Die eheliche Liebe als gemeinsames Projekt und gemeinsame Aufgabe

Das Geheimnis der Liebe besteht darin, den anderen glücklich machen zu wollen.

Menschliche Liebe
Opus Dei - Die eheliche Liebe als gemeinsames Projekt und gemeinsame Aufgabe

Die Einheit ist das Geheimnis für Vitalität und Fruchtbarkeit in allen Lebensbereichen. Zerfall ist das sicherste Zeichen des physischen Todes.

Wenn es um die Einheit von Mann und Frau geht, die eine Familie gründen wollen, dann muss diese Einheit nicht nur im biologischen, sondern auch im geistigen Bereich bestehen. Die eheliche Liebe beginnt zwar mit dem Gefühl, wird aber durch die Einheit der Ziele, Wünsche und Neigungen in einem gemeinsamen Lebensprojekt erst gefestigt. „Die leibliche Ganzhingabe wäre eine Lüge, wenn sie nicht Zeichen und Frucht personaler Ganzhingabe wäre, welche die ganze Person, auch in ihrer zeitlichen Dimension, miteinschließt. Wenn die Person sich etwas vorbehielte, zum Beispiel die Möglichkeit, in Zukunft anders zu entscheiden, so wäre schon dadurch ihre Hingabe nicht umfassend.“1

Wenn es keine Verliebtheit gäbe, könnte die Menschheit schwerlich überleben. Die Verliebtheit ist aber nur oder vorwiegend eine Vorstufe der dauerhaften Liebe. In der Liebe beständig zu bleiben, ist nicht nur ein Ideal oder eine Frage der guten Manieren, der Moral oder des Glaubens, sondern eine biologische Notwendigkeit, da sie die Grundlage der Familie bildet.

Beispielsweise ist die Geburt des Menschen ein völlig einzigartiger Vorgang, wenn man alle Tierarten miteinander vergleicht. Kurz vor der Geburt bewirkt eine Hormonausschüttung die Entwicklung des fötalen Gehirns, das ist ganz anders als bei den Säugetieren. Bei den Affen läuft eine mit der menschlichen Kindheit und Jugend vergleichbare Entwicklung bereits intrauterin ab, während wir Menschen sozusagen zu früh geboren werden und die Entwicklung der Kindheit und Jugend erst nach der Geburt im Schoß der Familie erleben.

Die Kinder lernen dank ihres mächtigen Gehirns die Dinge, die zum Leben gehören, laufend in Realzeit. Diese natürliche biologische Tatsache erfordert eine stabile Ehe. Daher sagen einige Autoren, dass die Unauflöslichkeit der Ehe eher eine natürliche Notwendigkeit ist, als eine kulturelle Tradition, eine Glaubensüberzeugung oder eine vom Staat eingeführte Maßnahme.

Wenn das anfängliche Gefühl der Verliebtheit schließlich in eine Ehe mündet, dann wird die Liebe zur Verpflichtung, sich auf Lebenszeit gegenseitig zu ergänzen. So findet jeder Ehepartner im anderen seine Erfüllung. Die Verpflichtung, die man damit eingeht, besteht nicht nur darin, „mit“ dem anderen, sondern für den anderen leben zu wollen. Das bedeutet, dass man die eigene Bestimmung zur Liebe, zum Glück, zum Himmel annimmt, indem man dem anderen das eigene Leben hingibt.

Die Kinder im gemeinsamen Lebensentwurf

In einer Familie ist die Erziehung der Kinder, falls vorhanden, sicherlich die wichtigste Aufgabe. Von klein auf müssen sie die spirituelle Einheit im Leben der Eltern spüren. „Vom ersten Augenblick an sind die Kinder unbestechliche Zeugen des Lebens ihrer Eltern (…) Deshalb beeinflusst alles, was zu Hause geschieht, eure Kinder im Guten oder im Schlechten. Bemüht euch, ihnen gutes Beispiel zu geben, verbergt eure Frömmigkeit nicht, bemüht euch um einen sauberen Lebenswandel (…). Ihr sollt daher inneres Leben haben und darum kämpfen, gute Christen zu sein.“2

Genauso wichtig wie Nahrung, Kleidung und die Wahl der Schule ist es, die Kinder in jenen Grundsätzen, Verhaltensformen und Überzeugungen heranzubilden, die ein erfülltes menschliches Leben möglich machen. Das Leben ist eine Einheit, und wenn wir den Kindern klare Kriterien mitgeben wollen, dann müssen sie täglich die gegenseitige Liebe ihrer Eltern und deren Übereinstimmung in Bezug auf die wichtigen Fragen in der Familie spüren. Und vor allem müssen sie auf verschiedenste Weise und in konkreten Details merken, dass sie so akzeptiert werden, wie sie sind. Die Kinder müssen aus der Art, wie sich die Eltern ihnen gegenüber verhalten, entnehmen können, dass sie ihre Existenz zutiefst bejahen: Wie gut und wie schön ist es doch, dass du bei uns bist und zu unserer Familie gehörst!

Wenn die Kinder in einer Atmosphäre leben, die von der Wirklichkeit und nicht von Launen geprägt wird, dann lernen sie leichter, sich selbst in den Griff zu bekommen und möchten später ihr Vorbild nachahmen. Sicherlich hat jedes Kind seine eigene Geschichte, an der es im Laufe des Heranreifens selbst schreibt, aber es ist auch erwiesen, dass es in einem konfliktreichen und instabilen Klima viel schwieriger ist, zu einer altersentsprechenden Reife zu gelangen. Der hl. Josefmaria rät diesbezüglich: „Argumentiere vernünftig mit ihnen, damit sie merken, dass sie ihr Verhalten ändern sollen, weil sie so Gott wohlgefällig werden.“3

Wenn die Kinder sehen, dass sich die Eltern gern haben, dann fühlen sie sich sicher. Das festigt ihren Charakter, sie wachsen gelassener auf und haben Energie. Wenn die Eltern außerdem versuchen, möglichst viel Zeit mit ihnen zu verbringen, dann lernen sie gewissenmaßen wie durch Osmose die Anforderungen der Hingabe an die anderen, sie werden von der zärtlichen Liebe der Eltern angesteckt und leiden so weniger unter Furcht und Ängsten.

