Betrachtungstext: 13. Woche im Jahreskreis (2) - Samstag

Das frohe Bankett Gottes mit seinem Volk. - Verborgenes Fasten. - Der neue Wein Jesu.

JESUS WAR KEIN Lehrer der herkömmlichen Art. Die freie Art zu handeln und die Autorität mit der er lehrte, beeindruckten seine Zeitgenossen. Die damaligen Lehrer Israels hingegen legten die im Volk Israel gelebten Gebote peinlich genau aus, was so weit ging, dass ihre Kasuistik nicht immer auseinander hielt, was als wesentlich und was als zufällig anzusehen war. Das führte gelegentlich zu einem komplizierten äußerlichen Verhalten, das zu erlernen und zu befolgen war. Die Lehre Jesu war hingegen von ganz anderer Art: natürlich folgte sie auch der vom Volk Israel empfangenen Tradition, das von ihr geforderte Handeln hatte aber nicht nur die äußerliche Erfüllung der Gebote zum Ziel, noch lehrte er seine Jünger in einer derartigen Art: Er trachtete vielmehr nach Weckung persönlicher innerer Umkehr des Menschen.

Das rief beispielsweise hervor, dass einige staunten, als sie bemerkten, dass weder er noch seine Jünger bei bestimmten Gelegenheiten fasteten. Christus antwortet seinen Gesprächspartnern mit einem Bild aus seiner Zeit: «Könnt ihr denn die Hochzeitsgäste fasten lassen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? » (Lk 5,34). Bei den damaligen Hochzeiten hatten die engsten Freunde des Bräutigams die Aufgabe, auf dem Fest für fröhliche Stimmung zu sorgen. Das Gesetz sah sogar vor, dass die Freunde des Bräutigams von verschiedenen gesetzlichen Auflagen befreit sind, wenn diese nicht dazu geeignet waren, die frohe Stimmung einer Hochzeitsfeier zu fördern. Mit diesem Vergleich deutet Jesus an, dass er selbst der Bräutigam sei und seine Jünger dessen Freunde. Er hatte die Freude über die Rettung der Welt gebracht.

Gott will uns glücklich, und er ordnet nichts an, was uns von diesem Ziel abbringen könnte. Es stimmt aber genau deshalb, weil es sich um ein anspruchsvolles Ziel handelt , dass es oft Anstrengung braucht. Bei anderen Gelegenheiten verstehen wir seine Wege nicht, die auch Leiden mit sich bringen können. Die Gebote Gottes aber führen uns zu einem freien und glücklichen Leben. «Ein Philosoph sagte einmal etwas, das ungefähr so lautete: “Ich verstehe nicht, dass man heutzutage glauben kann, denn diejenigen, die sagen, dass sie glauben, laufen mit einem Gesicht herum wie bei einer Totenwache. Sie legen kein Zeugnis von der Freude über die Auferstehung Jesu Christi ab“. Viele Christen mit so einem Gesichtsausdruck, ja mit einer Miene wie bei einer Totenwache, einer Miene, die Trauer ausdrückt… Aber Christus ist auferstanden! Christus liebt dich! Und du freust dich nicht? Lasst uns ein wenig darüber nachdenken und sagen: „Ich, freue ich mich, weil der Herr mir nahe ist, weil der Herr mich liebt, weil der Herr mich erlöst hat?“»1.

DIESES BILD von der Hochzeit ist im Mund Jesu auch eine Gelegenheit, um prophetisch auf seinen Tod anzuspielen: «Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam weggenommen sein: dann (…) werden sie fasten» (Lk 5,35). Der am Kreuz weggenommene Bräutigam, der die Herzen seiner Jünger mit Trauer erfüllen wird, ist der vollkommenste Ausdruck für jedes beliebige Fasten. Sowohl im Fasten als auch im Kreuz gibt es Trauer und Entbehrung; beide aber werden von der Freude über die Erfüllung von Gottes Willen getragen und von der Hoffnung auf ein neues Leben. Deshalb ist das Fasten nicht nur Entbehrung, kein Selbstzweck, es richtet sich vielmehr darauf, sich mit dem Willen des Vaters zu nähren. «Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu vollenden» (Joh 4,34). Das sind ebenfalls Worte Jesu. Diese Entbehrung, dieser erste Akt eines Verzichts auf sich selbst, hindert das Herz, sich an persönliche Bequemlichkeiten zu klammern und hilft uns, die geistige Sensibilität wach zu halten; so können wir die Güter Gottes entdecken und genießen.

