Wie Maria nach innen schauen

Zum Hochfest vom 8. Dezember eine Betrachtung von Josef Arquer


Betrachtungen zum Kirchenjahr
Opus Dei - Wie Maria nach innen schauen

Zwei banal gewordene Redensarten enthüllen ihre ursprüngliche Schönheit und poetische Dichte, wenn wir sie auf Maria im Advent beziehen: Sie ist „guter Hoffnung", und das Kind in ihrem Schoß wird bald „das Licht der Welt erblicken".

In der einen oder anderen Weise, je nach dem persönlichen Empfinden kann unser Advent ein Versuch werden, der Muttergottes im Alltag näher zu kommen als sonst und sie innerlich auf dem Weg zur Weihnacht zu begleiten. Maria regt dazu an, denn „ die Augen ihres Herzens richten sich in gewisser Weise schon bei der Verkündigung auf ihn, als sie ihn durch das Wirken des Heiligen Geistes empfängt. In den folgenden Monaten beginnt sie, seine Gegenwart zu spüren und seine Züge zu erahnen. Als sie ihn schließlich in Bethlehem zur Welt bringt, sind auch die Augen ihres Leibes zärtlich auf das Angesicht des Sohnes gerichtet, den sie in Windeln wickelte und ihn in eine Krippe legte (vgl. Lk 2, 7)."(Johannes Paul II, Apostolisches Schreiben Rosarium Virginis Mariae, Nr. 11)

Der adventliche Blick weitet sich am 8. Dezember überraschend in die Tiefe, wenn wir sie, die Mutter guter Hoffnung, selbst im Schoß der eigenen Mutter Anna betrachten – so wie es uns der Festkalender nahelegt. Im Licht des Glaubens erkennen den gottgewollten Sinn ihres Geschöpfsein an seinem Anfang. Das Festgeheimnis des 8. Dezember „lenkt den Blick des Betrachters von den äußeren Ereignissen und Merkmalen des Marienlebens auf einen verborgenen inneren Vorgang, von dem Maria schon im ersten Augenblick ihres Daseins betroffen war: die Befreiung von der Erbsünde im Augenblick ihrer eigenen Empfängnis im Mutterschoß." (Leo Scheffczyk).

Die geläufige Bezeichnung dieses Marienfestes neun Monaten vor dem Fest Mariä Geburt ist die „Unbefleckte Empfängnis". Sogar theologisch Gebildete verwechseln das Gemeinte mit der vaterlosen Empfängnis Jesu oder – noch missverständlicher – mit der Zeugung durch ihre Eltern. Die eigentliche liturgische Bezeichnung ist klar, dafür aber umständlich: „Hochfest der ohne Sünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria".

Die Begnadete schlechthin

Am Anfang steht, dass sie der Engel Gabriel in Nazaret aufsucht und anspricht: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe." (Lk 1,28f) „Der Engel nennt sie so, als ob dies ihr wahrer Name sei. Die er anspricht, nennt er nicht mit dem Namen, der ihr unter den Menschen zu eigen ist: ‚Miryam' – Maria, sondern mit diesem neuen Namen: ‚Begnadete'." (Hl. Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris Mater, Nr. 8).

Was heißt, dass Maria die Begnadete, die Gnadenvolle ist? Das spontane Empfinden verbindet das Wort mit: Geschenk, Gabe. Eine Gnade wird mir unverdient, unerwartet zuteil; nicht zufällig wie in einer Lotterie, sondern beabsichtigt, aus Güte und Zuneigung – und dabei auch einseitig, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Im Lateinischen hat das Wort gratia gegenüber dem deutschen „Gnade" eine weitere, das Empfinden mächtig anregende Bedeutung: Grazie, Anmut, Schönheit, Charme … Was ist also Gnade? Sie ist Gabe und Geschenk, sie schafft Anmut und Schönheit. Das originale griechische Wort des Evangeliums für Begnadete, kecharitoméne, bezeichnet keine Eigenschaft oder Qualität Mariens, an der sie lediglich in intensiverer Weise teilhätte als die anderen Menschen. Vielmehr wird es wie ein Name oder Titel gebraucht und besagt, „dass der Träger dieses Namens nicht nur die Fülle der Gnade besitzt, sondern dass die Gnade geradezu seinen Charakter und sein Wesen bestimmt und ausmacht" (Scheffczyk).

