40. Vater unser im Himmel

Mit dem Vaterunser lehrt Jesus Christus, uns an Gott als Vater zu wenden. Es ist das Gebet der Kinder schlechthin.

Bausteine des Glaubens
Opus Dei - 40. Vater unser im Himmel

1. Jesus lehrt uns, uns an Gott als Vater zu wenden

Mit dem Vaterunser lehrt Jesus, uns an Gott als Vater zu wenden: »Zum

Vater beten heißt in sein Mysterium einzutreten, so wie er ist und

wie der Sohn ihn uns geoffenbart hat. „Der Ausdruck ‚Gott Vater’

war nie jemandem geoffenbart worden. Als Mose selbst Gott fragte, wie

er heiße, bekam er einen anderen Namen zu hören. Uns ist dieser

Name geoffenbart worden im Sohn, denn im Namen ‚Sohn’ liegt

bereits der neue Name Vater“ (Tertullian, De oratione,

3)« (Katechismus, 2779).

Indem Jesus das Vaterunser lehrt, gibt er seinen Jüngern auch zu verstehen, dass sie an seiner Stellung als Sohn teilhaben: »Durch die Offenbarung dieses Gebetes entdecken die Jünger ihre besondere Teilhabe an der Gottessohnschaft, von welcher der heilige Johannes im Prolog zu seinem Evangelium sagen wird: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,12). Daher beten sie zu Recht seinen Lehren gemäß: Vater unser«i.

Jesus Christus unterscheidet immer zwischen „meinem Vater“ und „eurem Vater“ (vgl. Joh 20,17). Wenn er betet, sagt er nie „Vater unser“. Das zeigt, dass seine Beziehung zu Gott absolut einmalig ist. Sie kommt nur ihm zu und sonst niemandem. Mit dem Gebet des Vaterunser will Jesus seinen Jüngern ihre Kindesbeziehung zu Gott bewusst machen, dabei gleichzeitig den Unterschied aufzeigen, der zwischen der natürlichen Sohnschaft und der göttlichen Adoptivkindschaft besteht, die uns Gott frei gewährt.

Das Gebet des Christen ist das eines Sohnes bzw. einer Tochter Gottes, die sich mit kindlichem Vertrauen an ihren Vater Gott wenden. Es »wird in den Liturgien des Ostens und des Westens mit dem schönen, ausgesprochen christlichen Ausdruck parrhesía umschrieben, der soviel bedeutet wie Einfachheit ohne Umweg, kindliches Vertrauen, freudige Zuversicht, demütige Kühnheit und Gewissheit, geliebt zu sein (vgl. Eph 3,12; Hebr 3,6; 4,16; 10,19; 1 Joh 2,28; 3,21; 5,14)« (Katechismus, 2778). Das Wort „parrhesía“ bezeichnet ursprünglich das Privileg des freien Wortes für griechische Bürger in der Volksversammlung. Es wurde von den Kirchenvätern verwendet, um das kindliche Verhalten des Christen gegenüber seinem Vater Gott auszudrücken.

2. Die Gotteskindschaft und die christliche Brüderlichkeit

Indem wir Gott unseren Vater nennen, bringen wir zum Ausdruck, dass uns die Gotteskindschaft durch eine reale, übernatürliche Bruderbeziehung mit Christus vereint, dem „Erstgeborenen von vielen Brüdern“ (Röm 8,29). Die Kirche ist diese neue Gemeinschaft Gottes mit den Menschen (vgl. Katechismus, 2790).

Die christliche Heiligkeit ist deshalb, obwohl sie persönlich und individuell ist, niemals individualistisch oder egozentrisch: »Wenn wir das Vaterunser aufrichtig beten, geben wir den Individualismus auf, denn die Liebe, die wir empfangen, befreit uns davon. Das „unser“ zum Beginn des Herrengebetes wie das „wir“ der letzten vier Bitten schließt niemanden aus. Damit es aufrichtig gebetet wird (vgl. Mt 5,23-24; 6,14-15), müssen unsere Spaltungen und Gegensätze überwunden werden« (Katechismus, 2792).

