Vorbild für Treue zur Kirche

Stützpfeiler des Opus Dei nach dem Zweiten Vaticanum – Persönliche Erinnerungen an Bischof Álvaro del Portillo. Von Bischof Klaus Küng

Seliger Bischof Alvaro del Portillo

Die Seligsprechung von Bischof Álvaro del Portillo am 27. September 2014 ist für alle, die ihn gekannt haben, eine Freude. Seine väterliche Art, die Güte ausstrahlte, zugleich festen Halt vermittelte und zum Mitwirken an der Sendung der Kirche anspornte, ist ein Vorbild gerade für unsere Zeit.

Persönlich erlebte ich ihn zunächst bei meinem Studienaufenthalt in Rom von 1965 bis 1969 als stets aufmerksamen, liebevollen und freundlichen Begleiter des heiligen Josefmaría Escrivá, des Gründers des Opus Dei. Wir, die als Mitglieder des Opus Dei damals aus aller Welt zum Theologiestudium nach Rom gekommen waren, wussten von seinen außerordentlich großen intellektuellen Fähigkeiten und seiner breit gefächerten beruflichen Ausbildung als Bauingenieur, Doktor der Philosophie und Theologie; wir wussten auch, dass er seit frühester Zeit in unterschiedlichen Ämtern immer an der Seite unseres Gründers war. Ich war in Rom drei Monate vor dem Abschluss des II. Vatikanischen Konzils angekommen und konnte noch hautnah erleben, mit welcher übernatürlichen Gelassenheit er seine intensive und anerkannte Mitwirkung in mehreren Konzilskommissionen mit den Aufgaben vereinbarte, die er an der Seite des heiligen Josefmaría erledigte. Auch nach dem Konzil wurde er vom Heiligen Stuhl in vielen Belangen zur Mitarbeit herangezogen. Wenn er zu uns kam, blieb er aber fast immer im Hintergrund, war ein stiller Zuhörer und vermied alles, was die Aufmerksamkeit vom heiligen Josefmaría hätte ablenken können.

Nach seiner Wahl zum Nachfolger des heiligen Josefmaría änderte sich die Situation radikal. Tatsache ist, dass der heilige Josefmaría ihn und uns schon viele Jahre vorher auf diesen Augenblick vorbereitet hatte. Álvaro del Portillo, der „neue Vater“, strahlte so viel Güte aus, war in seinem Auftreten so natürlich und bescheiden, dass ihm alle Herzen zuflogen, und mit jedem Wort, das er an uns richtete, wurde dies verstärkt, weil sein ganzes Wirken darauf ausgerichtet war, die gleiche Geisteshaltung lebendig zu halten, ja, zu vertiefen, die er und wir alle von unserem Gründer empfangen haben. Durch seine väterliche Art und seine totale Identifikation mit dem heiligen Josefmaría trotz großer Verschiedenheit des Temperaments vermochte Álvaro del Portillo zu erreichen, dass die tiefe Wunde, die der Tod des Gründers in uns hinterlassen hatte, zu einer neuen Quelle der Hingabe an Gott wurde. Und so ist es möglich geworden, dass der Tod des heiligen Josefmaría keinerlei Einbruch in der Entwicklung des Opus Dei ausgelöst hat, wie das bei nicht wenigen anderen kirchlichen Neugründungen geschehen ist. Im Gegenteil: Die Einheit des Opus Dei wurde gestärkt und ein neuer apostolischer Aufbruch eingeleitet. Álvaro del Portillo erwies sich tatsächlich als „Fels“, wie ihn viele Jahre zuvor bei manchen Gelegenheiten der Gründer liebevoll bezeichnet hatte. Gleichzeitig entwickelte er als Prälat des Opus Dei eine beachtliche Dynamik, die zu zahlreichen Neugründungen in anderen Ländern und in der ganzen Welt zur weiteren Ausbreitung der apostolischen Arbeit führte.