Von der Erbsünde nicht befreit sondern bewahrt

Die theologische Durchdringung dieser Realität reifte im Glaubensbewusstsein der Kirche nur langsam heran. Immer tiefer war sie zum Sinn des Engelgrußes vorgedrungen, der Begnadung Mariens und dem Geheimnis ihrer Gottesmutterschaft und hatte dort die makellose Reinheit Mariens gleichsam erahnt. Doch vom Gehalt des Glaubens her schienen schwerwiegende Einwände dagegenzustehen: Wie lässt sich eine vollständige Sündenfreiheit Mariens mit der allgemeinen Erlösungsbedürftigkeit der Menschen vereinbaren? Oder war Maria nicht erlösungsbedürftig? Deshalb ist es nicht überraschend, dass auch Heilige und innige Marienverehrer wie Bernhard von Clairvaux (†1153) eine Freiheit Mariens von der Erbschuld ablehnten.

Zur Klärung kam es durch eine immer tiefere Einsicht in das Werk der Erlösung und in Mariens unvergleichliche Nähe zu ihrem Sohn, dem Erlöser. Auch sie war ein erlösungsbedürftiges Geschöpf. Gott aber hat sie im Voraus erlöst – also nicht wie uns von der Erbsünde befreit, sondern von der Erbsünde bewahrt. So ist Maria die Begnadete schlechthin. „Bei Maria fallen Schöpfung und Begnadung in eins, während die Begnadung bei allen anderen Menschen (nach dem Einbruch der Menschheitssünde) dem Geschöpf hinzugegeben wird. Weil aber die Menschwerdung des Sohnes seit Ewigkeit vorausbestimmt war, erfolgte auch die Bestimmung Marias zur vollkommen Begnadeten im Hinblick auf Christus von Ewigkeit her." (Scheffczyk)

Die Anrede des Engels ist das erste, was wir über Maria hören. Auch sie selbst erfuhr durch den Gruß von ihrer Berufung: Die sollte tiefer reichen als die verbreitete, aber vage Erwartung frommer Schwangeren in Israel, ihr Kind könnte zum Messias ihres Volkes werden. Mariens Sohn sollte vielmehr der sein, dessen Kommen die Propheten geheimnisvoll angedeutet und dessen Geburt der Engel nun angekündigt hatte.

Als sie so endgültig in das Geheimnis Christi eingeführt wurde, begann der Neue Bund. Dieser Augenblick war zugleich „der Ausgangspunkt, an dem ihr ganzer ´Weg zu Gott´, ihr Glaubensweg insgesamt, beginnt." (Hl. Johannes Paul II., Enz. Redemptoris Mater, Nr. 14). Da wird deutlich, wozu sie geboren wurde, was der Sinn ihres Lebens war. Sie ist die Mutter des Erlösers – das ist das Geheimnis ihrer Berufung. Sie ist unsere Mutter – das ist Teil unserer Begnadung. Beides hatte schon nach der Ursünde die Verheißung an die Stammeltern schattenhaft angedeutet. Beides ist nun in die Zeit, in die Geschichte der Menschen eingetreten.

Im Advent können wir sie die „erste Christin" nennen.

So wie die weiße Farbe alle Farben sammelt, fasst die Anrede des Engels alle geschaffene Schönheit zusammen. Große Seelen ahnen, was es bedeutet, dass Maria ihr Ich ganz auf Gott ausgerichtet hält, dass sie Eigennutz, Geltungsdrang, Eitelkeit, Rechthaberei restlos zurückstellt. Was vermag diese Frau, die sich selbst und die ganze Schöpfung ganz transparent sieht – ohne die Schleier der Selbstsucht? Diese Frau, die „den Heilswillen Gottes mit ganzem Herzen und von Sünde ungehindert" umfängt? (II. Vatikanum) – Die Antwort versagt sich dem Nachdenken, der Erfahrung und dem Blick ins eigene Ich. Nur der Beter kann sie erahnen, wenn er auf Maria schaut. So kann er Maria schon jetzt auf dem adventlichen Weg zur Weihnacht „causa nostrae laetitiae" nennen: Du Grund unserer Hoffnung.