Das Beste wählen - Was sollte man lesen? (II)

Der Dialog mit den Büchern und anderen Lesern vervielfältigt unsere Erfahrung bei der Lektüre: eröffnet Horizonte, erspart Ernüchterungen und optimiert unsere Lesezeit, die immer zu kurz ist.

Glaube im Alltag
Opus Dei - Das Beste wählen - Was sollte man lesen? (II)

Es gibt Bücher, die das Leben komplett verändern. So erging es dem hl. Augustinus, als er Ciceros Hortensius las, die Schrift, über die er später in seinen Bekenntnissen schrieb: „Sie wandelte meinen Sinn, kehrte, o Herr, mein Gebet zu dir und gab meinen Wünschen und meinem Sehnen eine andere Wendung (...), und ich machte mich auf, zu dir zurückzukehren“[1]. Sein Weg zu Gott nahm nach vielen Wendungen eine entschiedenere Richtung auf die Bekehrung zu, die auch mit einem Buch in der Hand schließlich besiegelt wurde. Eine Passage aus dem Römerbrief riss die letzte Mauer ein, die ihn noch zurückgehalten hatte[2].

Gute Funde mit anderen teilen

Auch wenn nicht alle Bücher, die wir lesen, einen so großen Einschnitt in unserem Leben markieren, so beeinflusst uns doch, was wir lesen. Es macht uns feiner oder grober, es öffnet unseren Horizont oder verengt ihn. Unsere Persönlichkeit wird, je länger desto mehr, geprägt von den Büchern, die wir gelesen, ebenso wie von denen, die wir nicht gelesen haben. Wer seinen Geist mit gut ausgewählter Lektüre nährt, dessen Blick öffnet sich für die Welt und die Menschen, er weiß sich mit der Komplexität der Dinge des Lebens auseinander zu setzen und entwickelt die notwendige Sensibilität, um Banales beiseite lassen zu können und dem Wesentlichen den richtigen Platz einzuräumen.

Nicht immer ist es leicht, Bücher zu finden, die unser persönliches Wachstum fördern, selbst wenn es sich nur um Unterhaltungsliteratur handelt. Deshalb ist es gut, auf den Rat anderer zurückzugreifen. Wenn man in einer fremden Gegend unterwegs ist, erhält man in der Regel wertvollere Auskünfte von Einheimischen als von einem Navigationsgerät. So wie wir uns von Experten orientieren lassen, können wir auch selbst anderen gute Bücher empfehlen, die wir gelesen haben.

Über Bücher, die man gelesen hat, zu reden, bereichert die Gespräche in der Familie und im Freundeskreis. Dadurch entstehen sogar Literarische Arbeitskreise oder andere kulturelle Aktivitäten, bei denen z. B. auch Literatur und Film miteinander verbunden werden können. Gute Bücher sollte man durch Mundpropaganda weiterempfehlen, darüber hinaus lohnt es sich, Lektürezirkel zu organisieren, gute Buchhandlungen zu unterstützen, Kontakte mit Buchhändlern zu pflegen und häufig das Gespräch mit ihnen suchen, das für beide Seiten bereichernd ist. Alle diese Initiativen dienen auch dazu, Maßstäbe zur Beurteilung bestimmter Bücher zu vermitteln. Groß ist die Zahl wertvoller Buchausgaben, die nach Themen, Altersstufen der Leser und Stilrichtungen eingeteilt sind. Die beste Sammlung ist sicher die, die sich jeder selbst macht, gemäß den Empfehlungen von Freunden mit ähnlichen Interessen, oder von Hinweisen in einem Vortrag, einer Vorlesung, einem Gespräch… Da wir nicht alles, was unser Interesse weckt, sofort lesen können, ist es sinnvoll, sich einen Lektüreplan zu machen, in den man die Empfehlungen aufnimmt. Er garantiert uns, dass kein Titel in Vergessenheit gerät und wir nicht nach dem Erstbesten greifen, das uns in die Hände fällt, wenn wir Zeit haben zu lesen.

