Bischof Fernand Franck, Erzbischof von Luxemburg. Rom, 8. Oktober 2002

Die Heiligen sind ein Geschenk Gottes an seine Kirche. Sie führen uns vor Augen, dass es möglich ist, zu jeder Zeit und in jeder Situation das Evangelium zu leben. Die Heiligen haben somit für uns Modellcharakter.

Noticias

Die Heiligen sind ein Geschenk Gottes an seine Kirche. Sie führen uns vor Augen, dass es möglich ist, zu jeder Zeit und in jeder Situation das Evangelium zu leben. Die Heiligen haben somit für uns Modellcharakter. Sie sind Boten Gottes, die das Evangelium der ganzen Kirche in neuer Aktualität verkünden. Sie zeigen uns auf vielfältige Weise auf, dass ein Leben in Vereinigung mit Jesus Christus zu allen Zeiten, unter den verschiedensten Umständen und auf mancherlei Weise möglich ist.

In diesen Tagen danken wir Gott in besonderer Weise für das Geschenk des heiligen Josemaría Escrivá, dem Gründer des Opus Dei.

So wie der Herr die Apostel erwählte, die er haben wollte, um sie zu senden, so beruft er auch heute Menschen, die er haben will, um sie zu senden. Der heilige Josefmaria ist ein besonderer Gesandter Gottes für unsere Zeit. Er hat von Gott einen ausdrücklichen, von der Kirche mehrfach bestätigten Auftrag erhalten, der weit über die Grenzen seines Lebensraumes und seiner Epoche, ja seines Jahrhunderts hinausragt.

Von frühester Jugend an hat Gott den heiligen Josefmaria für seine Aufgabe vorbereitet, dabei bediente er sich scheinbar belangloser Ereignisse. In diesen scheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten sah unser Heiliger den Finger Gottes.

Als Sechzehnjähriger fesselten ihn Spuren von den nackten Füßen eines Karmelitermönches im frischen Schnee, die sich tief in seinem Herzen eingeprägt haben, wie er selber versicherte. In ihm kam damals die Frage hoch: „Wenn dieser Karmeliter bereit ist ein derartiges Opfer aus Liebe zu Gott zu bringen, was tue ich dann für ihn?“ Bereits damals hatte er eine Vorahnung der großen Liebe Gottes. Über jene Zeit sagt er: „Ich denke zurück an so viele göttliche Liebeserweise in den Jahren meiner Jugend, damals, als ich ahnte, dass der Herr etwas von mir wollte, ich jedoch nicht wusste, was es war.“ (Dennis M. Helming, Fußspuren im Schnee. Eine Bildbiographie, S.12)

Damals erahnte er nicht, dass er zur Spur Gottes für unzählige Menschen auf der Straße ihres Lebens werden sollte.

Er ist zu einer leuchtenden Kielspur geworden, weil er den Menschen aufzeigt, dass Heiligkeit nicht eine Sache weniger Privilegierter ist, dass Heiligkeit nicht das Ungewöhnliche ist, sondern das Normale sein kann. Wenn es wie im 1. Brief an die Thessalonicher heißt: „Das ist, was Gott will: eure Heiligung“ (1 Thess 4,3), dann muss die Heiligkeit auch für alle erreichbar sein. „Dieser Auftrag“, schreibt der Heilige Vater in Novo Millennio ineunte, „betrifft nicht nur einige Christen: ‚Alle Christgläubigen jeglichen Standes oder Ranges sind zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen‘.“ (N.M.I., Nr, 30 (LG 40))

In Novo Millennio Ineunte zeigt der Heilige Vater pastorale Prioritäten für das neue Jahrhundert auf und er schreibt „Ohne Umschweife sage ich vor allen anderen Dingen: Die Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt HEILIGKEIT.“ (NMI, Nr. 30) Um auf dem Weg zur Heiligkeit voranzuschreiten unterstreicht Johannes Paul II. - wie übrigens auch der heilige Josemaría - die Notwendigkeit des Gebets, der Spiritualität, der sonntäglichen Eucharistiefeier und des Empfanges des Sakramentes der Versöhnung (NMI, Nr. 32, 33, 34, 35, 36, 37). Wo geschieht Heiligkeit?