Bei einer anderen Gelegenheit lädt Jesus die Leute ein, beim Almosen geben und bei Gebet und Fasten so vorzugehen, dass die anderen nichts davon merken, sondern dies nur im Hinblick auf den Vater im Himmel zu tun. Auch das hat manche der damaligen Zuhörer überrascht. Denn damals wurden gute Werke oft dazu erbracht, um bei den anderen an Ansehen zu gewinnen. Jesus aber erinnert uns daran, dass der Wert einer Handlung nicht davon abhängt, wie sie von anderen beurteilt wird. Bei vielen Gelegenheiten wird nur Gott es sein, der ein Gebet, ein Opfer oder eine großzügige Geste zu bewerten weiß. Und das genügt. «Dein Lächeln kann für dich manchmal die beste Abtötung und sogar die beste Buße sein: dieses alter alterius onera portate (Gal 6,2), dieses die Lasten der anderen Tragen, wobei du danach trachtest, dass deine Hilfe unbemerkt bleibt, dass man dich nicht lobt, dass niemand sie sieht und so ihr Verdienst vor Gott nicht verlorengeht»2, – so schreibt der heilige Josefmaria. Damit bleibt es verborgen, wie das Salz. Auf diese Weise würzt der Christ die ganze Umgebung. Es gelingt ihm, dass alles«übernatürlich liebenswert und schmackhaft wird»3.

«AUCH füllt man nicht jungen Wein in alte Schläuche. Sonst reißen die Schläuche, der Wein läuft aus und die Schläuche sind unbrauchbar. Jungen Wein füllt man in neue Schläuche, dann bleibt beides erhalten» (Mt 9,17). Unter Schlauch verstand man eine Art Ledertasche. Sobald die Tasche gegerbt war, wurde sie rundum zugenäht, wobei nur eine Öffnung am Hals verblieb, wo man die aufzubewahrende Flüssigkeit einfüllte. Der junge Wein wurde in solche Schläuche abgefüllt und abgelagert. Im Zug der Fermentierung des Weins dehnte sich der Schlauch wegen der Gasbildung aus. Ein alter Schlauch aber wurde hart und verlor an Elastizität. Wenn man also neuen Wein in alte Schläuche abfüllte, konnte die Fermentierung des Weins zum Reißen des Schlauches führen, so dass sowohl der Schlauch als auch der Wein verloren gingen.

Jesus bringt immer neuen Wein. Dieser neue Wein ist der Heilige Geist, die Gute Nachricht über die Erlösung. Das beste Zeichen über die Gegenwart des Heiligen Geistes in einem Menschen ist dessen Freude. Es ist kein Zufall, dass Jesus sein öffentliches Leben damit beginnen wollte, im Rahmen einer Hochzeitsfeier Wasser in erlesenen Wein zu verwandeln. Christus ist dazu gekommen, uns mit einem unser Herz erfreuenden Leben zu erfüllen, so wie der Wein bei einem Festessen zu froher Stimmung beiträgt. Diesen neuen Wein aber muss man in neue Schläuche – in unsere Herzen – gießen. Darum bereitet Jesus die Herzen seiner Jünger darauf vor, damit sie die Kraft der Neuigkeit seines göttlichen Lebens auszuhalten vermögen.

Die Lehren von gewissen Schriftgelehrten und Pharisäern Israels, mit ihrer Kasuistik und bloß äußerlicher Überwachung, sind manchmal so wie alte Schläuche. Das neue Leben der Christen geht durch das Prinzip der Innerlichkeit weit darüber hinaus. Um mit neuem Wein erfüllt zu werden, muss das Herz das Zuhören erlernen und dem Heiligen Geist gegenüber fügsam sein, der die Quelle ständiger Erneuerung ist. Deshalb können wir die heiligste Jungfrau bitten, dass sie uns ein Herz wie das ihre verleihe, fähig, sich dem neuen Wein dem in uns wirkenden Leben Gottes zu öffnen.


1 Papst Franziskus, Angelus, 13-XII-2020.

2 Hl. Josefmaria, A solas con Dios, (Allein mit Gott), Nr. 122.

3 Ebd.