Die von der Gotteskindschaft gestiftete Brüderlichkeit erstreckt sich daher auf alle Menschen, denn in gewisser Weise sind alle Kinder Gottes – seine Geschöpfe – und zur Heiligkeit berufen: »Es gibt nur ein Volk auf Erden, das Volk der Kinder Gottes«ii. Deshalb muss sich der Christ solidarisch fühlen im Hinblick auf die Aufgabe, die ganze Menschheit zu Gott zu führen.

Die Gotteskindschaft drängt uns zum Apostolat, das notwendiger Ausdruck der Kindschaft und der Brüderlichkeit ist: »In deinem Denken sollen die anderen – vor allem aber diejenigen in deiner unmittelbaren Nähe – das sein, was sie wirklich sind: Kinder Gottes, ausgestattet mit aller Würde, welche dieser erhabene Titel verleiht. Den Kindern Gottes gegenüber müssen wir uns als Kinder Gottes verhalten; mit einer opferbereiten Liebe, die sich täglich in unzähligen kleinen Beweisen der Verständnisbereitschaft, des stillen Opfers, der unbemerkten Hingabe niederschlägt«iii.

3. Das Bewusstsein der Gotteskindschaft als Fundament des geistlichen Lebens

Wenn man die Gotteskindschaft intensiv lebt, wird sie »eine zutiefst in der Seele verwurzelte Haltung, die schließlich das ganze Dasein eines Menschen erfasst; sie ist gegenwärtig in allen Gedanken, in jedem Wunsch, in jeder Gemütsregung«iv. Es handelt sich um eine Wirklichkeit, die nicht nur unter besonderen Umständen, sondern ständig gelebt werden soll: »Wir sind nicht nur zeitweise Kinder Gottes, wenn es auch Zeiten gibt, die wir besonders diesem Gedanken widmen, um uns von dem Bewusstsein unserer Gotteskindschaft, die das Mark unserer Frömmigkeit ausmacht, durchdringen zu lassen«v.

Der heilige Josefmaria erklärt: »Der Geist des Opus Dei gründet auf der Gotteskindschaft. Alle Menschen sind Kinder Gottes. Ein Kind kann sich jedoch sehr verschieden seinem Vater gegenüber verhalten. Wir müssen uns bemühen, Kinder zu sein, die begreifen, dass der Herr – in seiner Liebe zu uns als seinen Kindern – will, dass wir in seinem Haus wohnen, inmitten dieser Welt, dass Er dafür gesorgt hat, dass wir zu seiner Familie gehören, dass Er alles mit uns und wir alles mit Ihm teilen, dass wir diesen familiären und vertrauensvollen Umgang mit Ihm haben, der uns erlaubt, wie ein kleines Kind um alles zu bitten, selbst um den Mond«vi.

Die christliche Freude wurzelt im Bewusstsein der Gotteskindschaft: »Die Freude ist die notwendige Konsequenz aus der Gotteskindschaft; denn wir wissen, dass Gott, unser Vater, uns ganz besonders liebt, uns annimmt, uns hilft, uns vergibt«vii. In der Verkündigung des heiligen Josefmaria tritt häufig die Freude zutage, die aus der Erwägung dieser Wirklichkeit kommt: »Aus Gründen, die hier nicht hingehören – Jesus, der vom Tabernakel aus auf uns herabschaut, kennt sie gut –, bin ich in meinem Leben zu einem besonders tiefen Bewusstsein der Gotteskindschaft geführt worden. Ich habe das Glück erfahren, mich im Herzen meines Vaters bergen zu dürfen, um von dort aus – auf dem Fundament seiner Liebe und meiner Demütigung – manches zu begradigen, mich zu läutern, dem Herrn zu dienen, alle Menschen zu verstehen und zu entschuldigen (...). Ich habe mir Mühe gegeben, mich im Laufe der Jahre immerfort auf diese frohmachende Wirklichkeit zu stützen«viii.

