Die Liebe stärken: der Wert der Schwierigkeiten

"Wer liebt ist verletzlich. Doch in einer authentischen Ehe kann die Verletzlichkeit, weil sie beidseitig ist, ohne Angst angenommen werden". Die Geschichte einer Liebe ist immer auch von schwierigen Momenten geprägt.

Menschliche Liebe
Opus Dei - Die Liebe stärken: der Wert der Schwierigkeiten

Der hl. Josefmaria erinnert uns: „Die Eheleute sind dazu berufen, ihre Ehe und dadurch sich selbst zu heiligen; deshalb wäre es falsch, wenn sie ihr geistliches Leben abseits und am Rande ihres häuslichen Lebens führten.“ 1

Niemand heiratet, um sich scheiden zu lassen. Niemand bringt ein Kind zur Welt, damit es unglücklich wird. Trotzdem begegnen wir in der Realität jeden Tag schwierigen Situationen, die niemand gewollt hat, die aber solche offensichtlichen Tatsachen Lügen zu strafen scheinen.

Eine schwindelerregende Entscheidung

Sicher ist es keine leichte Entscheidung, jemanden auf Lebensdauer zu heiraten. Wie jede endgültige Verpflichtung ruft sie ein existentielles Schwindelgefühl hervor. Wenn man diese Entscheidung aber einmal entschlossen und ganz bewusst getroffen hat, dann verschwindet dieses Gefühl und verwandelt sich in freudige Sicherheit.

Die Freiheit hatte das Wort. Als wacher Mensch entdeckt man dann neue Horizonte der Freiheit. Es hat keinen Sinn, dass man ständig an Vergangenes denkt, an das, was man hinter sich gelassen hat. Die Zukunft liegt offen vor uns und bietet neue Perspektiven persönlichen Wachstums, zu denen sich ein liebender Mensch hingezogen fühlt. In Bezug auf die Liebe haben wir nun selbst die Zügel in der Hand und sind nicht den Umständen ausgeliefert.

Natürlich ist dieser Weg nicht ohne Dornen. Man ahnt schon, dass es Schwierigkeiten geben wird. Aber nach diesem Ja, das kein Zurück mehr erlaubt, verspürt man auch den Mut, sich ihnen entgegenzustellen. Das Leben hat einen Sinn bekommen, und man entdeckt eine neue Aufgabe, die der gesamten Existenz neues Licht verleiht.

Manche Menschen versuchen, aus Angst vor diesen Dornen einer dermaßen tiefen Liebe auszuweichen. Das ist verständlich. Die Liebe ist paradox, denn einerseits macht sie uns stark, um Zweifeln, Hindernissen und Konflikten entgegenzutreten, die im Verlauf des Lebensweges auftauchen können. Aber andererseits macht sie uns auch verletzlich und bringt unsere Schwachpunkte offen zutage. Wer liebt, der setzt sich Schmerzen aus, weil die Menschen, die wir lieben, uns auch Leid zufügen können.

Einige orientalische Techniken oder Philosophien bieten uns einen anderen Weg an: empfinde nichts, dann wirst du nicht leiden. Allerdings ist die Abwesenheit von Schmerz nicht gleichbedeutend mit Glück. Wer liebt, wird ganz bestimmt verletzbar. Aber in einer wirklichen Ehe akzeptiert man die Verletzlichkeit ohne Angst, weil sie auf Gegenseitigkeit beruht. Ich schenke mich meinem Partner, und ich weiß, dass er sich mir schenkt. Meine Verletzlichkeit gewinnt Stärke in seinen Händen, und seine Hingabe wird stark in meinen Händen.