Familie versus Individualismus

Die Familie entsteht aus dem Zusammenschluss zweier Menschen, die durch eine freiwillige Bindung eins werden. Damit die Liebe menschlich und frei sein kann, muss man darum kämpfen, die eingegangene Verpflichtung unter allen Umständen zu erfüllen.

Das Geheimnis der Liebe besteht darin, den anderen glücklich machen zu wollen. Wenn die Eltern so handeln, dann erlernen die Kinder die Liebe direkt an ihrem Ursprung. Es sind nicht zwei getrennte Projekte, die dann miteinander vereint oder vermischt wurden, sondern ein einziges, das das Leben beider Partner bereichert. Durch das gemeinsame Projekt erlebt jeder einzelne Partner in seinem Beruf, auch wenn er ihn mit Begeisterung ausübt, noch eine Steigerung. Wenn jeder bei seiner Arbeit an den anderen denkt, dann unterstützen sich Beruf und Familie gegenseitig und das schwierige Problem, wie sich Arbeit und Familie vereinbaren lassen, wird im Einklang mit der Familie gelöst.

In der Ehe entsteht dann eine Atmosphäre, die den egoistischen Individualismus ausschließt, und so wird die persönliche Reifung gefördert. Hier kommt der Frau eine besondere Rolle zu, wie Papst Franziskus sagt: „Die Mütter sind das stärkste Gegenmittel gegen die Verbreitung des egoistischen Individualismus. »Individuum« heißt »unteilbar«. Die Mütter dagegen »teilen« sich von dem Augenblick an, in dem sie ein Kind in sich empfangen, um es zur Welt zu bringen und heranwachsen zu lassen. Sie, die Mütter, sind es, die den Krieg, der ihre Kinder tötet, am meisten hassen.“4

Reife Männer und Frauen verstehen es, mit gesundem Menschenverstand die Achtung vor der Eigenständigkeit und Persönlichkeit des anderen zu praktizieren. Mehr noch: jeder lebt das Leben des anderen wie sein eigenes. In diesem Sinn sagt der Ausdruck „sie werden ein Fleisch sein“ schon alles.5 Das Gebot Gottes ist die Empfehlung für ein immerwährendes gemeinsames Leben, das eine totale und ausschließliche Hingabe beinhaltet. Man könnte sagen, es handelt sich um eine Berufung zur wahren Liebe, die sich dem anderen verpflichtet weiß. Gleichzeitig besteht freilich die Möglichkeit, dies alles zurückzuweisen. Aber wenn man freiwillig die Einladung dessen annimmt, der das Leben selbst ist, dann ist das Glück gesichert. „Wenn ein Mann und eine Frau das Sakrament der Ehe feiern, dann spiegelt Gott sich sozusagen in ihnen wider, prägt in sie die eigenen Züge und den unauslöschlichen Charakter seiner Liebe ein. Die Ehe ist das Bild der Liebe Gottes zu uns. Denn auch Gott ist Gemeinschaft: Die drei Personen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes leben seit jeher und für immer in vollkommener Einheit. Und eben das ist das Geheimnis der Ehe“.6 Die Familie, die sich an dieses Programm hält, muss das göttliche Leben in der Liebe und in überströmender Fruchtbarkeit nachahmen. Der individualistische Single, ob Mann oder Frau, ist genau das Gegenteil davon. Wenn ein Ehepaar leben möchte und Leben spenden möchte, dann muss es den Anweisungen folgen, die Gott am Anfang gegeben hat: „Seid fruchtbar und vermehrt euch“.7

Gottes Leben ist ständige Beziehung.8 Er wollte mit den Menschen einen Liebesbund eingehen. In der Ehe „wird ihr Liebesband zum Abbild und Symbol des Bundes, der Gott und sein Volk verbindet.“9 Daher ist die Ehescheidung so etwas Schwerwiegendes, unter welchem Gesichtspunkt auch immer man sie betrachtet.

Das Glück liegt in der ehelichen Treue. Gott ist uns gegenüber treu gewesen und hat uns alles erdenklich Gute geschenkt; an erster Stelle die eheliche Liebe und die Liebe der Kinder. Wenn die Kinder im Schutz der Treue der Eltern heranwachsen, dann lernen sie das Geheimnis des Glücks und des Sinns des Lebens.

Das Gebäude der Gesellschaft wird andererseits aus den Ziegeln aufgebaut, die die Familien sind. Das Fundament dieses Gebäudes besteht im gegenseitigen Vertrauen. Wenn sich in den Familien keine Treue, keine Achtung und kein Vertrauen finden, dann wird es diese Tugenden auch in der Gesellschaft nicht geben.

Mª Á. García / A. Segura

1 Hl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio, Nr. 11.

2 Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen von einem Familientreffen, 12.9.1972.

3 Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen von einem Familientreffen, 24.9.1972.

4 Papst Franziskus, Audienz, 7.1.2015.

5 Mt 19,6.

6 Papst Franziskus, Audienz, 2.4.2014.

7 Gen 1, 28 und 2, 24.

8 Vgl. Hl. Thomas von Aquin, Summa Theologiae, q. 40, a. 2 und 3.

9 Hl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio, Nr. 12.