Eine der heikelsten Fragen, die sich dem Menschen bei der Betrachtung der Gotteskindschaft stellen, ist die Problematik des Bösen. Es gelingt vielen nicht, die Erfahrung des Bösen in der Welt mit der Sicherheit des Glaubens an die unendliche Güte Gottes in Einklang zu bringen. Allerdings lehren die Heiligen, dass alles, was sich im Leben eines Menschen ereignet, als etwas Gutes zu betrachten ist, weil sie den Zusammenhang zwischen der Gotteskindschaft und dem Heiligen Kreuz in seiner Tiefe verstanden haben. Das kann man etwa den Worten des heiligen Thomas Morus entnehmen, die er im Kerker im Londoner Tower an seine älteste Tochter gerichtet hat. Er fordert sie auf, sich durch nichts, was in der Welt geschieht, beunruhigen zu lassen, denn »es kann nichts geschehen, was Gott nicht will. Was immer er aber will, so schlimm es auch scheinen mag, es ist für uns dennoch wahrhaft das Beste«ix. Das Gleiche erklärt der heilige Josefmaria im Hinblick auf weniger dramatische Ereignisse, die für einen Christen aber sehr schlimm sein und ihn beunruhigen können: »Kummer? Konflikte wegen dieser oder jener Angelegenheit?... Siehst du nicht ein, dass dein Vater, Gott, es so will... und dass Er gut ist und dich – dich allein! – mehr liebt, als alle Mütter dieser Erde ihre Kinder lieben können?«x.

Für den heiligen Josefmaria ist die Gotteskindschaft nicht etwas Süßliches, das mit Leid und Schmerz nichts zu tun hat. Im Gegenteil, er behauptet, dass sie eng mit dem Kreuz verbunden ist, auf das alle, die Christus aus der Nähe folgen wollen, unvermeidlich stoßen werden: »Jesus betet im Ölgarten: Pater mi (Mt 26,39), Abba, Pater! (Mk 14,36). Gott ist mein Vater, auch dann, wenn Er mir Leid schickt. Seine Liebe ist zart, auch dann, wenn Er mich verwundet. Jesus leidet, um den Willen des Vaters zu erfüllen... Auch ich will den heiligsten Willen Gottes in der Nachfolge des Meisters erfüllen. Warum dann klagen, wenn Leid mich auf meinem Weg begleitet? Ich will darin das sichere Merkmal erkennen, dass ich Kind bin: Gott handelt ja an mir so, wie Er an seinem göttlichen Sohn gehandelt hat. Und wie Er darf ich dann unter Seufzern weinen, allein in meinem Gethsemani; doch auf der Erde liegend nehme ich meine Nichtigkeit an und aus der Tiefe meiner Seele dringt mein Ruf zu Gott: Pater mi, Abba, Pater, ... fiatxi.

Eine weitere wichtige Konsequenz aus dem Bewusstsein der Gotteskindschaft ist das kindliche vertrauensvolle Sich-Gott-Überlassen, das weniger auf persönlichen asketischen Kampf zurückzuführen ist – auch wenn dieser vorauszusetzen ist – als darauf, dass man sich Gottes Führung anvertraut, weshalb man von einem Sich-Gott-Überlassen spricht. Dabei handelt es aufseiten des Sohnes um eine aktive, freie und bewusste Haltung. Sie hat zu einer konkreten Art geführt, die Gotteskindschaft zu leben. Es handelt sich dabei nicht um den einzigen und auch nicht um einen für alle verpflichtenden Weg, den man „geistliche Kindschaft“ nennt. Diese besteht darin, dass man sich nicht nur als Sohn bzw. Tochter, sondern als kleines Kind versteht, das vor Gott äußerst hilfsbedürftig ist. Der heilige Franz von Sales drückt das so aus: »“Wenn ihr nicht einfach werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich meines Vaters eingehen“ (Mt 18,3). Solange ein Kind noch ganz klein ist, ist es ganz Einfachheit, es hat nur eine einzige Erkenntnis: die Mutter; nur ein Verlangen: die Brust der Mutter. An diese Brust gelegt und gebettet, ist es wunschlos. Die vollkommen einfache Seele hat auch nur eine Liebe: Gott. Und diese Liebe hat wiederum nur ein Verlangen: Ruhen an der Brust des himmlischen Vaters, dort als wahrhaft liebendes Kind wohnen, dem guten Vater alles Sorgen um das eigene Wohl überlassen. Sie ist nur noch auf eines bedacht: Sich dieses heilige Vertrauen zu erhalten«xii. Auch der heilige Josefmaria hat zu diesem Weg der geistlichen Kindschaft geraten: »Als Kinder habt ihr keinen Kummer. Kinder vergessen im Nu die unangenehmen Dinge und wenden sich wieder ihren gewohnten Spielen zu. – Deshalb braucht ihr euch um nichts zu sorgen, wenn ihr euch Ihm überlassen habt; denn ihr ruht im Vater«xiii.