Die erste Bedingung, um die Schwierigkeiten in der Ehe zu überwinden, besteht darin, sich nicht zu wundern, wenn sie eines Tages auftauchen. Unsere Liebe wird da irgendwann einmal durch müssen. Es ist wie beim Aufstieg auf einen Berg. Wenn man das Ziel klar vor Augen hat, dann gehören die Schwierigkeiten des Aufstiegs dazu und die Herausforderung besteht darin, sie mit Geschick und Seelenstärke zu überwinden. Papst Franziskus hat in diesem Zusammenhang gesagt: „Die Männer und Frauen, die mutig genug sind, diesen Schatz in den »zerbrechlichen Gefäßen« unserer Menschennatur zu tragen, sind eine wesentliche Ressource für die Kirche, und auch für die ganze Welt!“ 2

Die Schwierigkeiten, die im Eheleben und in der Familie auftauchen können, kann man in drei Gruppen einteilen: solche, die aus der Umgebung kommen, solche, die von den Kindern herrühren und die Schwierigkeiten, die die Ehe selbst betreffen. Für ihre Überwindung schlage ich in allen drei Fällen den gleichen Weg vor, nämlich die Einheit: Familiäre Einheit, Einheit innerhalb der Ehe und Einheit im persönlichen Leben.

Schwierigkeiten in der Umgebung: familiäre Einheit

Unter Umgebung meine ich hier das nächste Umfeld, ausgenommen die allerengste Familie. Es kann sich um Probleme am Arbeitsplatz oder um finanzielle Schwierigkeiten handeln, um eine Erkrankung des Vaters oder der Mutter, um Streit mit Angehörigen oder Freunden.

Der sicherste Bezugspunkt für die Bewältigung solcher Schwierigkeiten, für die es wegen ihrer Verschiedenheit keine einheitlichen Lösungen gibt, ist die familiäre Einheit. Am besten begegnet man ihnen, indem man sie in die Familiendynamik einbezieht. Man darf nicht zulassen, dass sie von außen her die eigene Persönlichkeit aus dem Gleichgewicht bringen.

In der Familie vervielfachen sich die Freuden, die Schmerzen hingegen teilt man miteinander. Wenn die Bedrohung der Familie von außen kommt, dann muss ihr die gesamte Familie entgegentreten, wobei jeder Einzelne seinem Niveau und seinen Möglichkeiten entsprechend seinen ganz persönlichen Blickwinkel und seine Unterstützung einbringt. Die Einheit der Familie muss der Bezugspunkt für jede Fragestellung, für jeden Lösungsvorschlag und jede Sicht der Dinge sein.

Oft eignen sich gerade die Schwierigkeiten besonders dazu, die Kinder zum Erwerb der grundlegenden Tugenden für die Persönlichkeitsentwicklung zu erziehen: Vertrauen, Demut, Nüchternheit, gegenseitige Hilfe usw.

Schwierigkeiten mit den Kindern: Einheit des Ehepaars

Wenn die Probleme von den Kindern herrühren, dann liegt die Lösung immer in der Einheit des Ehepaars. Während langer Zeitspannen können die Kinder zu einer ständigen Quelle ehelicher Zwistigkeiten werden.

Bei Schwierigkeiten mit den Kindern muss die erste Sorge immer dem Ehepartner gelten. Als Erstes muss die Liebe zueinander wachsen. Was auch immer mit einem Kind passieren mag, der sicherste Weg, um ihm bei der Überwindung seines persönlichen Konfliktes zu helfen, besteht darin, ihm die gegenseitige Liebe seiner Eltern möglichst deutlich vor Augen zu führen, und dann natürlich auch ihre Liebe zu ihm selbst.

Erst dann kommen Ratschläge, Techniken, das ständige Gespräch der Ehepartner miteinander, die gegenseitigen Pflichten, die gelassene Analyse der Fakten, professionelle Hilfe und alles Weitere. Aber die allererste Bedingung dafür, dass man dem Kind Sicherheit und die richtige Einstellung vermitteln kann, besteht in der Liebe der Eltern zueinander.

Wenn unsere Kinder ganz klar und deutlich und fast greifbar diese Priorität vor Augen haben (zuerst kommt dein Vater; zuerst kommt deine Mutter), dann haben wir die Grundlage geschaffen, um jedwedes Problem zu lösen, welcher Art es auch immer sein mag.