„Er war in seinem Auftreten natürlich und bescheiden“Zwischen 1978 und 1986 entfaltete Álvaro del Portillo eine intensive Reisetätigkeit vor allem in die Länder Mitteleuropas, auch nach Österreich, um die seelsorgliche Arbeit anzuspornen. Ein Jahr nach dem Tod unseres heiligen Gründers wurde ich 1976 zum Regionalvikar des Opus Dei in Österreich ernannt, so dass ich in dieser Zeit teilweise direkter Zeuge der Treue wurde, mit der Prälat Álvaro den wichtigsten Auftrag unseres heiligen Gründers fortsetzte. Johannes Paul II. hatte Álvaro del Portillo angeregt, die endgültige kirchenrechtliche Verankerung des Werkes voranzutreiben. Don Álvaro hatte bereits 1962 in der Konzilsaula Kardinal Franz König, Erzbischof von Wien, kennengelernt, der danach mehrmals in Rom Gast des heiligen Josefmaría gewesen war und das Opus Dei seit 1957 kannte. Daraus war eine langjährige Freundschaft entstanden, so dass Kardinal König bereitwillig den Antrag, den Álvaro del Portillo beim Heiligen Stuhl stellen musste, nicht nur unterstützte, sondern ihn auch in den verschiedenen römischen Instanzen mitverfolgte. So konnte ich jene denkwürdigen neun Reisen des Prälaten des Opus Dei nach Österreich in der Zeit von Januar 1979 (vor dem erwähnten Antrag) bis Dezember 1982 (Umwandlung des Opus Dei in eine Personalprälatur) erleben. Er hat nicht nur immer wieder den Wiener Kardinal getroffen, sondern auch die Gelegenheit zu Wallfahrten genützt. Er scheute nicht nur keine Mühe, um das wichtige Ziel – die Erlangung einer der Wesensart des Opus Dei entsprechenden Rechtsgestalt – zu erreichen, er hat dafür persönlich viel gebetet und auch viele andere dazu angehalten. Don Álvaro hat dieses Anliegen der Fürsprache der Mutter Gottes anvertraut und auch in Österreich unermüdlich Kirchen und Wallfahrtsorte der Mutter Gottes aufgesucht: ganz besonders oft den Altar Maria Pötsch im Wiener Stephansdom. Dort befindet sich die Ikone, die er zum ersten Mal zusammen mit dem heiligen Josefmaría 1955 besucht und verehrt hatte, und wo beide das Apostolat des Opus Dei in Österreich und den kommunistisch besetzten Ländern Osteuropas der Jungfrau Maria anvertraut hatten. Er war aber auch im österreichischen Marienheiligtum Mariazell und hat in den Kirchen in Wien am Kahlenberg, in Mariahilf und in Maria Hietzing, vor der Mariensäule Am Hof, im steirischen Wallfahrtsort Pöllauberg sowie in zahlreichen anderen Wallfahrtskirchen gebetet.

Später verstand ich nach und nach besser, warum es so wichtig war und wie schwer und beschwerlich jener Weg zur Erlangung der Personalprälatur gewesen ist, und so konnte ich besser den Glauben und die Treue zum Charisma des heiligen Josefmaría schätzen, die Don Álvaro bewegten. Ich bin überzeugt, dass er mit seiner Zuversicht auch Kardinal König ansteckte.

Unvergesslich ist mir ein besonderes Erlebnis: Einmal an einem Samstag im Frühjahr 1980 hatte mich Prälat Álvaro telefonisch gebeten, ich sollte so bald wie möglich den Kardinal kontaktieren und ihn bitten, ob er am darauf folgenden Dienstag in Rom sein könnte: es gehe um eine wichtige Sitzung, bei der seine Anwesenheit sehr notwendig wäre.