4. Die sieben Bitten des Vaterunser

Im Gebet des Herrn folgen auf die einleitende Anrede „Vater unser im Himmel“ sieben Bitten. »Die ersten drei (...) betreffen die Ehre des Vaters: die Heiligung seines Namens, das Kommen seines Reiches und die Erfüllung des göttlichen Willens. Die vier weiteren Bitten bringen ihm Anliegen vor, die unser Leben betreffen: er möge uns Nahrung verschaffen, uns von Sünde heilen und uns im Kampf für den Sieg des Guten über das Böse beistehen« (Katechismus, 2857).

Das Vaterunser ist das Vorbild für jedes Gebet, wie der heilige Thomas von Aquin lehrt: »Das Gebet des Herrn ist nicht nur das vollkommenste ... In ihm wird nicht nur um alles gebeten, wonach wir in richtiger Weise verlangen können, sondern auch in derjenigen Reihenfolge, in der wir danach verlangen sollen; so lehrt uns dieses Gebet nicht bloß bitten, sondern formt auch unser ganzes Gemüt«xiv.

Erste Bitte: Geheiligt werde dein Name

Keine Kreatur kann die Heiligkeit Gottes vermehren. Daher ist das »Wort „heiligen“ (...) nicht so sehr im verursachenden (Gott allein heiligt, macht heilig), sondern vor allem im einschätzenden Sinn zu verstehen: etwas als heilig anerkennen und es so behandeln (...). Schon die erste Bitte des Vaterunsers nimmt uns in das innerste Mysterium der Gottheit und in die Taten des Heiles für die Menschheit hinein. Unsere Bitte, dass sein Name geheiligt werde, schließt uns in den „im voraus gefassten gnädigen Ratschluss“ (Eph 1,9) mit ein, „dass wir in Liebe heilig und untadelig vor Gott leben“ (Eph 1,4)« (Katechismus, 2807). Die erste Bitte fordert also, dass die göttliche Heiligkeit in unserem Leben immer mehr aufleuchtet: »Von wem könnte Gott geheiligt werden, der doch selbst heiligt? Aber weil er selbst gesagt hat: ‚seid heilig, weil auch ich heilig bin’ (Lev 11,44), flehen wir darum, dass wir, in der Taufe geheiligt, an dem festhalten, was wir zu sein angefangen haben. Und um das bitten wir Tag für Tag; denn uns tut tägliche Heiligung not, damit wir, die täglich sündigen, unsere Sünden durch beständige Reinigung wieder rein waschen ... Wir beten, damit diese Heiligung in uns bleibe«xv.

Zweite Bitte: Dein Reich komme

Die zweite Bitte drückt die Hoffnung auf eine neue Zeit aus, in der Gott von allen als König anerkannt wird, der seine Untertanen mit Wohltaten überhäuft. »Diese Bitte ist das „Marána tha“, der Ruf des Geistes und der Braut: „Komm, Herr Jesus!“ (Offb 22,20) (...). Das Gebet des Herrn handelt hauptsächlich vom endgültigen Kommen des Reiches Gottes durch die Wiederkunft Christi (vgl. Tit 2,13)« (Katechismus, 2817-2818). Andererseits ist das Reich Gottes in dieser Welt mit dem ersten Kommen Christi und der Sendung des Heiligen Geistes schon angebrochen. »“Das Reich Gottes ... ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm 14,17). Die letzten Zeiten, in denen wir stehen, sind die der Ausgießung des Heiligen Geistes. Damit hat ein entscheidender Kampf zwischen dem „Fleisch“ und dem „Geist“ begonnen (vgl. Gal 5,16-25). „Nur eine reine Seele kann mit Zuversicht sprechen: ‚Dein Reich komme’. Wer auf das Wort Pauli hört: ‚Die Sünde soll euren sterblichen Leib nicht mehr beherrschen’ (Röm 6,12), wer sich in seinem Handeln, Denken und Reden rein hält, kann zu Gott sagen: ’Dein Reich komme!’“ (Hl. Cyrill von Jerusalem, catech. myst. 5,13)« (Katechismus, 2819). In der zweiten Bitte geben wir unserem Wunsch Ausdruck, dass Gott durch die Gnade wirklich in uns herrschen möge, dass sich sein Reich Tag für Tag auf Erden weiter ausbreite und dass sich seine Herrschaft am Ende der Zeiten im Himmel über alle erstrecke.