Schwierigkeiten in der Ehe: Einheit im persönlichen Leben

„Das kostbarste Geschenk, das mir die Ehe gebracht hat, war die Gelegenheit zum ständigen Zusammenstoß mit einem Menschen, der mir nah und vertraut, gleichzeitig aber völlig verschieden von mir und sehr standfest, also mit einem Wort sehr real war“ 3, meint C. S. Lewis. Es kann der Moment kommen, in dem das eheliche Einvernehmen getrübt oder schwierig wird. Dabei können verschiedene Umstände von größerer oder geringerer Intensität und Dauer eine Rolle spielen. Manchmal bringt ein kleiner Tropfen das Glas zum Überlaufen und entfesselt einen Sturm: „Ein Ehepaar beginnt zu schimpfen und zu streiten. Weder der Mann noch die Frau haben das Recht, zu streiten. Der Stolz ist ein Feind der ehelichen Treue.“ 4

Die Einheit der Person ist hier gleichbedeutend mit einem Leben, das echt ist, also mit der Redlichkeit im Denken, im Bereich des Willens, der Gefühle, des gesamten Lebens. Bei jeder Schwierigkeit in der ehelichen Beziehung muss man die Versuchung von sich weisen, mit dem eigenen Ich und mit den eigenen Wunschvorstellungen total zu brechen. Wohl müssen wir unser Leben wieder neu ordnen, aber mit Hilfe der eigenen Substanz, und nicht der eines anderen Menschen. Die Verpflichtungen, die wir mit der Ehe eingegangen sind, haben uns von Grund auf umgeformt und wir sollten uns das Leben ohne sie oder ohne ihn gar nicht mehr vorstellen können

So sollte es immer sein. Wir sollten alles mit einem gewissen Weitblick betrachten, mit Großherzigkeit, mit einer großzügigen Sicht der Dinge. Wir dürfen in der Ehe ruhig ein bisschen Theater spielen und uns zur eigenen Hingabe zwingen, wenn das Gefühl nicht mitmacht. In Bezug auf Gott sagte der hl. Josefmaria, dass wir den bestmöglichen Zuschauer für diese bescheidene Vorstellung haben, nämlich die eigene Frau oder den eigenen Mann, und wenn man richtig an das Gefühl appelliert, dann stellt es sich immer ein.

Die Liebe stärken heißt, sie immer neu erwecken, jeden Tag auf unsere Lieben schauen: Habe ich ihr heute schon etwas Liebes getan? Hat sie es bemerkt? Und dann müssen wir uns selbst betrachten, denn es gibt nur einen Menschen, der beim Verbessern der Beziehung helfen kann: ich selbst. Ich selbst muss mich ändern und dann erst kann ich mit der neuen Sicht der Dinge, die mir meine Änderung verleiht, dem Partner helfen, das Gleiche zu tun. Wer soll den ersten Schritt tun? Die Antwort ist nicht neu: derjenige, der das Problem sieht, das heißt also: ich selbst.

Wenn man die Liebe wieder neu erlangen will, dann treten notwendigerweise eine bestimmte Tugend und eine Handlungsweise in Erscheinung: die Demut und die Vergebung. Die Demut ist nötig, damit man die eigenen Fehler anerkennt und gegebenenfalls um Hilfe bittet. Demut braucht es auch, damit man um Verzeihung bittet, Demut ist nötig beim Gewähren der Verzeihung und bei der Annahme der gewährten Verzeihung. Die Vergebung soll demütig gewährt werden, nicht in überheblicher Weise. Man soll großzügig und verständnisvoll verzeihen, so, wie es sich gehört, und ohne Worte sagen: „Ich brauche dich, um ich selbst sein zu können“, so wie es Jutta Burggraf beschrieben hat. 5
Javier Vidal-Quadras


1 Hl. Josefmaria, Christus begegnen , Nr. 23.

2 Papst Franziskus, Generalaudienz, 6.5.2015.

3 C. S. Lewis, Una pena en observación , Trieste, Madrid 1988, S. 24.

4 Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen von einem Familientreffen, 1.6.1974.

5 Burggraf, J. , „Aprender a perdonar”. Veröffentlichter Artikel in der Zeitschrift Retos del futuro en educación . Herausgeber O. F. Otero, Madrid 2004.


Fotos: Ismael Martínez Sánchez