Der Ort, wo das geschehen soll, ja der einzige Ort, wo es geschehen kann, ist das tägliche Leben. Der Weg des Christen zu Gott läuft nicht beziehungslos neben dem eigenen Lebensweg, sondern beide verschmelzen zu einer Einheit. Jesus Christus ist, wie der heilige Josefmaria stets wiederholt hat, „vollkommener Gott und vollkommener Mensch“. Wie die göttliche und die menschliche Natur unseres Herrn ohne jede Vermischung sich in der Person des ewigen Wortes vereinen, so wird in ähnlicher Weise der irdische, alltägliche Lebensweg des Menschen zum Weg, der in den Himmel führt. Der heilige Josefmaria sagte: „Für euch, Männer und Frauen der Welt, steht jede Flucht vor den ehrbaren Wirklichkeiten des alltäglichen Lebens im Gegensatz zum Willen Gottes.“ (Gespräche …, Nr. 114).

Auf rechte Weise verstanden, trennt uns die Welt nicht von Gott. Gerade das Gegenteil ist der Fall: Alles ehrbare weltliche Tun kann Mittel zu unserer Heiligung sein. Ja, es ist in gewisser Hinsicht unverzichtbares Mittel für ihre Erlangung: „Entweder lernen wir den Herrn in unserem alltäglichen Leben zu entdecken oder wir werden ihn niemals finden“ (Gespräche …, Nr. 114) , sagte der Heilige, und ganz klar unterstreicht er: „ Willst du wirklich ein Heiliger werden?- Dann erfülle die kleinen Pflichten jeden Augenblicks: tu das, was du tun sollst und sei in allem, was du tust. Tu alles aus LIEBE. Dann gibt es keine kleinen Dinge, alles wird groß. Die Ausdauer in den kleinen Dingen, aus LIEBE, ist Heroismus.“ (Der Weg, Nr. 815, 813)

Sicher ist das kein leichter Weg, aber er ist mit der Gnade Gottes möglich zu gehen. Also ist der Ort, an dem sich diese Angleichung des gewöhnlichen Christen an Christus vollzieht, der Alltag, der Beruf, die Familie, die Freizeit, das normale Leben. Dort wartet Gott auf uns, und dort müssen wir ihm begegnen.

„Heiligkeit: ein Mosaik aus unzähligen Steinchen großzügiger Hingabe. - Unsere Aufgaben bis zum letzten erfüllen, und das Tag für Tag mit Beständigkeit, darin besteht der Heroismus, der von uns bei der Arbeit verlangt wird. Einen anderen Weg, heilig zu werden, gibt es für uns nicht.“ (Die Spur des Sämanns, Nr. 529)

Einmal gefragt, welches, in dem Haus wo er wohnte, das schönste Oratorium wäre, antwortete der heilige Josefmaria spontan: „die Straße.“ (Guillaume Derville, Prier 15 jours avec Josemaría Escrivá, Nouvelle Cité, S. 51)

Aus dieser Antwort ersehen wir, wie positiv der heilige Josemaría zur Welt steht. Der Heilige ist von einem regelrechten „Welt-Enthusiasmus“ durchdrungen, aber nicht auf eine naive Weise. Er war weder Optimist noch Pessimist, aber christlicher Realist. Er weiß um die Folgen der Sünde und um die Gefahr der Verweltlichung, aber - und das ist für seine positive Haltung der Welt gegenüber ausschlaggebend, er weiß auch, dass Gott die Welt liebt. Er behauptet: „Die Welt ist nicht schlecht, denn sie ist aus den Händen Gottes hervorgegangen. Sie ist Gottes Werk, und Gott betrachtete sie und sah, dass sie gut war.“ (Gespräche …, Nr. 114) -“ Die Welt wartet auf uns. Ja wir lieben sie leidenschaftlich, denn ihr Schöpfer hat uns darüber belehrt: ‚Sic Deus dilexit mundum …‘“( Die Spur des Sämanns, Nr. 290) - so sehr hat Gott die Welt geliebt. „Lege alles in deine Hoffnung hinein, die ja die Hoffnung auf Christus ist: die ganze Welt und alle menschlichen Werte, die sich so machtvoll anziehen: Freundschaft, Kunst, Wissenschaft, Philosophie, Theologie, Sport, Natur, Kultur - die Seelen.“ (Die Spur des Sämanns, Nr. 293)