Dritte Bitte: Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden

Es ist der Wille Gottes, „dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4). Jesus lehrt uns, dass in das Himmelreich nicht eingeht, wer schöne Worte macht, „sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt“ (Mt 7,21). Darum bitten wir »unseren Vater, unseren Willen mit dem seines Sohnes zu vereinen, damit wir seinen Willen, den Ratschluss des Heiles für das Leben der Welt, erfüllen. Aus uns selbst sind wir dazu völlig unfähig, aber mit Jesus vereint und mit der Kraft seines Heiligen Geistes können wir dem Vater unseren Willen übergeben und uns zu dem entschließen, wozu sich der Sohn entschieden hat: Das zu tun, was dem Vater gefällt (vgl. Joh 8,29)« (Katechismus, 2825). Wie ein Kirchenvater versichert, bitten wir im Vaterunser mit den Worten Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden »nicht etwa, dass Gott tun kann, was er will, sondern dass wir zu tun vermögen, was Gott will«xvi. Andererseits ersehnen wir mit den Worten im Himmel so auf Erden, dass sich der Wille Gottes, wie er sich an den Engeln und den Seligen im Himmel erfüllt hat, auch an uns, die wir noch auf Erden leben, erfüllen möge.

Vierte Bitte: Unser tägliches Brot gib uns heute

Diese Bitte ist Ausdruck unseres Vertrauens als Kinder Gottes. »Es ist unmöglich, dass der Vater, der uns das Leben gibt, uns nicht auch die zum Leben notwendige Nahrung, alle angemessenen materiellen und geistigen Güter gibt« (Katechismus, 2830). »Darum bezieht sich der besondere christliche Sinn dieser vierten Bitte auf das Brot des Lebens. Es ist das Wort Gottes, das wir im Glauben annehmen sollen, und der Leib Christi, den wir in der Eucharistie empfangen (vgl. Joh 6,26-58)« (Katechismus, 2835). Das Wort heute nimmt »erzieherisch das „Heute“ wieder auf (vgl. Ex 16,19-21), um uns in einem „unbedingten“ Vertrauen zu bestärken. Im qualitativen Sinn genommen, bedeutet es das Lebensnotwendige und, weiter gefasst, jedes Gut, das zum Lebensunterhalt genügt (vgl. 1 Tim 6,8)« (Katechismus, 2837).

Fünfte Bitte: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

Wir beginnen diese neue Bitte, indem wir zugeben, dass wir Sünder sind. Wir kehren »wie der verlorene Sohn (vgl. Lk 15,11-32) zu ihm zurück und bekennen uns vor ihm als Sünder, wie der Zöllner es getan hat (vgl. Lk 18,13). Unsere Bitte beginnt mit einer „Beichte“, in der wir zugleich unser Elend und Gottes Barmherzigkeit bekennen« (Katechismus, 2839). Aber diese Bitte wird nicht erhört werden, wenn wir nicht zuvor einer Forderung entsprochen haben: denen zu verzeihen, die uns beleidigt haben. Das ist so, weil »diese Barmherzigkeit nicht in unser Herz eindringen kann, bevor wir nicht unseren Schuldigern vergeben haben. Wie der Leib Christi ist auch die Liebe unteilbar. Wir können Gott, den wir nicht sehen, nicht lieben, wenn wir den Bruder und die Schwester, die wir sehen, nicht lieben (vgl. 1 Joh 4,20). Wenn wir uns weigern, den Brüdern und Schwestern zu vergeben, verschließt sich unser Herz und seine Härte wird undurchdringbar für die barmherzige Liebe des Vaters« (Katechismus, 2840).

