdlich und ohne Unterlass, präsent in unseren Handlungen, in unseren Lieben, in unseren Illusionen.

Wir wollen diese letzte Woche des Kirchenjahres mit dem Blick auf den auferstandenen Jesus beginnen, der sagte: Seht meine Hände und meine Füße an (Lk 24,39). Ansehen, schauen ist nicht nur sehen. Es ist mehr, es schließt auch die Absicht, den Willen ein. Deshalb ist es auch eines der Verben der Liebe. Die Mutter und der Vater schauen ihr Kind an, die Verliebten schauen einander an, der gute Arzt schaut seinen Patienten aufmerksam an… Das Schauen ist ein erster Schritt gegen die Gleichgültigkeit, gegen die Versuchung, den Blick von den Schwierigkeiten und Leiden der anderen abzuwenden. Ansehen. Sehe ich Jesus oder schaue ich ihn an?2


VOR DER REDE, in der Christus prophetisch das Ende Jerusalems und der Welt ankündigt, spielt sich eine verborgene, diskrete Szene inmitten der Aktivitäten des Tempels ab. Eine Frau ohne viele Mittel gibt alles, was sie hat, dem Allerhöchsten. Auch wenn es niemandem auffällt, Jesus fällt es auf. Sie hat mehr hineingeworfen als alle anderen(Lk 21,3), heißt es im heutigen Evangelium, das sich an die Menschen um ihn herum wendet. Die Haltung der Witwe ist als ein von Christus selbst geschaffenes Bild für die Beziehung des Menschen zu Gott erhalten geblieben: Der Herr sieht nicht auf den Betrag, den man opfert, sondern auf die Zuneigung, mit der man ihn opfert. Almosen geben heißt nicht, ein wenig von dem zu geben, was man hat, sondern so zu handeln wie die Witwe, die alles gab, was sie hatte3.

Die Beziehung der Freundschaft mit Gott, die der christlichen Berufung entspricht, verlangt eine Antwort, die die ganze Existenz des Menschen umfasst. Wir bleiben nicht gleichgültig, sobald wir ihm begegnet sind. Der Herr weiß aber, dass Verliebte immer schenken wollen, und so sagt Er uns, was Er sich von uns wünscht. Ihn interessieren nicht Reichtümer, nicht die Früchte der Erde, nicht die Tiere der Erde, des Meeres oder der Luft, denn alles das gehört Ihm ja. Er will etwas ganz Persönliches, das wir Ihm aus freien Stücken geben sollen: Gib mir dein Herz, mein Kind (Spr 23, 26). Seht, Er gibt sich nicht zufrieden, wenn Er mit anderen teilen muss, Er will alles. Er ist nicht auf der Suche nach unseren Gütern, ich wiederhole es: uns selbst will Er. Hier, und nur hier liegt der Grund für alle anderen Geschenke, die wir dem Herrn anbieten können4.

Jesus lädt uns ein, all unsere Münzen einzuwerfen, ohne auf uns aufmerksam zu machen. Die Entscheidungen, die wir tief im Inneren treffen, die Offenheit für das Licht des Glaubens, werden uns zu einer unvergleichlichen Freude führen. Die arme Witwe gab alles, aber sie verließ den Tempel bereichert durch den Blick Gottes; so glücklich, dass sie nicht einmal zu wissen brauchte, dass sie ein Beispiel für so viele Menschen in der Geschichte sein würde.


DIE WITWE, die wir heute im Evangelium betrachten, hätte aufgrund ihrer äußersten Armut nur ein Geldstück als Opfergabe für den Tempel geben und das andere für sich behalten können. Doch sie will mit Gott nicht »halbe-halbe machen«: sie verzichtet auf alles. In ihrer Armut hat sie verstanden, dass sie alles hat, wenn sie Gott hat. Sie fühlt sich ganz von ihm geliebt und liebt ihn ihrerseits ganz. Heute sagt Jesus auch uns, dass der Maßstab nicht die Menge, sondern die Fülle ist. (…) Denkt über den Unterschied nach, der zwischen Menge und Fülle besteht. Das ist keine Frage der Geldbörse, sondern des Herzens5.

Diese Fülle, mit der wir uns dem Herrn überlassen wollen, der keine Berechnungen anstellt, und die uns wirklich glücklich machen wird, führt immer dazu, dass wir uns anderen hingeben. Sie erfüllt uns mit der Liebe Gottes, die mitgeteilt werden will. Die zwei Münzen, die die Witwe dem Herrn gibt, wenn sie in den Tempel geht, werden zur Gewohnheit, sich für andere einzusetzen. Wer Gott gegenüber wirklich großzügig ist, ist auch dem Nächsten gegenüber großzügig.

Angesichts der Bedürfnisse des Nächsten sind wir dazu aufgerufen, auf etwas zu verzichten – wie diese Kinder, auf die Hälfte des Schnitzels –, auf etwas Unverzichtbares, nicht nur auf etwas im Überfluss Vorhandenes. Wir sind dazu aufgerufen, die notwendige Zeit zu schenken, nicht nur die, die übrig bleibt. Wir sind dazu aufgerufen, sofort und vorbehaltlos etwas von unserem Talent zu geben, nicht nachdem wir es für unsere persönlichen Ziele oder die einer Gruppe genutzt haben. Bitten wir den Herrn, dass er uns in die Schule dieser armen Witwe aufnimmt, die Jesus zum Erstaunen der Jünger auf den Lehrstuhl steigen lässt und als Lehrerin des lebendigen Evangeliums vorstellt. Durch die Fürsprache Marias, der armen Frau, die ihr ganzes Leben Gott für uns hingegeben hat, wollen wir um das Geschenk eines armen Herzens bitten, das jedoch reich an froher und unentgeltlicher Großherzigkeit ist6.


1 Papst Franziskus, Enz. Lumen Fidei, Nr. 35.

2 Papst Franziskus, Regina Coeli, 18.4.2021.

3 Hl. Johannes Chrysostomus, Homilien über den Brief an die Hebräer, I, 4.

4 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 35.

5 Papst Franziskus, Angelus, 8.11.2015.

6 Ebd.