An und für sich geht es dem heiligen Josemaría um ein Doppeltes: die persönliche Heiligung des Einzelnen und die Heimholung der Welt zu Gott. Bei seinem Pastoralbesuch in Luxemburg, im Jahre 1985, sagte der Heilige Vater in einer Predigt: „Werft für Christus eure Netze aus! Tragt seine Frohe Botschaft in alle Bereiche der Schöpfungswirklichkeit: in die Gemeinden, in Staat und Gesellschaft, in die Welt der Arbeit, in Erziehung und Schule, in das kulturelle und wissenschaftliche Schaffen, in die Welt der Presse und der Medien, in Sport und Freizeit, in die Gestaltung des öffentlichen Lebens. Nicht um diese Bereiche zu beherrschen, sondern um alles auf das wahre Wohl des Menschen auszurichten. Das Evangelium bringt ja die Dinge zu ihrer letzten Wahrheit und öffnet sie auf Gott hin, so dass der Mensch in ihnen zu seiner wahren Vollendung gelangen kann.“ (De Poopst Jean Paul II zu Lëtzebuerg de 15. an 16. Mee 1985, S. 202)

Der heilige Josefmaria zeigt in seinem Charisma einen für alle Menschen gangbaren Weg auf, dies zu verwirklichen.

Wer entschlossen ist, diesen Weg, den unser Heiliger aufzeigt, zu gehen, muss sich von Anfang an bewusst sein, dass er auf diesem Weg dem gekreuzigten Herrn begegnet. Das Kreuz ist eine Wirklichkeit in unserem Leben, der wir immer wieder begegnen. Dieses Kreuz, wie auch immer es sich uns zeigt, sollen wir immer, sofort und mit Freude bejahen. Wir wären gut beraten, so wie der heilige Josemaría sich den Ruf des blinden Bartimäus zu eigen machte, immer wieder zu beten: „Herr, lass mich sehen“, um dann auch wie er in voller Großherzigkeit zu sagen: „Domine, ut sit!“ - Herr, gib, dass sich erfüllt, was Du willst. Und wieder gibt uns der Heilige einen guten Rat: „Siehst du einmal ein einfaches, armseliges Holzkreuz, einsam, unbeachtet, ohne jeden Wert ... und ohne Christi Leib, so vergiss nicht, dass dieses Kreuz dein Kreuz ist. Das Kreuz des Alltags, im Verborgenen, ohne Glanz und ohne Trost, das auf den Gekreuzigten wartet, der ihm fehlt: und dieser Gekreuzigte sollst du sein.“ (Der Weg, Nr. 178)

Liebe Schwestern, liebe Brüder! In der Heiligsprechung des seligen Josefmaria am Anfang dieses neuen Jahrtausends sehe ich ein Signal, das die Kirche setzt, um die vom Heiligen Vater immer wieder geforderte Neuevangelisierung voranzutreiben. Durch sein Leben und seine Lehre, ja durch sein Zeugnis, zeigt der heilige Josefmaria auf, wie die Verbundenheit mit Christus von allen Gliedern seines Leibes, der die Kirche ist, gelebt werden kann, ja wie Heiligkeit möglich ist.

Nach seinem Beispiel und gestützt auf seine Fürsprache stellen wir uns neu dem Aufruf des Heiligen Vaters: „DUC IN ALTUM!“ (NMI, Nr. 1 ) „Gehen wir voll Hoffnung voran! Ein neues Jahrtausend liegt vor der Kirche wie ein weiter Ozean, auf den es hinauszufahren gilt. Dabei zählen wir auf die Hilfe Jesu Christi. Der Sohn Gottes der aus Liebe zum Menschen vor zweitausend Jahre Mensch wurde, vollbringt auch heute sein Werk. Wir brauchen aufmerksame Augen, um es zu sehen, und vor allem ein großes Herz, um selber seine Werkzeuge zu werden ... Nun fordert uns Christus, den wir in Liebe betrachten, noch einmal auf, uns auf den Weg zu machen.“ (NMI, Nr. 58)

Amen.