Sechste Bitte: Führe uns nicht in Versuchung

Dieses Anliegen hängt mit der vorhergehenden zusammen, denn die Sünde ist eine Folge der freien Zustimmung zu einer Versuchung. Darum bitten wir »unseren Vater, uns nicht in Versuchung zu „führen“. (...). Wir bitten ihn, uns nicht den Weg beschreiten zu lassen, der zur Sünde führt. Wir stehen im Kampf „zwischen dem Geist und dem Fleisch“. So fleht diese Bitte (...) um den Geist der Unterscheidung und der Kraft« (Katechismus, 2846). Gott gibt uns immer seine Gnade zur Überwindung der Versuchungen. „Gott ist treu, er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung einen Ausweg schaffen, so dass ihr sie bestehen könnt“ (1 Kor 10,13). Um aber in der Versuchung immer siegreich zu bleiben, ist es notwendig zu beten. »Nun aber ist ein Sieg in einem solchen Kampf nur im Gebet möglich. Jesus besiegte den Versucher von Beginn an (vgl. Mt 4,1-11) bis zum letzten Kampf in seiner Todesangst (vgl. Mt 26,36-44) durch das Gebet. So vereint uns Christus in dieser Bitte zu unserem Vater mit seinem Kampf und seiner Todesangst (...). In der letzten Versuchung unseres Kampfes auf Erden wird die Ernsthaftigkeit dieser Bitte offenkundig; sie bittet um Beharrlichkeit bis zum Ende. „Siehe ich komme wie ein Dieb. Selig, wer wach bleibt“ (Offb 16,15)« (Katechismus, 2849).

Siebente Bitte: Erlöse uns von dem Bösen

Diese letzte Bitte ist Teil des hohepriesterlichen Gebetes Jesu an seinen Vater: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst“ (Joh 17,15). »In dieser Bitte ist das Böse nicht etwas rein Gedankliches, sondern bezeichnet eine Person, Satan, den Bösen, den Engel, der sich Gott widersetzt. Der „Teufel“ [diabolos] stellt sich dem göttlichen Ratschluss und dem in Christus gewirkten Heilswerk entgegen« (Katechismus, 2851). Ferner: »Wenn wir darum bitten, vom Bösen befreit zu werden, bitten wir auch um Befreiung von allen vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Übeln, deren Urheber und Anstifter der Böse ist« (Katechismus, 2854), besonders von der Sünde, dem einzigen wahren Übelxvii und der entsprechenden Strafe der ewigen Verdammnis. Alle anderen Leiden und Drangsale können zu Gütern werden, wenn wir sie annehmen und mit den Leiden Christi am Kreuz vereinen.

Manuel Belda

Grundlegende Literatur:

  • Katechismus der katholischen Kirche, 2759-2865.
  • Benedikt XVI, Jesus von Nazareth, Freiburg-Basel-Wien 2007, 5. Kapitel: Das Gebet des Herrn, S. 161-203.

Empfohlene Literatur:

  • Hl. Josefmaria, Homilien Umgang mit Gott, in Freunde Gottes, 142-153, und Auf dem Weg zur Heiligkeit, ebd., 294-316.
  • Albino Luciani, Vater unser, 2. Auflage, Graz-Wien-Köln 1995.

i Johannes Paul II., Ansprache, 1.7.1987, 3.

ii Hl. Josefmaria, Christus begegnen, 13.

iii Ebd., 36.

iv Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, 146.

v Ders., Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, 102.

vi Ders., Christus begegnen, 64.

vii Ders., Im Feuer der Schmiede, 332.

viii Ders., Freunde Gottes, 143.

ix Hl. Thomas Morus, aus einem Brief von Margarita Roper an Alice Allington [August 1534] über ein langes Gespräch mit ihrem Vater im Gefängnis (entnommen Katechismus, 313)

x Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, 929.

xi Ders., Der Kreuzweg, Betrachtungspunkt Nr. 1 zur I. Station.

xii Hl. Franz von Sales, Geistliche Gespräche, Band 2 der deutschen Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales, Eichstätt 1958, S. 183f., Nr. 13,16-17).

xiii Hl. Josefmaria, Der Weg, 864.

xiv Hl. Thomas von Aquin, Summa theologiae, II-II, 83,9.

xv Hl Cyprian, De dominica oratione, 12 (zitiert nach Katechismus, 2813).

xvi Ebd., 14.

xvii Vgl. hl. Josefmaria, Der Weg, 386.