Gute Bücher sollte man durch Mundpropaganda weiterempfehlen,

Das Internet – so sagt man – ist in gewissem Sinn eine riesige Wiederholungsmaschine. Schon nach der Erfindung des Buchdrucks stellte man fest: Je einfacher die Publikation von Texten, desto höher ist die Verbreitung mittelmäßiger oder banaler Bücher. Dennoch sind neben der großen Menge an wenig wertvollem Schrifttum, das manchmal mit bester Absicht produziert wurde, an eher verborgenen Stellen im Internet auch Seiten zu finden, die viel Aufschluss geben können über aktuelle Schlüsselthemen, die sogar über die Hintergründe informieren, nach denen viele öffentlichen Medien kaum fragen. Auch hier ist es gut, angeregt durch Ratschläge anderer und die eigene Erfahrung, sich diese Seiten bzw. Autoren zu merken, auf die wir immer wieder zurückgreifen wollen. Die Möglichkeiten, sich anzumelden, um bestimmte Inhalte oder Einzeltexte von Interesse offline lesen zu können, sind dafür eine wertvolle Hilfe. Das Netz ermöglicht außerdem den Zugriff auf einige klassische oder andere ältere Werke, die vergriffen oder in Buchhandlungen und Bibliotheken schwer zu finden sind.

Der Dialog mit den Büchern

Kritisieren, aus dem griechischen krinein, bedeutet ursprünglich unterscheiden, auswählen. Kritisch lesen heißt, jedem Buch das Beste zu entnehmen. Die Autoren sind – genau wie wir – durch ihren Kontext und den kulturellen Hintergrund ihrer Zeit geprägt. Beim Lesen ist es also gut, sich etwa zu fragen: Warum drückt sich der Autor so aus? Was sind die Ideale seiner Epoche, die er durch seine Personen vermittelt? Sind ihm allgemein gültige Werte wichtig, wie Freundschaft, Vergebung, Loyalität etc.? Natürlich geht es bei der Kritik nicht um eine negative Haltung aus Pessimismus oder Unsicherheit, sondern darum, Licht und Schatten des einzelnen Werkes zu erkennen und ggf. einige Ideen und Konzepte zurechtzurücken. So tritt man innerlich in einen Dialog mit dem Buch. Dieser kann sogar zum Dialog mit dem Autor führen. (In der Regel wissen Autoren Rückmeldungen der Leser zu schätzen.) Hier kann man die eigenen Überzeugungen kundtun. Einiges wird vielleicht aufgrund dieses Meinungsaustauschs korrigiert, anderes erhält neue Akzente. Für einen Christen besteht die beste Art, im guten Sinn Kritik zu üben darin, apostolisch motiviert zu lesen, d.h. nicht bloß zu lesen, um schöne Stunden zu verbringen, sondern auch mit dem Ziel, die Denkrichtungen unserer Zeitgenossen zu verstehen, um in der Lage zu sein, sie zu reinigen und mit den Werten des Evangeliums in Übereinstimmung zu bringen.

Wenn wir auf diese Weise lesen, wird uns die Lektüre helfen, gut durchdachte, feste und tiefe Überzeugungen zu gewinnen, Urteilskriterien zu erwerben und unsere eigene Persönlichkeit, den eigenen Stil zu entwickeln. Ähnlich ist es bei Filmen, die wir sehen: Wenn wir innerlich bewegt sind aufgrund der moralischen oder ästhetischen Werte, die wir darin verwirklicht sehen, dann erkennen wir bestimmte Aspekte unseres Lebens, unserer Weltsicht oder unseres Menschenbildes deutlicher. So schärft sich unser Urteilsvermögen für richtige Entscheidungen auf dem Hintergrund klarer Kriterien, die wir selbst erkannt und verstanden haben. Es entsteht eine persönliche Einstellung, die im christlichen Glauben wurzelt und zu einer vertieften Lebenseinheit führt.

Im Inneren geschieht etwas

Ein guter Leser greift immer wieder auf die Werke zurück, die ihn einmal beeindruckt haben. Eine wirksame Art dies zu tun besteht darin, sich Notizen zu machen, die uns erlauben, irgendwann wieder die Erinnerung an eine bestimmte Textstelle aufzurufen, die uns einmal Licht geschenkt hat. Diese Gewohnheit kann dazu beitragen, dass wir uns selbst besser verstehen und einen schärferen Blick bekommen für die Realität und die anderen Menschen. Manchmal würde man sich gerne genauer an eine Geschichte oder eine Textstelle erinnern, die einem früher gefallen hat. Wenn wir uns etwas dazu notiert haben, werden wir uns freuen können, sie wiederzufinden.