Dieser Auftrag war eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Ich wusste, dass Kardinal König einen vollen Kalender hatte. Von ihm zu erwarten, sich so plötzlich einen Tag für eine Reise nach Rom freizumachen, war fast eine Zumutung. Ich wusste außerdem nicht, wo sich Kardinal König an diesem Wochenende aufhielt. Für einen Anruf bei seinem Sekretär war es zu spät. Ich entdeckte in einem Veranstaltungskalender der Erzdiözese Wien, dass er in einem kleinen Ort südlich von Wien eine Pfarr-Visitation absolvierte, die mit der Firmspendung begann. Ob es dort überhaupt die Möglichkeit gab, mit dem Kardinal allein zu sprechen? Das war eher unwahrscheinlich. Da ich aber verstanden hatte, wie wichtig die Angelegenheit war, begann ich die Fürsprache des Dieners Gottes Josefmaría intensiv zu erbitten. In der Früh nahm ich das Auto und fuhr – ohne jede Terminvereinbarung – in den Ort der Firmung, Grimmenstein. Dort befindet sich die Pfarrkirche etwas entfernt vom Dorfkern auf einer Anhöhe. Als ich ankam – das Auto parkte ich am Fuße der Anhöhe – war die Firmungsmesse bereits im Gange. Ich ließ mich diskret im Presbyterium der Kirche nieder. Der Sekretär des Kardinals sah mich sofort und verstand, dass ich etwas vom Kardinal wollte.

„Heute ist das Opus Dei in rund 65 Ländern vertreten“Am Ende der Messe stellten sich die Firmlinge, die Ministranten und die Geistlichkeit vor der Kirche in Prozessionsordnung auf, um, mit der Musik an der Spitze, gemeinsam mit dem Kardinal von der Kirche ins Dorf zu ziehen. Der Kardinal lud mich ein, mit ihm zu gehen. Es war unglaublich: die Wegstrecke genügte, um dem Kardinal die Bitte vorzutragen und das Erstaunliche war, dass er mir sofort die Zusage gab. Für mich bestand kein Zweifel: die Fürbitte des heiligen Josefmaría Éscriva hatte erwirkt, dass sich alles so wunderbar fügte. Man hätte es nicht besser planen können. Es war eine Gebetserhörung, zugleich aber auch eine Art „Wunder“ von Álvaro del Portillo, der mit einem riesigen Vertrauen in die Hilfe Gottes die Schritte setzte, die ihm nötig schienen. Es war dann nur mehr notwendig, den Termin mit seinem Sekretär abzustimmen, damit er die entsprechenden Umplanungen durchführte.

Zum besseren Verständnis: Der heilige Josefmaría hatte am 2. Oktober 1928, am 14. Februar 1930 und am 14. Februar 1943 die großen Eingebungen für die Gründung des Opus Dei empfangen: Der universale Ruf zur Heiligkeit für Männer und Frauen, die mitten in der Welt leben, aus allen sozialen Schichten kommen und in allen möglichen Berufen tätig sind. Dieser Ruf richtete sich an Laien, Verheiratete und Unverheiratete und Priester.

Vom Beginn an wurden die für die kirchliche Anerkennung nötigen Schritte gesetzt: zunächst in der Diözese Madrid, wo das Opus Dei entstanden ist, dann beim Heiligen Stuheiligen Álvaro del Portillo wurde, – obwohl damals noch sehr jung – von Anfang an vom Gründer in alle wichtigen Angelegenheiten einbezogen. 1943 bekam er, noch als Ingenieur tätig, sogar den Auftrag, im Namen des Gründers Papst Pius XII. das Opus Dei vorzustellen und bei den zuständigen Kongregationen die diözesane Errichtung der Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz voranzutreiben. Mitten im Zweiten Weltkrieg reiste er zu diesem Zweck nach Rom. Er war damals gerade 35 Jahre alt und Laie. Im Oktober 1943 erhielt das Opus Dei das „Nihil obstat“ auf der kirchenrechtlich damals einzig möglichen Option. Josefmaría Escrivá war für diesen Schritt sehr dankbar, weil dies die Voraussetzung für die Weihe eigener Priester für das Opus Dei bedeutete. So kam es, dass Álvaro del Portillo zusammen mit zwei weiteren Mitgliedern im Jahr 1944 die Priesterweihe empfangen konnte. Escrivá war klar, dass die nun verwendete Rechtsform dem Geist und den Wesensmerkmalen des Opus Dei nicht wirklich entsprach. Erst im Zweiten Vatikanischen Konzil wurden die Voraussetzungen für neue Rechtsformen geschaffen, die dem Wesen und der Sendung des Opus Dei entsprachen. Die Zeiten nach dem Konzil waren bewegt. Der heiligen Josefmaría konnte nicht mehr selbst erleben, was für die Gründungsphase des Opus Dei den wichtigen rechtlichen Schlussstein bilden sollte. Das war die Aufgabe seines Nachfolgers.

Álvaro del Portillo erreichte es mit großem Vertrauen, unglaublicher Umsicht, auch hervorragender Sachkenntnis und Fleiß: Im Jahr 1982 wurde das Opus Dei von Johannes Paul II. als Personalprälatur errichtet. Diese Rechtsform entspricht dem säkularen Charakter der Gläubigen, die dem Opus Dei angehören, sie regelt die Eingliederung des Opus Dei und seiner Sendung in die Hierarchie der Kirche sowohl auf universaler als auf teilkirchlicher Ebene und gewährt dem Opus Dei doch auch die erforderliche Selbstständigkeit. Ich kann mich noch gut erinnern, wie glücklich und dankbar Álvaro del Portillo war, als dieser Schlussstein, die Errichtung der Personalprälatur, gesetzt war.

Dann kam noch eine neue Aufgabe hinzu: Als Josefmaría Escrivá starb, äußerten zahlreiche Kardinäle, Bischöfe, Personen des öffentlichen Lebens und Tausende einfache Gläubige den Wunsch, möglichst bald den Seligsprechungsprozess für Escrivá, von dessen heiligmäßigem Leben sie überzeugt waren, einzuleiten. Álvaro del Portillo scheute keine Mühe, diesem Wunsch zu entsprechen. Der Seligsprechungsprozess war Gelegenheit, das Leben und die dem Gründer des Opus Dei aufgetragene Botschaft der Taufberufung und Alltagsheiligung noch weiter zu verbreiten und ihre große Aktualität aufzuzeigen. Durch die Selig- und später folgende Heiligsprechung im Jahr 2002, die Álvaro del Portillo selbst nicht mehr erlebt hat, erfuhren außerdem der Gründer des Opus Dei und sein Werk eine weitere, feierliche Bestätigung der Kirche.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Der neue Selige war treu zur Kirche – im Großen und im Kleinen. Mit ihm ist die Gründungsphase des Opus Dei zum Abschluss gelangt. Er war mit ganzem Herzen bemüht, für die Söhne und Töchter des Gründers auch „Vater“ zu sein und alles zu tun, damit der Ruf zur Heiligkeit unter Männern und Frauen, Verheirateten und Unverheirateten, Priestern und Laien weiter verbreitet wird. Es ist dem Gründer, dem heiligen Josefmaría Escrivá, aber auch dem Diener Gottes Bischof Álvaro del Portillo (1991 wurde er zum Bischof geweiht) zu verdanken, dass das Opus Dei nach dem Konzil keine Erschütterung erlitten hat, wie das vielen anderen Einrichtungen der Kirche in diesen Jahren widerfahren ist. Der heiligen Josefmaría hat mit großer Klarheit des Geistes seine Töchter und Söhne auf sicherem Weg geführt und Bischof Álvaro setzte diesen Weg mit einer beeindruckenden Treue fort. In seiner Zeit als Prälat des Opus Dei leitete Alvaro del Portillo den Beginn der Arbeit des Opus Dei in zwanzig neuen Ländern ein. Heute ist das Opus Dei weltweit in rund 65 Ländern vertreten.

Quelle: Deutsche Tagespost, 5.3.2014