Wie bei allem, so geht es auch hier um das rechte Maß. Es ist gut, uns von unserem Gedächtnis überraschen zu lassen, das oft mehr behält, als wir denken. Jedoch hinterlässt die Lektüre eine viel tiefere Spur in dem Leser, der mit ihr in einen Dialog tritt. Oft ist es weniger sinnvoll, ganze Textpassagen abzuschreiben, als Eindrücke festzuhalten oder Deutungen in Worte zu fassen, die wir – wenn auch nur ungenau – zu erkennen meinen. Diese geduldige Arbeit bereichert unseren Weg durch Länder, Kulturen und Empfindungen. Denn auf diese Weise gehen sie nicht nur an uns vorüber, sondern formen unser Inneres und tragen dazu bei, dass wir die Wünsche, Sorgen und Fähigkeiten unserer Mitmenschen wahrnehmen. Wir lernen, die Welt besser zu verstehen und sind auf der Höhe der ständigen Herausforderung der Neuevangelisierung durch eine neue Inkulturation, zu der uns der Heilige Vater auffordert.

Persönliche Verantwortung

Im Rückgriff auf seine Erinnerungen an die Besuche mit jungen Leuten in Madrider Krankenhäusern erzählte der hl. Josefmaria einmal, wie sie versuchten, „den Kranken Gesellschaft zu leisten und ihnen kleine Dienste zu erweisen, zum Beispiel die Hände und Füße oder das Gesicht zu waschen, ihnen die Nägel zu schneiden, sie zu kämmen…Wir durften ihnen nichts zu essen mitbringen, das war verboten, dafür gaben wir ihnen immer etwas Gutes zu lesen“[3]. Als Seelsorger erinnerte er alle daran, Bücher mit Verantwortungssinn auszuwählen, weil sie tiefe Spuren in unserer intellektuellen und geistlichen Bildung hinterlassen. Der Katechismus erinnert uns in diesem Sinne daran, dass „das erste Gebot von uns verlangt, unseren Glauben zu nähren, ihn umsichtig und wachsam zu behüten und alles zurückzuweisen, was ihm widerspricht“[4]. So rät uns auch der Papst: „Wenn ich sehe, dass ein Programm mir nicht gut tut, meine Werte abbaut, mich vulgär werden lässt – auch in Schmutzigkeiten – dann muss ich den Kanal wechseln. Wie man es in meiner Steinzeit machte: Wenn ein Buch gut war, hast du es gelesen; wenn ein Buch schadete, warfst du es weg.“[5] Ein Buch lesen, Freunde auswählen, ins Kino oder ins Theater gehen – das sind für jeden Christen freie und verantwortliche Akte, die auch eine moralische Dimension haben[6].

Angesichts des Risikos der Unwissenheit und Oberflächlichkeit sollte man anraten, viel und breit zu lesen, d.h. verschiedene Autoren aus unterschiedlichen Bereichen. So bildet sich beim Leser eine offene Einstellung heraus, ohne unbegründete Vorurteile und Gemeinplätze, und er wird fähig, den Glauben überzeugend zu leben und darzustellen. Gleichzeitig führt die Verantwortung für die eigene Bildung dazu, Bücher von hoher Qualität zu lesen, das zu wählen, was dem menschlichen und übernatürlichen Wachstum wirklich dient. Ein weiser Rat in diesem Sinne lautet: „Bedeutende Bücher haben die Höflichkeit großzügiger Könige: Sie behandeln den Leser als ihresgleichen. Der mittelmäßige Autor versucht hingegen, ihn zu demütigen, um seine eigene Niedrigkeit zu verbergen.“[7]

Empfehlungen belesener Personen können helfen, einen eigenen Lektüreplan zu erstellen, der ermöglicht, unterschiedliche Autoren zu verstehen und zu wissen, welche ihrer Aspekte vielleicht unvollständig oder parteilich sind. Bei manchen Gelegenheiten kann uns ein freundschaftlicher Kommentar ein Werk entdecken lassen, das wir noch nicht kannten und das uns einen weiten kulturellen, intellektuellen oder spirituellen Horizont eröffnet. Oder er hilft uns, keine Zeit mit Lektüren zu verlieren, die dem friedlichen Zusammenleben abträgliche Einstellungen fördern, den Glauben attackieren, etc. Auch ist uns klar, dass bestimmte Bücher uns schaden können, weil uns noch die Bildung fehlt, um sie innerlich verarbeiten zu können – so wie es Brot gibt, das für unsere Zähne zu hart ist.

„Wenn ich sehe, dass ein Programm mir nicht gut tut, meine Werte abbaut, mich vulgär werden lässt – auch in Schmutzigkeiten – dann muss ich den Kanal wechseln. Wie man es in meiner Steinzeit machte: Wenn ein Buch gut war, hast du es gelesen; wenn ein Buch schadete, warfst du es weg.“ Papst Franziskus

Es ist gut, wenn wir die intellektuelle Demut besitzen, unsere Grenzen anzuerkennen. Das hat nichts mit Heuchelei zu tun, es ist vielmehr Klugheit. Mit der Hilfe anderer werden wir Alternativen finden, die unseren Interessen entsprechen: sinnvollere Lektüren, die uns vielleicht nach einiger Zeit – wenn nötig – ermöglichen, uns mit dem anderen Brot auseinanderzusetzen, das uns vorher geschadet hätte. Schließlich geht es darum, dass die Kultur, die wir uns durch Lektüre aneignen, den Lehren Jesu Christi entspricht und zu unserer Lebenserfahrung passt. Besonders anfällig für Irrtümer – wenn auch auf unterschiedliche Weise – ist sowohl derjenige, der Bücher liest, von denen abzuraten ist, als auch derjenige, der wenig liest.

Beraten und sich raten lassen

Aus dem Wert eines Ratschlages ergibt sich für uns, dass wir in diesem Bereich mitarbeiten müssen. Eine persönliche Empfehlung wird unseren Verwandten und Freunden am meisten helfen, gute Bücher zu lesen, die sie innerlich bereichern. Es lohnt sich auch, bei Initiativen mitzuarbeiten, die Bewertungen von Büchern, Filmen, kulturellen Veranstaltungen usw. abgeben. Die Mühe, einige Minuten darauf zu verwenden, die eigenen Eindrücke weiterzugeben, kann für viele eine Hilfe sein. Auch hier stimmt es, dass das Bessere manchmal Feind des Guten ist; denn eine kurze Rezension, die man sofort nach dem Lesen schreibt, ist mehr wert als ein lange geplantes Projekt in dieser Hinsicht, das schließlich nicht verwirklicht wird. Je mehr Leute bei solchen Initiativen mitarbeiten, desto objektiver und treffender wird die Bewertung. Informationen aus Zeitschriften, Kulturmagazinen usw. können auch sehr nützlich sein. Gute Kritiker sind leicht zu erkennen an ihrer seriösen Arbeit, ihrer soliden kulturellen und doktrinellen Bildung, an ihren begründeten Argumenten. Es gibt also die verschiedensten Quellen, die uns helfen können bei der Entscheidung, ein bestimmtes Buch zu lesen oder anzuschaffen.

Jedenfalls ist es sinnvoll, ablehnende oder oberflächliche Meinungen zurückzuweisen, wenn es um die Frage geht, ob man sich Orientierung holen soll. Die Tatsache, dass ein Buch auf eine bestimmte Weise bewertet wird, ist immer richtungweisend. Man braucht sich auch nicht zu wundern, dass manche Einschätzungen sich im Lauf der Zeit ändern, oder dass für eine Person nicht nachteilig ist, was anderen schadet. Bewertungen sind Hilfen zu verantwortlicher Auswahl, was nicht ausschließt, dass man in der geistlichen Leitung um Rat bittet, wenn man es für die eigene Seele braucht. Jedoch darf uns diese Beachtung der moralischen Bewertungen eines Kulturproduktes nicht vom Wesentlichen abbringen, nämlich der Wichtigkeit, überhaupt zu lesen und, im Rahmen unserer Möglichkeiten, viel zu lesen.

Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet das Gute! Meidet das Böse in jeder Gestalt![8] Offenheit des Herzens und Weite des Horizonts sind echt, wenn sie Ausdruck des Wunsches nach immer besserer Bildung sind, und der Freude daran, ehrlich und leidenschaftlich das Wahre und Schöne zu suchen und zu finden.

Text: Luis Ramoneda - Carlos Ayxelá

Fotos: Pingz Man / Nicki Man (cc)


[1] Hl. Augustinus, Bekenntnisse III, 4. 7

[2] Hl. Augustinus, Bekenntnisse VIII, 12. 29

[3] Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen aus einem Familientreffen, 20.12.1070

[4] Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2088

[5] Papst Franziskus, Ansprache, 6.6.2015

[6] Zu diesem Aspekt, vgl. Ángel Rodríguez Luno, Factores culturales de especial incidencia en la formación espiritual, Teil 2 („La lectura“), zu lesen bei collationes.org.

[7] N. Gómez Dávilla, Escolios a un texto implícito (Bd.1), Kolumbianisches Kulturinstitut, 1977, S. 325

[8] 1 Thess 5, 19-22